Stromfressern auf der Spur

Vom Pilotprogramm Einsparzähler des Bundeswirtschaftsministeriums profitiert auch der Einzelhandel: Der Bund fördert die Ausstattung mit intelligenten Stromzählern und Überwachungssystemen. So können Händler ihre Einsparpotenziale exakt ausloten.

Von Joris Hielscher 05.02.2019

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Aufmerksam betrachtet Axel Hanold in seinem Büro im ersten Stock des Modehauses Wolber das Balkendiagramm auf seinem Computerbildschirm. Es zeigt ihm an, wie viel Strom in den vergangenen Wochen täglich in der Filiale verbraucht wurde. „Hier ist die Lüftung weitergelaufen“, ruft er und deutet auf einen überlangen Balken. Wegen eines Feiertags hatte das Geschäft für Damenmode geschlossen.

Trotzdem verzeichnet der Zähler rund 80 Kilowattstunden Stromverbrauch, was immerhin rund einem Drittel der Menge eines normalen Geschäftstages entspricht. Solche Stromfresser kann Hanold, kaufmännischer Leiter des baden-­württembergischen Einzelhandelsunternehmens, nun auf einfache Weise ausfindig machen – dank intelligenter Stromzähler und eines Onlineportals, das die erfassten Daten übersichtlich darstellt. Unternehmen wie Wolber profitieren beim Einsatz solcher Technik vom „Pilotprogramm Einsparzähler“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi).

In dessen Rahmen übernimmt der Staat drei Jahre lang 50 Prozent der Kosten für die intelligenten Zähler. Zusätzlich beraten Energieexperten des Unternehmens Meistro Energie die teilnehmenden Händler und unterbreiten während des Projektzeitraums Vorschläge zu Einsparungsmaßnahmen. Ein Förderantrag ist nicht notwendig, interessierte Händler können sich direkt bei Meistro Energie melden. Das Angebot richtet sich an Kleinstunternehmen sowie kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) im Non-Food-Einzelhandel.

Energiekosten weiter Ansteigend
Beim „Pilotprogramm Einsparzähler“ des BMWi ist der Name wörtlich aufzufassen: Dank moderner Zähler kann der Nutzer jederzeit sehen, wo er wie viel Energie einsetzt und wo genau es sich lohnt, Effizienzmaßnahmen durchzuführen. Energiesparen ist im Handel ein wichtiges Thema, aus Gründen des Umweltbewusstseins, aber auch aus rein wirtschaftlicher Notwendigkeit.

Laut der EHI-Studie „Energiemanagement im Einzelhandel 2017“ liegen die durchschnittlichen Energiekosten pro Jahr und Quadratmeter Verkaufsfläche im NonFood-Handel bei 28,95 Euro und machen damit einen Anteil von 1,3 Prozent des Nettoumsatzes aus. Angesichts wachsender staatlicher Abgaben und Netznutzungsentgelte müssen sich Händler in Zukunft auf weiter steigende Kosten einstellen.

„Energiekosten sind ein großer Block“, bestätigt Axel Hanold, der gemeinsam mit seiner Frau drei Filialen für Damenmode unweit von Baden-Baden betreibt. Das traditionsreiche Modehaus Wolber verfügt insgesamt über 1 400 Quadratmeter Verkaufsfläche. Die Filiale in Bühl mit 600 Quadratmetern Verkaufsfläche hat das Ehepaar vor gut einem Jahr mit intelligenten Stromzählern ausstatten lassen. Im Keller ersetzt nun ein hochauflösend messender Zähler den alten analogen Hauptzähler und erfasst den Gesamtverbrauch. Im Schaltschrank hängt modernste Technik zur Untermessung, Sensoren registrieren einzelne Abgänge. 15 einzelne Verbraucher, wie Beleuchtung, Lüftung oder Türluftschleier, werden separat erfasst.

„So kann ich genau sehen, welche Geräte wie viel Strom verbrauchen“, erklärt Hanold. Bis zu 96 Messpunkte vermag jedes Messgerät zu erfassen. Per Internetverbindung gelangen die erhobenen Daten automatisch weiter zum Onlineportal.

Verbrauch auf einen Blick erfassen
Dort kann der Einzelhändler die grafisch anschaulich visualisierten Verbrauchsdaten via App oder Browser einsehen. „Das Portal bietet einen deutlichen Mehrwert. Der Kunde sieht auf einen Blick seinen Stromverbrauch“, sagt René Bergander, Energiemanager bei Meistro Energie. Der Verbrauch wird sekundengenau gemessen. Hanold kann sich die Daten nach unterschiedlichen Parametern sortiert anzeigen lassen: gestaffelt nach Tagen, Wochen oder Monaten, als Gesamtverbrauch oder jeweils pro Messpunkt. Zusätzlich erhält er jede Woche einen automatisierten Bericht.

Das Modehaus Wolber nutzt das neue Überwachungssystem bisher vornehmlich zur Kostenkontrolle. Zudem hat Hanold seinen Abrechnungstakt auf eine monatliche Zahlung umgestellt. „Mit Schrecken kann ich mich an eine Jahresabrechnung erinnern, bei der wir mehrere Tausend Euro nachzahlen mussten“, sagt er. „Ohne dass wir es bemerkt hatten, war eine Lüftung permanent gelaufen.“ Dank der neuen Messtechnik und des Onlineportals würde dies nun umgehend auffallen. Zeigen sich Unregelmäßigkeiten beim Stromverbrauch, wird er umgehend informiert. „Gibt es eine Erklärung für die abweichenden Werte, wie einen Feiertag während der Woche oder einen verkaufsoffenen Sonntag, dann ist es in Ordnung. Wenn nicht, schaue ich genau hin“, erklärt Hanold.

Demnächst beginnt die Beratung durch Experten von Meistro Energie. „Wir brauchen zunächst eine angemessene Datengrundlage, um konkrete Einsparmöglichkeiten identifizieren zu können“, erklärt Energiemanager Bergander. Dabei nimmt er vor allem die Beleuchtung in den Blick, denn sie ist im Non-Food-Einzelhandel der mit Abstand größte Stromfresser.

Einen weiteren Vorteil hat die Technik zudem: Sie sensibilisiert für das Thema Energieverbrauch. „Weil ich wöchentlich einen Bericht erhalte, beschäftige ich mich nun regelmäßig mit unserem Stromverbrauch“, erklärt Axel Hanold. Bergander ergänzt: „Die Wirkung dieses psychologischen Effekts ist nicht zu unterschätzen. Wer sich seinen Energieverbrauch bewusst macht, fängt an zu sparen.“

Weitere Informationen zum Einsparzählerprogramm des BMWi finden Sie hier.

Zahlreiche weitere Informationen und praktische Tipps zur Effizienzsteigerung für Einzelhändler bietet das Portal der HDE-Klimaschutzoffensive.

Schlagworte: Energiekosten, Energiemanagement, HDE-Klimaschutzoffensive, BMWi, Einsparzähler

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