Kassensysteme

Smarte Lösungen aus der Wolke

Der Check-out wird variantenreicher. Intelligenz und Rechenleistungen wandern in die Zentrale. Immer mehr Anwendungen kommen aus der Cloud. Welche Trends sich rund ums Kassieren abzeichnen.

Von Eva Neuthinger 15.10.2019

© Getty Images/XlaoY un Li

69% aller Händler möchten ihren Kunden in Zukunft eine zusätzliche Bezahlvariante bieten.

Mitte August war bei Polly Schmincke Hochsaison: „Wir haben Einschulungswoche, mein Laden ist momentan sehr voll“, sagt die Inhaberin des Papierwarengeschäfts „Polly Paper“ im alten Scheunenviertel Berlin-Mitte. Die Einzelhändlerin vertreibt nachhaltig und umweltschonend produzierte Schul- und Bürobedarfsartikel. Sie verkauft ihr Sortiment online wie stationär. Doch selbst in Zeiten mit hohen Kundenfrequenzen gerät Schmincke nicht in Stress. Denn sie wickelt in ihrem 45 Quadratmeter großen Store sämtliche Check-out-Prozesse mit dem iPad ab. Ein stationäres Terminal ist nicht zu sehen. Auf der Theke stehen fürs Kassieren ein Kartenlesegerät, Drucker und Handscanner. Letztere werden vom iPad per Bluetooth angesteuert.

"Wegen unseres Onlineshops haben wir besondere Anforderungen an ein Kassensystem. Wir benötigen eine professionelle Basis, auf der wir viel gestalten können und flexibel sind. Außerdem müssen stationäres Geschäft und Onlineshop vernetzt sein, damit jeder Abverkauf direkt synchronisiert wird“, erläutert Schmincke.

Die Firmenchefin ist damit fortschrittlich aufgestellt. Mit Tablets und Smartphone wollen nach der aktuellen Kassenstudie des EHI Retail Institute 69 Prozent der befragten großen Einzelhandelsunternehmen ihren Kunden eine zusätzliche Bezahlvariante bieten. „Bereits heute haben 26 Prozent der Händler mobile Geräte mit Kassenfunktion im Einsatz“, so Cetin  Acar, Projektleiter Forschungsbereich IT beim EHI. 86 Prozent planten bei der letzten Befragung vor zwei Jahren, ihre Hardware in den nächsten Jahren ganz oder teilweise zu erneuern. Die Software der aktuell verwendeten Kassen ist durchschnittlich rund sechs Jahre alt. Viele Händler wollen sie daher austauschen.

Jeder zweite Einzelhändler setzt dabei auf neue Systeme. Die Gründe sind vielfältig: Die Anforderungen ändern sich. Unternehmen brauchen längst Omnichannel-fähige Lösungen. Sie wollen mobile Bezahlverfahren abwickeln können. Sie benötigen Software, die kundenbezogene Daten intelligent für personalisierte Services und Dienste verarbeiten kann. Betriebsfertige Komplettangebote sind daher das Thema. Die modernen Versionen integrieren in der Regel Warenwirtschaftsfunktionen, ebenso ein Auswertungstool für das kanalübergreifende Reporting. Der stationäre Verkauf ist mit dem Webshop vernetzt, entsprechend verfügt die Software über Click & Collect-Anwendungen. Hier geht es um Kundenservice: Laut EHI-Studie bieten 29 Prozent der befragten Filialisten Click & Collect; 71 Prozent der Panelteilnehmer wollen es künftig anbieten.

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Warenwirtschaftssystem integriert

In diesem Kontext gewinnt die Cloud-Fähigkeit der Kassenlösung für die Auswahl der Software an Relevanz. „Bei jeder internationalen Ausschreibung, an der wir uns beteiligen, ist diese als Muss-Kriterium gesetzt“, erklärt Holger Bellinghausen, verantwortlich für Cloudbetrieb und Services bei der GK Software SE, anlässlich eines EHI-Workshops in Köln. Er geht davon aus, dass sich „der Trend zu Cloudanwendungen auch bei deutschen Handels­unternehmen verstärken wird“. Diese stehen dem Auslagern sensibler Daten bislang eher kritisch gegenüber. Den Vorteilen einer geringeren Kapital­bindung durch den Verzicht auf eigene Serverkapazitäten, bessere Skalierbarkeit der Anwendungen und schnellere Integration neuer Dienste und Funktionen stehen Sicherheitsbedenken gegenüber.

