Freie Kassenwahl

Produkte selbst scannen und am Ende am Automaten bezahlen: Mit ­Self-Check-out-Systemen schließen Kunden ihre Einkäufe in Eigenregie ab. Innovative Handelsunternehmen bieten ihnen diese Möglichkeit aus ­Imagegründen – und als praktischen Service.

Von Iris Quirin 20.12.2016

© Nixdorf

Das Geschäft im Markt „Essthetik“ an der Mannesmannallee in Mülheim-Dümpten brummt. Vor allem an Samstagen wurden die Schlangen an den acht Kassen des Edeka-Lebensmittelmarkts immer länger. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern überlegte Falk Paschmann von Edeka Paschmann, wie sich bei derselben Kassenzonengröße das Bezahlen effizienter und mit weniger Wartezeit für die Kunden bewerkstelligen ließe.

Die neue Idee: Die Mitarbeiterinnen sitzen nicht mehr neben dem Laufband an ihren Kassen, sondern stehen vor dem Band und nehmen anstelle der Kunden die Waren aus dem Einkaufswagen, legen sie aufs Band und scannen sie dabei. Die Kunden packen am Ende des Laufbands ihre Waren in aller Ruhe ein und bezahlen ihre Einkäufe an dem Bezahlterminal gegenüber. Kein Kunde muss mehr warten, bis sein Vordermann seinen Einkauf bezahlt hat. Weiterer Vorteil: „Diese Art der Kassen benötigt nur die Hälfte des Platzes“, erklärt Paschmann. „So haben wir Platz für acht zusätzliche Self-Scanning-Kassen geschaffen. An diesen Kassen scannen die Kunden ihre Produkte selbst und können kleinere Einkäufe schneller erledigen.“

Dass Selbstbedienungskassen – kurz: SCO – keine Jobkiller sind, zeigt das Beispiel Paschmann auch, denn er hat für die Lösung sogar zusätzliches Personal eingestellt. „Für den Self-Scanning-Bereich mit seinen acht Kassen sind drei Mitarbeiter eingeplant“, erklärt der Unternehmer. Die Selbstbedienerkassen ließen sich mit dem Warenwirtschaftssystem verbinden; das ist für einen reibungslosen Prozess die Voraussetzung.

„SCO-Systeme sollten an bestehende POS- und Warenwirtschaftssysteme einfach anbindbar sein, um bereits getätigte Investitionen zu schützen und den Wartungs- und Betriebsaufwand möglichst gering zu halten“, erklärt Ralf Schienke, Salesmanager Retail Germany beim Anbieter Fujitsu. Außerdem müssen sie genau das können, was auch die von Mitarbeitern bedienten Kassen in einem Markt leisten. „Dazu gehören das Erfassen von Pfandgutschriften, Coupons und Kundenkarten sowie alle Möglichkeiten des Bezahlens vom Bargeld über Kartenzahlung bis hin zum mobilen Bezahlen per App“, erklärt Christoph von Lingen, Country Sales Leader für die Retaillösungen bei Toshiba.

Trotz der technischen Fortschritte setzen nur wenige deutsche Einzelhändler Self-Check-out-Kassen ein. „Bundesweit finden sich mehr als 300 Geschäfte mit stationären Selbstbedienungskassen und rund 25 Geschäfte, die mobiles Self-Scanning anbieten“, erklärt Simone Sauerwein, Projektleiterin Auftragsforschung beim EHI Retail Institute in Köln. Neben einem besseren Kundenservice durch kürzere Wartezeiten sehen die Händler in der technischen Ausstattung ihrer Filialen ein Differenzierungspotenzial gegenüber ihrem Wettbewerb sowie einen ordentlichen Imagegewinn.

