Väterlicher Rat for sale

Schüler und Studenten bessern ihr Taschengeld (oder das BAföG) gern durch Aushilfsjobs im Handel auf, doch die Aussicht auf eine Karriere in unserer Branche, so klagen viele Händler seit Jahren, reize nur die Wenigsten. Nicht sexy genug.

Von Ian McGarrigle 15.10.2018

© Getty Images/Tolga Akmen/AFP

Bedauerlicherweise hat sich das Image des Einzelhandels noch weiter verschlechtert. Mir war gar nicht bewusst, wie schlimm es tatsächlich steht, bis ich mit einem altgedienten, erfahrenen Händler in Führungsposition ins Gespräch über seine Tochter kam. Sie hätte das Zeug zu einer guten Einzelhändlerin, so der stolze Vater, doch er würde alles daran setzen, ihr diesen Beruf auszureden. Sein Argument: Für jemanden, der direkten Kundenkontakt schätzt, seien Tourismus oder Gastgewerbe doch gute Alternativen.

Der Grund für die väterliche Überzeugungsarbeit hat indes nichts mit der verbreiteten Geringschätzung einer Karriere im Einzelhandel zu tun, sondern mit den enormen Herausforderungen, vor denen viele etablierte Handelsunternehmen gerade stehen. Um sich gegen die erfolgreiche Onlinekonkurrenz zu behaupten und sich für die Zukunft zu rüsten, schließen im Moment viele Händler Standorte und entlassen Mitarbeiter.

Denkbar ungünstige Voraussetzungen für einen Arbeitgeber auf der Suche nach jungen Berufsanfängern. Denn was, bitte schön, will so ein Unternehmen mit Leuten anfangen, die wirklich Lust haben auf die mit dem Kaufen und Verkaufen verbundenen Emotionen, wenn es beim Einzelhandel augenscheinlich nur noch um Daten, Algorithmen und Logistik geht?

Erschwerend kommt sicher hinzu, dass die jetzt ins Berufsleben startende Generation der Millennials entweder in die großen Tech-Konzerne strebt oder gezielt nach Jobs in kleinen Unternehmen sucht, die ein hohes Maß an Flexibilität bieten. Was diese umworbene Generation Z eher nicht so attraktiv findet, sind die altvorderen Betriebe, in denen ihre Eltern noch ein ganzes Arbeitsleben verbracht haben.

Mit solchen Fragen muss sich auch der Handel auseinandersetzen. Denn um sich für die Zukunft zu rüsten, muss er neue Köpfe und Talente gewinnen. Und bitte nicht missverstehen: Das gilt ebenso für die Führungsebenen von Handelsunternehmen. Um nicht nur die nötigen neuen Führungsqualitäten ins Haus zu holen, sondern auch ein unmissverständliches Signal an jene zu senden, die man für die Branche begeistern möchte, muss sich in den Vorstandsetagen der Branche vieles grundlegend verändern. Marks & Spencer haben mit der Ankündigung der weltweit ersten „Retail Data Academy“ einen mutigen Schritt in die richtige Richtung gewagt.

In Zusammenarbeit mit dem britischen Technologieunternehmen Decoded werden demnächst mehr als 1.000 Mitarbeiter – vom Filialleiter bis zum Vorstand – digital fit gemacht, sodass es bei Marks & Spencer bald zu Recht „digital first“ heißt. Mit der Co-op-Gruppe hat auch ein großer britischer Lebensmitteleinzelhändler den Weg in die Zukunft eingeschlagen und den Mitbegründer der Musik-Streaming-App Shazam in den Vorstand geholt (als Non-Executive Director). Mit dieser Entscheidung wolle man die eigene Position in Sachen Digitalisierung und Technologie stärken.

Diese fraglos wichtigen Schritte sind hoffentlich mehr als leere Gesten. Denn allen Problemen zum Trotz bietet der Einzelhandel nach wie vor großartige Berufschancen – und zwar für so viele Talente, Fähigkeiten und Begabungen wie nie zuvor. Die Branche braucht die besten und hellsten Köpfe, die wiederum vom rasanten Tempo und von der Dynamik einer Branche profitieren, die sich so schnell wandelt wie kaum eine andere. Wer sich in den Einzelhandel wagt, gewinnt: enorme Verantwortung, Autonomie und die Aussicht auf eine echte Karriere.


Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und ist der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

Schlagworte: Kolumne, World Retail Congress, Karriere

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