Daher setzen viele Händler weiter auf das Hybridprinzip: Warenwirtschaft, Kassenapplikation sowie CRM-Anwendungen halten sie auf dem eigenen Server, beziehen aber ihre Büroanwendungen aus der Wolke, etwa Planungssoftware für die Logistik oder Software für Werbung. Das ändert sich allerdings inzwischen tendenziell. „Die Erfahrungen zeigen, dass Datensicherheit und permanente Verfügbarkeit der Anwendungen aus der Cloud voll gewährleistet sind“, betont Bellinghausen. Ikea hat als einer der Pioniere das Kundendaten-Management in die Cloud verlagert, worüber die Transaktionen über alle Vertriebswege zentral abrufbar sind.

Günstige Komplettlösung für KMU

In dieser Hinsicht mehr als eine Kasse will Marco Börries Einzelhändlern mit wenigen Filialen und kleinen Flächen bieten. „Wir statten die ,Kleinen‘ mit der Technik aus, die sie benötigen, um in einer vernetzten Welt gegen die ,Großen‘ wettbewerbsfähig zu sein“, sagt der Gründer und CEO der Firma Enfore in Berlin. Im August brachte er ein neues mobiles PoS-Terminal auf den Markt, das KMU alles aus einer Hand bieten soll: Kasse, Kartenzahlungen, Reservierungssystem, CRM, Warenwirtschaft und Bestellwesen mittels vorinstallierter Software. Die Lösung kostet rund 600 Euro. Von jedem Endgerät und von jedem Ort aus können Einzelhändler auf ein cloudbasiertes Kundenkonto zugreifen. Alle Daten sind gespeichert und permanent auf allen eingesetzten Geräten synchron abrufbar.

Auch Polly Schmincke kann ihre Zahlen, Daten und Fakten jederzeit in Echtzeit und von überall aus einsehen: „Das ist mir wichtig, um die Entwicklung sowohl im stationären Geschäft als auch im Onlineshop permanent im Blick zu behalten.“

Nahtlos und bequem

Vernetzte Funktionen, einfache Bedienung, schnelleres Kassieren: Die modernen Systeme setzen auf Digitalisierung und effiziente Prozesse.

Touchscreen: Tastaturen waren gestern. Touchscreens haben sich etabliert. Die Bildschirme werden größer, Multitouch setzt sich durch.

Betriebssystem: Microsoft-Lösungen sind gefragt, mit steigender Tendenz. Linux verliert zugunsten von Microsoft.

Hardware: Der Stromverbrauch der Prozessoren wird minimiert. Design gewinnt an Bedeutung. Je kleiner die Geräte, desto besser finden das die Händler.

Mieten statt kaufen: Die Technik entwickelt sich dynamisch. Entsprechend verkürzen sich die Einsatzzyklen. Einzelhändler können Systeme mit kurzen Laufzeiten mieten und später einfach austauschen. Vor allem bei Kartenterminals zeichnet sich hier ein Trend ab.

Server: Die sichere Anbindung durch Breitbandnetze ist inzwischen Standard. Immer mehr Einzelhändler verzichten auf Backoffice-Server in ihren Filialen. „Hier bahnt sich eine deutliche Veränderung an“, beobachtet Cetin Acar, EHI-Projektleiter und Autor der EHI-Kassenstudie. Noch aber haben 74 Prozent der Unternehmen sowohl Kassensysteme als auch Backoffice-Server in den Filialen.

Self-Scanning: Schneller und effizienter, keine langen Warte­schlangen an der Kasse: Entsprechend arbeiten Großfilialisten an innovativen Projekten mit Self-Scanning oder Self-Checkout.

Mobile Payment: Kontaktlos bezahlen, per Smartphone oder per Karte – der Anteil der Bargeldzahlungen sinkt tendenziell, selbst wenn in Deutschland immer noch weit häufiger als in anderen Ländern der Bon per Barzahlung beglichen wird. 

Schlagworte: Kassensystem, Cloud, Digitalisierung, Handel

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