Datenaffin auf kleiner Fläche

Ob Touchpad, Warenwirtschaftssystem oder digitale Kunden­karte – vor allem kleine Einzelhändler schrecken häufig davor zurück, in moderne IT-Technologie zu investieren. Dabei gibt es für vieles bereits günstige Lösungen. Ein Überblick.

Von 22.08.2017

© Qualitize

Für das Schuhhaus Bockstiegel begann die neue Zeitrechnung im Oktober des vergangenen Jahres. Das 138 Jahre alte Traditionsgeschäft im ostfriesischen Leer führte eine digitale Kundenkarte ein, samt QR-Code, iPad und Smartphone-App. „Die Zeiten wandeln sich gewaltig“, sagt Cornelius Uphoff, der den Laden in vierter Generation betreibt. „Wir versuchen uns nach Kräften zu wehren.“ Das heißt für ihn: mitziehen mit der Digitalisierung und aufrüsten.

Uphoff ist ein Beispiel dafür, dass auch kleine Händler die neue Generation der Informationstechnik produktiv nutzen können. Zwar ist vieles, was derzeit unter dem Stichwort digitale Revolution auf den Markt kommt, für den inhabergeführten Einzelhandel eine Nummer zu groß und zu teuer. Doch wie bei jeder neuen Technik werden sich Standards etablieren, die dann auch günstiger sind. Und schon heute gibt es Lösungen, die weitgehend unabhängig von der Ladengröße funktionieren.

Wie Point4more, für das sich Uphoff entschieden hat. Das Kundenleitsystem der Firma Convercus aus Landshut ist, in der Basisversion, ab 45 Euro im Monat erhältlich und um Features wie Datentracking und mobile Kommunikation erweiterbar. „Das hat ungeheures Potenzial“, findet Uphoff. Vorerst nutzt er das System vor allem als Treueprogramm; rund 1 300 Kunden haben sich schon angemeldet. Uphoff will weitere Händler von den Vorteilen überzeugen – die Karte kann auch im Verbund genutzt werden.

Wer digitale Features nutzen will, muss oft zuerst in Infrastruktur investieren. Digitale Plakate etwa setzen nicht nur Bildschirme voraus, sondern auch Betreibersoftware, etwa vom Marktführer Online Software AG. Wer eine Smartphone-App anbieten will, in die Kunden bei Betreten des Ladens einchecken, muss WLAN bereitstellen. „Zu Beginn sollten technische Anforderungen an Systeme sorgfältig definiert und geprüft werden“, empfiehlt ein Leitfaden der Mittelstand 4.0-Agentur Handel.

Warenwirtschaftssystem als Grundlage
Immerhin haben sich Anfang des Jahres sechs Anbieter zur Internet-of-Things-Plattform Acuitas Digital zusammengeschlossen, darunter Intel, British Telecom und RetailNext. Das Pilotprojekt in einer Thomas-Pink-Filiale in New York erfasst und analysiert Waren- und Besucherströme in Echtzeit, kontrolliert via RFID-Etiketten automatisch das Inventar und gibt, kombiniert mit Digital Signage, individuelle Kaufempfehlungen. In solchen umfassenden Plattformen, so glauben viele Branchenkenner, liegt die Zukunft.


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In der Gegenwart verfügen nicht wenige Händler nicht einmal über ein Warenwirtschaftssystem, vor allem wenn das Sortiment sehr individuell ist und die Ware keinen Barcode besitzt. Es gibt sie ja noch, Familienbetriebe wie das Reformhaus Loh in Dießen am Ammersee, wo 50 Strohhutmodelle einer lokalen Manufaktur angeboten werden und der Inhaber selbst einmal im Monat nach Tirol fährt, um Wurst und Nudeln einzukaufen.

Allerdings ist ein digital gestütztes System vielfach Voraussetzung für weiteren Fortschritt. In das cloudbasierte Warenwirtschaftssystem für Telefonie- und Elektronikhändler etwa, das die Brodos AG in Baiersdorf entwickelt hat, kann eine Einkaufsplattform integriert werden. Die wiederum bildet die Grundlage für den Brodos.net Kiosk, der das stationäre Angebot erweitert. Bei Cornelius Uphoff wird die Verknüpfung von Warenwirtschafts- und Kundenkartensystem individuelle Kundenstatistiken ermöglichen. Das erleichtert Planung und Service. Wichtig für ihn ist auch, dass das Kaufdatum jederzeit nachweisbar ist: „Die Kunden unterschätzen häufig, wie lange sie ihre Schuhe schon tragen.“

Auch als Insellösung funktionieren die Touchpads des Hamburger Start-ups Qualitize, auf denen Kunden via Smiley Feedback zu Service, Warenpräsentation oder Sortiment geben. Einzige technische Voraussetzung ist eine Steckdose; die wöchentliche Auswertung kommt als PDF. Der Haibacher Modespezialist Adler stattete sämtliche 180 Filialen mit Terminals aus. Das Gerät helfe, „den Nerv der Kunden jederzeit zu treffen“, sagt Vertriebschef Leif Heppner. Zudem lassen sich die Ergebnisse der Standorte unmittelbar vergleichen. Aber auch Einzelkämpfern kann das Feedback helfen, vor allem bei hoher Kundenfrequenz. Zu den Einrichtungskosten inklusive Bodenterminal von rund 600 Euro kommt eine Monatspauschale, die bei 59 Euro beginnt.

Wegen Viren und Erpressungssoftware („Ransomware“) wird Datensicherung immer wichtiger. Experten empfehlen ein doppeltes Back-up: nicht nur auf externen Festplatten, die durch Feuer oder Vandalismus zerstört werden könnten, sondern zusätzlich in der Cloud. Günstig sind US-Anbieter wie iDrive oder Backblaze (Jahresgebühr ab 50 Euro). Wer Rechenzentren in den USA misstraut, kann Anbieter wie Strato oder Netclusive wählen, deren Server in Deutschland stehen. Keine sichere Alternative sind Speicherplätze wie Dropbox, die Änderungen synchronisieren und so auch Virusinfektionen übertragen. Das ist bei professionellen Cloud-Back-ups ausgeschlossen.

Eine andere Form der Cyberattacke ist das Bombardement einer Website mit Anfragen, die den Server lahmlegen. Managed-Hosting-Anbieter, die E-Commerce-Infrastruktur bereitstellen, versprechen Schutz gegen diese im Branchenjargon DDoS-Angriffe genannten Risiken. Cornelius Uphoff arbeitet weiter daran, seinen Laden fit fürs 21. Jahrhundert zu machen. „Schließlich soll meine Tochter auch noch die Chance haben, das Unternehmen zu führen.“ Seit Juni verkauft Schuhhaus Bockstiegel auch via Internet, über Amazon und Schuhe.de. Schon ärgert sich Uphoff über Lieferanten, die schlechte Datensätze für den Onlineshop liefern. So schnell kann sich die Perspektive ändern.

 

Schlagworte: IT, PoS, Serie, Warenwirtschaftssystem, Shop der Zukunft

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