Forum Handel 4.0

Der Geist in der Maschine

Was kann Künstliche Intelligenz (KI) leisten, wo liegen die Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft und wo die Risiken? Darum ging es beim Forum Handel 4.0 des HDE. Auf dem Podium diskutierte Stephan Tromp mit Anna Christmann und KI-Experten.

Von Jens Gräber 13.11.2019

© Getty Images/MR.Cole_Photographer

Beim Forum Handel 4.0 des HDE ging es um KI.

Kommt die Sprache auf das Thema Künstliche Intelligenz, sind dystopische Szenarien häufig nicht fern: Menschen fürchten sich davor, als gläserne Existenzen in einer von Maschinen beherrschten Welt ihrer Freiheit und Privatsphäre beraubt zu werden. Vertrauen, stellt Tromp klar, ist daher der entscheidende Faktor. Denn: „Wenn Verbraucher kein Vertrauen zu neuen Technologien wie der Künstlichen Intelligenz haben, hat der Handel keine Chance, Dinge auszuprobieren.“ Eine ähnlich gelagerte Diskussion über Datensicherheit kam Anfang der 90er-Jahre auf, als die EC-Karten-Zahlung Einzug hielt. Diese Technik hat sich bekanntlich durchgesetzt. Beim Thema KI aber ist noch vieles offen.

„KI ist keine Magie“, betont Andrea Cornelius vom E-Commerce-Beratungsunternehmen Elaboratum. Auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Anna Christmann, Mitglied der Enquetekommission zum Thema, betont: „KI ist kein Voodoo, alles ist nüchtern erklärbar.“ Soll heißen: Den Geist in der Maschine gibt es nicht. „Um zu lernen und Prognosen aufstellen zu können, ist die maschinelle Simulation menschlicher Intelligenz ganz schlicht auf Daten angewiesen“, erläutert Cornelius.

Um möglichst präzise Vorhersagen treffen zu können, sei es wichtig, Zugang zu möglichst vielen vorhandenen, aber oft separat gelagerten Datenschätzen zu ermöglichen, so Christmann. Konkurrierende Handelsunternehmen beispielsweise könnten wechselseitig von ihren Daten profitierten, indem ein neutraler Dritter als Treuhänder fungiere. „Wir brauchen diese Strukturen zum anonymen Teilen von Daten, und sie müssen rechtlich abgesichert werden.“

Datenanalyse ist der Schlüssel

Einigkeit herrscht auf dem Podium, dass das automatisierte Analysieren großer unstrukturierter Datenmengen, das sogenannte Text- und Data Mining, für die Branche unabdingbar ist. „Wir brauchen das, um vorherzusehen, was unsere Kunden wollen, und ihnen gezielt Angebote unterbreiten zu können“, erklärt Salah Zaykh von Rewe Digital, einer Tochter der Rewe Group.

Zwar sind viele Menschen besorgt darüber, was andere mit ihren Daten anstellen. Am Ende sei der Verbraucher aber doch aufgeschlossen gegenüber Dingen, die ihm das Leben bequemer machten, ist Tromp überzeugt. Seien die Vorschriften hierzulande zu streng, profitierten im Zweifel ausländische Anbieter. Daher sei es besser, diese Analysen in Deutschland durchzuführen, wo sich die Rahmenbedingungen gestalten ließen.

Das Tempo, in dem Künstliche Intelligenz lernt, ist jedenfalls beeindruckend – auch für Expertin Cornelius. Inzwischen sei sogar das Lesen von Gedankenströmen möglich geworden, erklärt sie. „Google hat den Anbieter eines Armbandes gekauft, das von den Gedanken seines Trägers gesteuert, Aktionen ausführen kann.“ Soll der Handel nun auch die Gedanken seiner Kunden lesen? Nicht ganz. „Aber Daten und KI ermöglichen es, den Kunden und seine Wünsche besser zu verstehen“, glaubt Cornelius. Auch bei der Automation von Prozessen könne KI helfen, was Kostenvorteile berge.

Automation ist das Stichwort. Bei Rewe Digital arbeitet Salah Zaykh genau daran. Scarlet One heißt das Projekt, bei dem ein Warenlager komplett automatisiert werden soll. „Die Software dafür schreiben wir selbst“, betont Zaykh. Derzeit experimentiere sein Team etwa mit Systemen, die den Barcode einlesen sollen, sobald ein Paket das Lager erreicht – im Vorbeigehen sozusagen, also wie bei Amazon Go.

Herausforderung für kleine Händler

„Innovative Technik kann den Lebensmittelmarkt in Deutschland komplett verändern“, glaubt Zaykh. Er appelliert an Händler und Politiker, Mut zu haben und rechtzeitig die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Es sei wichtig, Dinge auszuprobieren. Andere Länder seien schon weiter: „China experimentiert bereits mit einem selbstfahrenden Laden, der zum Kunden kommt.“

Europa müsse einen eigenen Weg finden, plädiert die Grünen-Politikerin Christmann. „Wir müssen ethische Grenzen ziehen und dadurch Vertrauen schaffen. Das ist Europas Rolle: Anwendungen für die neue Technik zu finden, die für die Gesellschaft Sinn ergeben.“ Das in China mithilfe moderner Technik praktizierte Social Scoring etwa, also das Vergeben von Punkten für sozial erwünschtes Verhalten, sei inakzeptabel.

HDE-Experte Tromp betont, er sehe die Grenzen der Technik dort, wo die menschliche Autonomie missachtet werde. „Die automatische Ablehnung eines Kredites oder einer Finanzierung etwa, ohne die Möglichkeit, mit einem Menschen darüber zu reden, geht zu weit“, findet er. KI-Expertin Cornelius hält dagegen, dass auch der Algorithmus der Schufa intransparent und nicht nachvollziehbar sei. Aber: „Klar ist trotzdem, dass KI ein mächtiges Werkzeug ist, das sich auf verschiedene Arten einsetzen lässt.“ Für kleine Händler stellt sich ohnehin eine ganz andere Frage: Wie sollen sie überhaupt den Einsatz neuer Technik wie Künstliche Intelligenz bewältigen? Tromp verweist darauf, dass viele in Genossenschaften oder Verbundgruppen organisiert sind – also nicht komplett auf sich gestellt. Auch das Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrum Handel des HDE unterstütze Unternehmen bei der Implementierung von KI-Lösungen. ●

Schlagworte: Forum Handel 4.0, KI, Digitalisierung

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