Beweglicher Riese

IT-Offensive: Ein Konzern wie Metro hat es in den Zeiten der Digitalisierung gegen agile Wett­bewerber schwer. Die Tech-Unit Metronom soll Bewegung, Start-up-Atmosphäre und neue Technologie in den Konzern bringen.

Von Ralf Kalscheur 13.08.2019

© Jan Voth

Metro Campus Düsseldorf

Monatlich misst Metronom per Umfrage die Stimmung unter seinen rund 2 500 Mitarbeitern. Die kreativen Entwickler sollen sich wohlfühlen und sich mit dem Unternehmen identifizieren, dessen digitale Zukunft sie gestalten. Die Metro AG hat im vergangenen Jahr ihre IT-Infrastrukturen umgebaut, die Strategie „Cloud first“ ausgegeben und mit der aus Metro Systems hervorgegangenen Tech-Unit Metronom auch die IT-Organisation umgekrempelt.

Der Kulturwandel des schwergewichtigen Handelskonzerns hin zu einem agil agierenden Player, der schnell und flexibel Ideen aufnehmen und Prozesse optimieren kann, zeigt sich auf dem Metro Campus in Düsseldorf nicht zuletzt in der Kleiderwahl. Der Unternehmensschriftzug Metronom steht wie ein Markenname auf T-Shirts und Kapuzenpullovern, die die Softwarearchitekten morgens immer öfter aus dem Schrank holen, beschreibt Timo Salzsieder den selbstbewussten Teamgeist. „Früher hätten wir die Leute wohl eher zwingen müssen, Sachen mit dem Aufdruck Metro Systems zu tragen.“ Der Chief Innovation Officer und Chief Solution Officer, der 2017 vom Hotelbewertungsportal Holidaycheck zu Metro wechselte, ist darauf angewiesen, dass seine Mitarbeiter den eingeschlagenen Weg der Erneuerung motiviert mitgehen.

Metronom pflegt die Softwarelandschaft des in 26 Ländern unter teils sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen operierenden Großhändlers an acht Standorten und betreut rund 3 000 Applikationen. Zu diesen gehören Neuerungen wie der „Wave“ genannte Seamless Check-out: Das System wiegt Einkaufswagen und scannt die einzelnen Produkte darin automatisch. „Wave“ beinhaltet auch eine Self-Scanning-Lösung. In Frankreich testet Metro gerade den Service, Kunden schwere Artikel selbst scannen und direkt ins Fahrzeug liefern lassen zu können. Und Blockchain-Technologie wird bei Metro bereits im Pilotstadium zur Archivierung eingesetzt.

Offene Schnittstellen zum Systemkern

Die Mitarbeiterteams sollen weitgehend selbstbestimmt alle zwei Wochen neue Lösungen und Funktionen erarbeiten, die dann umgehend an die einem Baukastensystem ähnelnde Gesamt-IT angedockt werden, so die Vision. Offene Schnittstellen zum Systemkern, der die Finanz- und Warenwirtschaft abdeckt, ermöglichen auch die Anbindung innovativer Software, die Start-ups im Acceleratorprogramm des Konzerns entwickeln. „Wir wollen den besten Kundenservice bieten“, erklärt Felix Lindemann, COO von Metronom. „Eigenentwicklungen sind dazu häufig am besten geeignet.“

„In den nächsten zwölf Monaten beschäftigen wir uns intensiv mit den Themen Robotik, Algorithmik, Smart Check-out, Visual Search und Recognition sowie Virtual und Augmented Reality“, zählt Salzsieder aktuelle Innovationsfelder auf. In Frankreich half Virtual Reality dabei, ein neues Marktkonzept zu entwickeln. 25 repräsentativ ausgewählte Kunden sind eine Woche lang in einem virtuellen Metro-Markt einkaufen gegangen. „Dank des Feedbacks waren wir in der Lage, das neue Marktkonzept in acht Monaten umzusetzen“, erzählt Salzsieder, der nach wie vor an die Zukunft der Verkaufsfläche glaubt: „Wir wollen Omnichannel-Händler sein.“

Im laufenden Jahr rollt Metro die neue, in den Niederlanden getestete Companion App in sieben europäischen Ländern aus. „Mobile erhöht die Akzeptanz des Kunden, sich mit neuen Technologien zu befassen“, sagt Salzsieder. Bereits rund die Hälfte der Besucher erreichten die Metro-Website über mobile Geräte. Die App inkludiert die Kundenkarte, Prospekte und die Artikelsuche online oder im Markt. Kunden scannen mit ihrem Smartphone Barcodes und erhalten, mittels Augmented Reality aufbereitet, Informationen über Nährstoffe, Haltbarkeit und Lieferketten.

Digitaler Fingerabdruck des Gesichts

Das Onlinegeschäft treibt Metro mit der in der Google-Cloud gehosteten Plattform „M-Shop“ voran, die es individualisiert für 14 Länder gibt. 3,4 Millionen Onlinebestellungen registrierte Metro im vergangenen Jahr. Nun drückt der Konzern, den der tschechische Milliardär Daniel Kretinsky übernehmen will, auch hier aufs Tempo: Aktuell zählt der M-Shop schon 125 000 Bestellungen pro Woche; bis Ende 2019 soll die Plattform in allen 26 Ländern, in denen die Metro aktiv ist, am Start sein.

In einem Pavillon auf dem Campus in Düsseldorf zeigt Metronom, wohin die Reise gehen könnte: Ohne Fotos aufzunehmen, können Kameras per „digitalem Fingerabdruck des Gesichts“ erkennen, ob ein Kunde schon einmal im Laden war. Geschlecht, Altersgruppe und Stimmung formen die Strategie für personalisierte Angebote am Regal. Schon heute setzt Metro Algorithmen zur Erstellung von Echtzeitcoupons ein; die relevanten Angebote kann der Kunde gleich nach Betreten des Markts an einem digitalen Counter abrufen. „Im Großhandel sind personalisierte Werbung und eine dynamische Preisgestaltung üblich“, bekräftigt Salzsieder die Akzeptanz der Maßnahmen – Datenschutz vorausgesetzt.

Zusammen mit der von Metronom verstärkt ins Visier genommenen, Algorithmen-basierten Analyse der Informationen von rund 24 Millionen Metro-Kundenkarten lassen sich künftig wertvolle Vorhersagen über das Kundenverhalten treffen. Diesen Datenschatz hat der Riese kleineren, bereits agilen Wettbewerbern voraus. 

Welche neuen Technologien beim Düsseldorfer Handels­konzern in Zukunft eine Schlüsselrolle spielen werden, verrät Metro-CIO und -CSO Timo Salzsieder hier auf handelsjournal.de im Interview.

Schlagworte: Metro, Digitalisierung, Metronom

Kommentare

Ihr Kommentar