Shopsysteme

Warum Headless E-Commerce nicht immer erste Wahl ist

In der Coronakrise bauen Händler ihre E-Commerce-Aktivitäten aus. Oft setzen sie auf Headless-Systeme, die Inhalte von der Darstellung in einzelnen Online-Kanälen entkoppeln. Wann das eine gute Wahl ist, erklärt Florian Harr vom Beratungsunternehmen Elaboratum im Gastbeitrag.

29.04.2020

© Vegefox / Stock Adobe

Die Technologieauswahl will im E-Commerce wohlüberlegt sein.

Viele fachliche und technische Gründe sprechen für die Auswahl eines Headless-Systems, jedoch sollte nie der Hype eines Technologie-Begriffs ausschlaggebend sein. Denn stimmen die Voraussetzungen und die Anforderungen dafür nicht, ist selbst das smarteste Headless-System keine effiziente Lösung.

Anfang der 2000er Jahre waren Shopsysteme noch stark monolitisch, das heißt sowohl die Frontend-Darstellung, als auch die Konfiguration und Contentverwaltung waren codeseitig eng miteinander verbunden. Mit dem Start moderner Shopsysteme (beispielsweise Oxid, Magento und Shopware) wurden Frontend und Backend funktional deutlich getrennt. Doch im Bereich E-Commerce steht der Begriff „Headless commerce“ heute für mehr als nur die fachliche Trennung von Frontend und Backend.

Headless-Systeme ermöglichen es, zum Beispiel gleichen Inhalt über ein gemeinsames Backend-System zu verwalten und in verschiedene Frontend-Kanäle zu gießen. Also bedingungslose technische Flexibilität der Headless-Komponenten, die über standardisierte Schnittstellen kommunizieren und autark, unabhängig, skalierbar und performant arbeiten.

Der Markt und insbesondere die Anzahl der Softwaresysteme für die neue Technologie hat sich in den letzten Jahren signifikant entwickelt. Viele Online-Shop-Anbieter sind ebenfalls auf den Headless-Zug aufgesprungen und bieten flexible Schnittstellen im Standard ihrer Software. Doch obwohl das auf den ersten Blick attraktiv scheint, so bringt der Hype doch auch zahlreiche Hürden mit sich.

Höhere Anforderungen an das Projektmanagement

Wer sich für ein Headless-System entscheidet, sollte ausreichend Projektmanagement-Erfahrung mitbringen. In klassischen Projekten sind tendenziell wenige oder gar nur ein Dienstleister involviert. In einem Headless-Projektsetup müssen bis zu drei oder mehr Partner gesteuert werden. Das macht zum einen die technischen Anforderungen komplexer, zum anderen wirkt es sich auch finanziell aus: Mehr Systeme und mehr Partner erfordern mehr Abstimmung und erzeugen somit auch mehr Kosten.

Wer aktuell vor der Entscheidung steht, sollte nochmal mehr darauf achten, ob die notwendige Manpower für die Anforderungen zur Verfügung steht. Denn wegen der Corona-Krise befinden sich in vielen Unternehmen Mitarbeiter in Kurzarbeit und die Aufgaben sind ohnehin auf weniger Schultern verteilt.

Autarke Systeme, die entkoppelt bereitgestellt werden können, klingen vielversprechend. Doch auch hier gibt es eine Kehrseite: Denn Betrieb und Wartung aller Komponenten erfordern besondere Erfahrung. Kommt es zu Ausfällen, kann es in einem schnittstellenbasierten System komplex werden, herauszufinden, in welchem der einzelnen Module nach einer Lösung gesucht werden muss. Alle beteiligten Partner müssen kurzfristig verfügbar sein und eine schnelle Antwortzeit garantieren. Andernfalls drohen Umsatzeinbußen durch Systemausfälle.

Mehraufwand durch fehlende Standardisierungen

Klassische Systeme verfügen über vorhandene Templates und Funktionen, zum Beispiel Produkt-Kategorieseiten mit Filterung. Das spart Aufwand und Kosten. Ein Headless-Setup entspricht häufig dagegen einem Baukastensystem, bei dem die Teile einzeln zusammengesetzt und implementiert werden. Oft ist das mit zusätzlichem Programmieraufwand verbunden., der zu deutlich höheren Kosten für das Gesamtsystem führen kann.

Die Frage ist also: Wann lohnt es sich, die Mehrkosten und den Mehraufwand in Kauf zu nehmen? Je heterogener die Frontend-Landschaft ist, desto mehr lassen sich die Stärken einer Headless-Architektur ausspielen. Wer für eine optimale User Experience auf verschiedene Endgeräte setzt, kann von einer Headless-Architektur profitieren und sollte sie ernsthaft in Erwägung ziehen. Beispiele für heterogene Frontends entlang der Customer Journey sind: ein klassischer, responsiver Onlineshop, Smartwatches, APPs, B2B-Shops, Voice-Commerce, Augmented und Virtual Reality-Anwendungen, In-Store-Terminals, Kassensysteme und auch IoT-Devices.

Jedes einzelne System einer Headless-Architektur funktioniert autark für sich und die fachliche und technische Verantwortung ist klar getrennt. Für die E-Commerce-Landschaft bedeutet das maximale Flexibilität, einzelne Komponenten auszutauschen oder zu verändern. Ist die Headless-Architektur einmal aufgesetzt, profitieren die Betreiber auf lange Sicht von der Zeit- und Kostenersparnis sowie einer geringeren Fehleranfälligkeit. Weiterer Vorteil: Die Verfügbarkeit aller Daten, also zum Beispiel Kunden-, Produkt- und Bestelldaten, ist in allen Systemen der Headless-Architektur sichergestellt.

Nicht kopflos entscheiden

Vor einer Einführung sollten sich Verantwortliche die Frage stellen, ob eine Headless-Architektur unbedingt erforderlich ist, um die Kundenbedürfnisse angemessen erfüllen zu können. In vielen Fällen reicht eine moderne Systemarchitektur mit klassischen Shop- oder Portalfunktionen aus. Die Wahl einer Headless-Architektur ohne dafür zwingende Anforderungen stellt einen reinen Luxus dar. Die Folge können dann unnötig hohe Implementierungs- und Betriebskosten sein.

Schlagworte: E-Commerce

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