Phase des Ausprobierens

Welches Potenzial der Trend zur virtuellen Welt Händlern bietet, verrät Jens Thiemann, CEO des Start-ups VRTX Labs und Sprecher der Virtual und Augmented Reality Plattform des Bundesverbands Deutscher Startups.

Von Nadine Meya 12.03.2019

© VRTX-Labs

Jens Thiemann, CEO von VRTX-Labs.

Worin unterscheiden sich Virtual und Augmented Reality?
Technisch betrachtet, geht es bei beiden Technologien um die Erstellung und Positionierung von 3D-Inhalten. Bei VR befindet sich der User allerdings in einer komplett virtuellen Umgebung und bekommt nichts von seiner Außenwelt mit. Bei AR hingegen werden verschiedene Informationslayer auf die physische Welt gelegt. Diese Layer kann entweder nur ich sehen, oder ich teile sie bei der kollaborativen AR mit anderen Usern. Wo wir einen weiteren Unterschied sehen, ist in der Art und Weise, wie die Technik in der breiten Masse Anwendung findet. Ich glaube nicht, dass wir in naher Zukunft täglich stundenlang eine VR-Brille aufhaben werden und uns aus der realen in eine VR-Welt flüchten. Bei AR kann ich mir das durchaus vorstellen. Sobald wir über Brillen verfügen, die die User gerne im Alltag aufsetzen, wird sich die Technologie auch durchsetzen.

Wann wird es soweit sein? Wie weit ist die Technologie heute?
VR ist schon fast wieder ein alter Hut. In der Automobilindustrie sehen wir seit fast zehn Jahren Anwendungen. Als 2016 aber Facebook mit der Oculus und HTC mit der Vive ihre ersten massenmarktfähigen 3D-Systeme herausgebrachen, nahm der Markt Fahrt auf. Mittlerweile kommen laufend neue Gerätetypen auf den Markt. Bei AR begann die erste Welle bereits mit Google Glass, gefolgt von der Einführung der Microsoft HoloLens im Jahr 2016. Auch dort gibt es seither von vielen Firmen neue Hardwareentwicklungen, zum Beispiel die viel diskutierte Magic Leap vom gleichnamigen Start-up aus den USA. Parallel zu AR über Brillen hat der gesamte Bereich AR auf Smartphones mit der Einführung der Softwareframeworks von Apple und Google, dem ARKit und ARCore, einen enormen Schub erhalten. Heute kann auf jedem modernen Smartphone AR technisch solide und stabil erlebt werden. Viele Unternehmen, die keine dezidierte Hardware entwickeln, schauen sich den Markt verfügbarer Geräte sehr genau an und nehmen sich die Technik heraus, die für den Anwendungsfall am besten geeignet ist.

Wie spiegelt sich diese Entwicklung in der Start-up-Szene wieder?
Durch die Hardware der großen IT-Player wurde die Technik insgesamt einem breiteren Kreis zugänglich. Das war vor allem für Start-ups der Auslöser, sich mit VR- und AR-Themen auseinanderzusetzen. Heute beschäftigen sich hunderte Start-ups mit der Technologie. Im Bereich AR auf Smartphones sehen wir Ideen, die von Rundgängen durch historische Altstädte über Echtzeit-Navigation im freien Gelände bis hin zum Marketing reichen.

Was müssen Händler machen, um die Technik zu erschließen?
Sie müssen den Realitätstechnikcheck machen. Jedem Unternehmen, das sich dazu entschieden hat, etwas mit AR oder VR zu machen, sollte mit einer Bedarfsanalyse starten. Die Kunst ist, aus dem Blumenstrauß technischer Möglichkeiten und Ideen den einen guten Use Case zu entwickeln. Das richtige Start-up zur Unterstützung zu finden, ist leider noch sehr mühsam und muss von Branche zu Branche recherchiert werden. Der Markt befindet sich in einer Phase des Ausprobierens.

