Kongress

Neudefinition der Zusammenarbeit

Digitalisierung, wachsende Kundenansprüche, immer kürzere Produktzyklen – für Handel und Industrie sind die Marktanforderungen kaum mehr allein zu bewältigen. Wie Maschinen dabei helfen können, war Thema beim ECR Tag.

Von Mirko Hackmann 09.10.2019

© GS1 Germany

Networking in den Hallen des Weltkulturerbes: Am Ende des ersten Veranstaltungstages stieg auf der Essener Zeche Zollverein für die rund 800 Teilnehmer des ECR Tages 2019 eine Party.

VUCA lautet die griffige Formel, mit der Manager die zunehmend als unübersichtlich empfundene Welt zu fassen suchen. Das Akronym steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. Ursprünglich geprägt hat den Begriff das amerikanische Militär am Ende des Kalten Krieges. Zwar rief damals der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ aus – doch letztlich wurde dann auch in der zivilen Welt alles viel komplizierter als zu Zeiten der Blockbildung. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mühen sich seither gleichermaßen mit den daraus resultierenden Steuerungsproblemen ab. In einer solchen Welt wird Leadership zu einem Himmelfahrtskommando – vor allem für jene, die auf altbewährte Führungsmethoden und Geschäftsmodelle setzen.

Für beide Bereiche gilt: Im Modus der kooperativen Zusammenarbeit mit den eigenen Mitarbeitern respektive mit Partnerunternehmen gelingt es besser, die hohen Anforderungen der VUCA-Welt zu meistern. Und paradoxerweise ist die Digitalisierung als Disruptionstreiber ein zentraler Auslöser der wachsenden Herausforderungen – wie sie zugleich für viele der neuen Herausforderungen die passende Lösung bereithält.

Wohin das im Extremfall führen könnte, erläutert der Technologieexperte Thomas Ramge anhand einer „Decentralized Autonomous Organization“ (DAO), in der selbstlernende Algorithmen sämtliche Prozesse steuern. „Solche voll automatisierten Unternehmen kommen ohne Menschen aus. Letztlich sind sie nur juristische Hüllen“, sagt Ramge. Onlineshops, wie der App Store, seien bereits auf diese Weise organisiert. Denn in spezifischen, klar geregelten Kontexten ließen sich Entscheidungen verlässlich automatisieren, sobald es gelinge, sämtliche Aufgaben als Vorhersagefälle zu konstruieren. Ramge: „Maschinen sind perfekt darin, anhand von Beispielen zu lernen und die Erkenntnisse in andere Kontexte zu übertragen.“ Insofern seien Künstliche Intelligenzen zwar hilfreich, letztlich aber nur „Fachidioten, die uns Menschen das Denken nicht abnehmen werden“.

 

Maschinen verkaufen an Maschinen

Um in der VUCA-Welt zu bestehen, seien von Mitarbeitern zudem Qualitäten wie Emotionalität, Empathie und Kreativität gefragt, meint Sabine Asgodom, Gründerin der gleichnamigen Inspiration Company. Sie setzt auf „Führung mit Seele“, denn wer keine Sinnhaftigkeit in seinen Aufgaben finde, sei weder angemessen motiviert noch offen für zunehmend wichtiger werdende Kooperationen. Gleichwohl räumt sie ein: „Für eine geglückte Customer Experience wird die Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Maschine zunehmend wichtig.“

Was aber, wenn Kunden obsolet werden? Diese Frage wirft Dirk Ploss in seinem Vortrag „Mensch oder Maschine – an wen müssen wir zukünftig verkaufen?“ auf. Der Technologiescout von Beiersdorf schreibt Algorithmen nicht nur die Fähigkeit zu, aus der Vergangenheit Regeln abzuleiten (deskreptiv), sondern das Verhalten von Menschen tatsächlich vorauszusagen (preskriptiv). „Künftig werden Maschinen noch vor den Kunden wissen, was diese wünschen“, ist Ploss überzeugt. Entsprechend müsse sich das Produktmarketing an Maschinen richten. „Intelligente Lautsprecher sind die Zielgruppe der Zukunft“, so der Futurist.

Schon heute aber gilt nach Überzeugung von Thomas Fell, CEO von GS1 Germany: „Wem es nicht gelingt, Retail seamless zu gestalten, der ist bald out of Retail.“ Selbst wenn Maschinen zunehmend zum „Rückgrat des Handels“ avancierten, sei gleichwohl die radikale Kundenorientierung auf Basis der Zusammenarbeit von Industrie und Handel der Königsweg. Und wie Fell die Sache sieht, müssen Unternehmen, die in der VUCA-Welt bestehen wollen, die notwendigen VUCA-Kompetenzen entwickeln. Aus Sicht des CEO sind dies: Vision, Understanding, Clarity und Agility.

Gemeinsam arbeiten im Interesse der Kunden

Bereits zum 17. Mal verlieh GS1 Germany die Auszeichnung für besondere Kooperationen und Verdienste rund um Efficient Consumer Response, also die Ausrichtung der Versorgungskette an Verbraucherbedürfnissen und Kundennutzen. Die Gala zum ECR Award 2019 fand in der Grand Hall auf der Zeche Zollverein in Essen statt. ln seiner Keynote appellierte der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Metro AG und Gründer der Stiftung „Forum für Verantwortung“, Klaus Wiegandt, an die Gäste aus Handel und Industrie, ihre Klimaschutzaktivitäten deutlich zu forcieren.

Schlagworte: Kongress, ECR-Tag, ECR, Digitalisierung, Maschinen, VUCA

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