Kartenzahlung

Mit Karte, bitte!

Seit Einführung der modernen Kreditkarte ist bargeldloses Bezahlen auf dem Vormarsch. Selbst bei den deutschen Bargeldverfechtern verdrängt die Kartenzahlung Bargeld als wichtigstes Zahlungsmittel. Dafür sorgte nicht zuletzt eine heute kaum noch erinnerte Aktion des HDE.

Von Marvin Brendel 06.04.2020

© ullstein

Kartenzahlung verdrängt Bargeld als wichtigstes Zahlungsmittel.

Am Anfang steht angeblich ein peinliches Erlebnis: 1949 lädt Frank McNamara, Besitzer eines kleinen Kreditunternehmens, einige Geschäftsfreunde zum Essen in ein angesagtes New Yorker Restaurant ein. Doch beim Bezahlen stellt er bestürzt fest, dass er nicht genug Bargeld dabeihat. Zwar kann ihm seine Frau aushelfen, trotzdem will McNamara so eine beschämende Situation nicht noch einmal erleben – und das bringt ihn auf eine Idee: Warum sollen sich Menschen beim Bezahlen nur auf ihr gerade mitgeführtes Geld beschränken? Könnten sie nicht einfach eine allgemein akzeptierte Geldkarte vorzeigen und so die Zahlung auf einen späteren Abrechnungstermin verschieben? Auf Basis dieser Überlegung entsteht Anfang 1950 der Diners Club mit der Diners Card.

Was nach einer schönen Gründungsgeschichte klingt, ist tatsächlich nur ein frühes Beispiel erfolgreichen Storytellings, wie der erste PR-Verantwortliche von Diners Club, Matty Simmons, später einräumt. Tatsächlich sei McNamara die Idee in einem Pendlerzug auf dem Weg nach Hause gekommen. Und ganz so revolutionär ist das zugrunde liegende Konzept zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr: Schon ab den 1890er-Jahren geben in den USA Hotels, Warenhäuser oder auch Tankstellen an gute Kunden einfache Karten zur Bezahlung auf Kredit aus. Allerdings können diese lediglich bei den jeweiligen Unternehmen eingesetzt werden.

Zwar ist auch die Diners Card anfänglich nur für wenige Restaurants in New York gedacht, doch die Begrenzung fällt schnell. Zudem fordert Diners Club von den Händlern und Dienstleistern erstmals einen kleinen Anteil an der Rechnungssumme. Daher gilt die Diners Card heute als erste moderne Universalkreditkarte. Ihr Konzept wird schnell von weiteren Unternehmen aufgegriffen, so auch von der New Yorker Franklin National Bank und der Bank of America. Sie legen mit ihren 1951 beziehungsweise 1958 eingeführten Kreditkarten die Basis für die heutigen Kartengesellschaften Mastercard und Visa.

Vorstoß von HDE und Dehoga

In Deutschland werden die ersten Kreditkarten ab 1959 ausgegeben, doch ihre Verbreitung vollzieht sich sehr schleppend. Das liegt auch an den hohen Verrechnungskosten für den Handel. Bei den etablierten Kreditkarten betragen die Umsatzprovisionen damals bis zu acht Prozent. Daran ändern auch alle Proteste und sogar Boykottaufrufe, wie zwischenzeitlich zum Beispiel von den Textileinzelhändlern beschlossen, nichts. 1987 gehen daher die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels (HDE) und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in die Offensive: Nach fast zwei Jahren geheimer Vorarbeiten überraschen sie mit Plänen für eine eigene Kreditkarte. Die „Deutsche Kreditkarte“, die sich im schwarz-­rot-goldenen Design auch optisch von der Konkurrenz unterscheiden soll, sieht für die teilnehmenden Händler eine Umsatzprovision von lediglich 2,75 Prozent vor.

Der Karte selbst ist zwar kein großer Erfolg beschieden, sie sorgt aber für Bewegung bei den Umsatzprovisionen. Dabei gewinnt vor allem die EC-Karte der deutschen Banken, seit 2007 offiziell Girocard genannt, enorm an Bedeutung. Sie basiert auf der 1968 eingeführten Eurocheque-Karte, die sich Anfang der 1990er-​Jahre zum Kartensystem Electronic Cash weiterentwickelt und nun zusammen mit einer Geheimzahl das bargeldlose Bezahlen zulässt. Für den Online-Abgleich zwischen dem EC-Kartenterminal im Geschäft und dem Bankkonto des zahlenden Kunden berechnen die Banken dem Einzelhändler 0,3 Prozent der Kaufsumme, mindestens 15 Pfennig.

Der Wirtschaftshistoriker Marvin Brendel ist Betreiber von „Geschichtskombinat“, einer Agentur für wirtschafts- und unternehmens­geschichtliche Recherchen. Exklusiv für das handelsjournal verfasst er die Serie „Meilen­steine des Handels“, die sich mit der Längsschnittanalyse handelsspezifischer Innova­tionen beschäftigt. Haben Sie Fragen, Kommen­tare, Ergänzungen? Dann schreiben Sie an: brendel@geschichtskombinat.de

Von ritsch, ratsch zu NFC

Bis zum Online-Abgleich ist es bei der Paymenttechnik ein weiter Weg: Bei den frühen Kreditkarten werden die Daten noch zeitaufwendig per Hand auf die Kreditkartenbelege übertragen. Doch noch in den 1950er-Jahren kommen sogenannte Imprinter auf, im Volksmund Ritsch-Ratsch-Geräte genannt. Sie ermöglichen das schnelle Durchdrücken der erhöht geprägten Karteninformationen auf die Belege. Die Durchschläge reichen die Händler per Post oder Kurier bei den Kartengesellschaften zur Zahlung ein. In den 1980er-Jahren führen die Fortschritte bei der Telekommunikation und der Magnetstreifentechnologie zur Entwicklung spezieller Point of Sale-Terminals für einen schnelleren Informationsaustausch zwischen Händlern und Kartenfirmen.

Nach der Jahrtausendwende verdrängt der Chip schrittweise den Magnetstreifen. Zudem gewinnt das kontaktlose Bezahlen mittels Near Field Communication (NFC) an Bedeutung. Die Vereinfachung und Beschleunigung des Bezahlvorgangs trägt wesentlich zur steigenden Akzeptanz der bargeldlosen Zahlung bei. 2018 bezahlen schließlich selbst in Deutschland erstmals mehr Menschen mit Karte statt mit Bargeld.

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