Zeitersparnis und Preiskontrolle
Dass es noch nicht mehr davon gibt, liegt nicht an den Kunden. Nach der Kundenbefragung „Self-Scanning-Systeme“ vom EHI sind die deutschen Verbraucher diesen Systemen gegenüber durchaus aufgeschlossen. Als Gründe dafür gaben die meisten an, dass sie den Komfort schätzen, die Ware an der Kasse nicht noch einmal umpacken zu müssen – was besonders bei großen Einkäufen lästig ist. Sie mögen die Zeitersparnis, freuen sich, technische Innovationen kennenzulernen, und schätzen die Preiskontrolle während des Kassiervorgangs.

So wie im Edeka-Markt von Peter Simmel in Chemnitz. Er bietet seinen Stammkunden seit einem Jahr eine mobile Self-Scanning-Lösung an. Alle Inhaber der „Simmel-Karte“ können den „Simmel Shopper“ nutzen, ein handliches Scangerät, mit dem sie ihre Waren im Markt selbst scannen. Diese können sie gleich in ihrer Einkaufstasche verstauen; lästiges Umpacken vom Einkaufswagen aufs Band und wieder zurück sowie Wartezeiten an der Kasse sparen sie sich damit. „Einige Stammkunden sind echte Fans geworden“, berichtet Simmel.

Hohe Anschaffungskosten
Doch ob stationär oder mobil: Bei der technischen Umsetzung hinken deutsche Einzelhändler im Vergleich zu Märkten im Ausland hinterher. Ein Grund dafür ist, dass die Anschaffungskosten recht hoch sind, während hierzulande im Lebensmittelhandel die Margen geringer als in Nachbarländern sind. Frank Horst, Leiter des Fachbereichs Sicherheit und Inventurdifferenzen beim EHI Retail Institute, beziffert die Investition auf rund 120.000 Euro für ein Vierermodul SCO-Kassen inklusive Barzahlungsmodul. „Das ist mindestens dreimal so viel wie der durchschnittliche Preis von herkömmlichen Kassen“, sagt er.

Allerdings kann der Händler im Gegenzug eine Produktivitätssteigerung von bis zu 40 Prozent auf gleicher Fläche und bei gleichen Kosten erreichen, gemessen am Verhältnis Kunden pro Stunde. Um das Thema bekannter zu machen, hat das EHI mit SCO-Kassenanbietern, wie NCR, Diebold Nixdorf, Toshiba und Fujitsu, die „Self-Checkout Initiative“ (self-checkout-initiative.de) gestartet. Die Hersteller stellen Lösungen vor, die sich im Einsatz bewährt haben und sich neben traditionellen Kassen am POS etablieren.

Der neueste Trend ist das Scannen der Waren mit dem eigenen Smartphone und das anschließende Bezahlen mit einer App an der Kasse. Experten gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung ausweiten wird. Daher sind Händler gut beraten, bei der Wahl ihrer Lösung auch in dieser Hinsicht auf deren Zukunftsfähigkeit zu achten. „Die Bezahlterminals sollten aktuelle und künftige Zahlungsmöglichkeiten unterstützen, wie etwa per NFC, Mobiltelefon oder Smartwatch“, erklärt Hanno Kallmeyer, Director Solutions und Presales für Retaillösungen beim Anbieter NCR.

Eine der Voraussetzungen für ihre Durchsetzung hierzulande sieht Ulrich Völlmecke, Marketing Retail Area DACH bei Diebold Nixdorf, in der Flexibilität des Konsumenten und des Händlers: „Der Konsument wünscht sich in Zeiten von Omnichannel auch beim Einkauf in der Filiale die Wahlfreiheit zwischen Selberscannen und traditionellem Bezahlen an der Kasse.“

Beim Bezahlen liegt die Entscheidung dann am besten ebenfalls beim Kunden, denn in Deutschland gibt es nach wie vor viele Bargeldbefürworter. „Der Händler sollte darum die Möglichkeit haben, je nach Kundenaufkommen im Handumdrehen aus einer Self-Check-out-Kasse eine bediente Kasse zu machen“, sagt Völlmecke. Mit neueren Systemen ist das kein Problem.

Schlagworte: Kassensystem, Self Checkout, Unternehmen, Warenwirtschaftssystem

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