Wo sehen wir Potenziale für den Handel?
Die Technologie ist im Handel für zwei wesentliche Bereiche spannend: die VR-Erweiterung durch Brillen vor Ort und zuhause sowie die AR-Erweiterung über das Smartphone. Es gibt VR-Konzepte, die die stationäre Ladenfläche auf ein Minimum reduzieren. Händler, die früher auf großen Flächen außerhalb der Städte ihre Produkte präsentiert haben, können ihre Geschäfte in höher frequentierte Lagen verlegen. Und Kunden haben die Möglichkeit, von zuhause aus virtuelle Rundgänge durch Geschäfte zu machen. Im AR-Bereich bewegen wir uns über das Smartphone. Seit anderthalb Jahren bietet Ikea seinen Kunden beispielsweise eine App an, mit der Möbel maßstabsgetreu in die eigenen vier Wände gebracht werden können. Es gibt auch Ansätze, Produktinformationen zur Verfügung zu stellen. Eine Idee: Zu Nahrungsmitteln passende Rezepte werden am Kochtopf angezeigt oder Schminktipps zu den neuesten Beautyprodukten gegeben. Hier entsteht für Händler ein neues Geschäftsfeld, das darauf abzielt, Kunden abseits der Produkte einen Mehrwert zu bieten. Nicht zuletzt eröffnet AR neue Möglichkeiten für das Marketing. Es können beispielsweise Lotterielose oder Gutscheine vor Ort via AR versteckt werden.

Wo sind die Grenzen der Technologie noch spürbar?
Die Hürde ist grundsätzlich der User. Obwohl wir über eine massenmarkttaugliche Technologie verfügen und die meisten Menschen in Deutschland ein Smartphone besitzen, das AR anzeigen kann, hat ein Großteil der User die Technologie noch nie im realen Einsatz erlebt. Sie kennen die Vorteile nicht. Es gibt deshalb leider noch wahnsinnig viele Berührungsängste. Wir brauchen also den Wissensaufbau. Unternehmen müssen einer breiteren Öffentlichkeit sinnvolle und funktionierende Use Cases zur Verfügung stellen. Dann können mithilfe der Technologie neue Differenzierungs- und Bindungsmöglichkeiten geschaffen werden. Worüber wieder eine stärkere Beziehung zum Kunden aufgebaut werden kann.

Was zeichnet sich für die Zukunft ab?
Alles, was die Fantasie hergibt. Verschiedene Unternehmen experimentieren mit der Möglichkeit, ein Selfie von sich zu machen, um diesem virtuell Kleidung anzuziehen. In diesem Bereich wird derzeit viel Forschungs- und Entwicklungsaufwand betrieben, um die Technologie massentauglich zu machen. Ein weiteres großes Feld ist es, haptisches und olfaktorisches Feedback zu ermöglichen. Auch daran wird derzeit viel geforscht. Dem potenziellen Kunden soll ein realistischerer Eindruck vermittelt werden, wie es sich anfühlt, ein Produkt zu besitzen.

Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit AR- oder VR-Anwendungen zu starten?
Facebook und HTC haben gerade ihre ersten Six Degree of Freedom VR-Headsets für 400 Dollar angekündigt. Auf der CIS hat ein chinesisches Start-up eine erste AR-Brille vorgestellt, die im Wesentlichen aussieht wie ein reguläres Modell. Es ist ein offenes Geheimnis, dass auch Apple und Samsung an AR-Brillen arbeiten. Wenn sich in zwei oder drei Jahren der erste richtig große Player traut, mit seiner Brille auf den Markt zu gehen, ist es zu spät, sich die Frage zu stellen, was man mit der Technologie machen kann. Das Ausprobieren ist mühsam und ein unsicherer Weg für alle Parteien. Wer es aber jetzt nicht macht, ist unvorbereitet, wenn die Technik sich auf breiter Front durchsetzt. Die Kunden werden dann schnell zu den Händlern gehen, die die neuesten Features anbieten. Die Technologie ist kein Hexenwerk. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, denn sie wird mit Macht kommen.

Schlagworte: Augmented Reality, Virtual Reality, Start-up

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