Crossborder-E-Commerce

Der Fremde

Roman Maria Koidl hat das erste paneuropäische Clearinghaus gegründet. ClearVAT schafft Ordnung im Mehrwertsteuerchaos und Rechtssicherheit für Händler beim grenzüberschreitenden E-Commerce. Der Branchenneuling will einen Milliardenmarkt erobern.

Von Ralf Kalscheur 17.12.2019

© Sebastian Berger

Roman Maria Koidl ist kein Steuerexperte, doch das hält den einfallsreichen Serienunternehmer nicht davon ab, sich mit seiner neusten Start-up-Idee an der Monetarisierung des europäischen Mehrwertsteuergewirrs zu versuchen.

Ein früher Polke hängt an der Wand von Roman Maria Koidls Büro in Konstanz, in der Ecke steht eine Installation von Tobias Rehberger, doch besonders angetan hat es dem Unternehmerfeingeist die Arbeit „Muses with Graphite“ des amerikanischen Minimalisten Brice Marden. Er nimmt das abstrakte Bild, das ineinander verschlungene Linien zeigt, die nach Koidls Interpretation einer logischen Wegeführung folgen, auf den Schoß. „Das hat viel mit mir zu tun.“

Der 52-Jährige arbeitete als Journalist und schrieb mehrere Bestseller, beriet Hedgefonds, gründete und übernahm Unternehmen, er betätigt sich als Investor und Kunstmäzen, der in Berlin eine eigene, nach ihm benannte Kunsthalle unterhält. Auf seine neueste Idee kam Koidl, als er sich mit dem komplizierten europäischen Mehrwertsteuerrecht herumplagen musste. Er betreibt den Onlinemarktplatz „Fineartmultiple“ für Kunst der Gegenwart und der klassischen Moderne. Internationale Sammler, Galerien, Händler und Kunstliebhaber kaufen und verkaufen Werke.

Doch ganz gleich, ob Kunst, Kosmetik oder Socken: Koidl muss, wie alle rund 800 000 Onlinehändler in der EU, die bestimmte Lieferschwellen überschreiten, das EU-Fernabsatzrecht, die Preisangabenverordnung und die EU-Mehrwertsteuerbestimmungen einhalten, wenn er grenzüberschreitend in der EU Waren versendet. Nach dem Bestimmungslandprinzip sind Händler verpflichtet, die Umsatzsteuer gemäß der Lieferadresse des Versendungsorts vom Endkunden zu erheben, entsprechend im Shop auszuzeichnen und im Bestimmungsland abzuführen.

Ein Stecker für alle Länder

„Es grenzt an bürokratischen Sadismus, dass insbesondere kleinere Händler in ihrer Entwicklung behindert und in ihrer Existenz bedroht werden, wenn sie vor der nahezu unmöglichen Aufgabe stehen, nach der Mehrwertsteuerreform im Jahr 2021 rund 7 000 Ausnahmeregelungen im EU-weiten Mehrwertsteuerrecht zu überblicken“, sagt Koidl. Das System gleiche einem Flickenteppich und werde dem Anspruch eines gemeinsamen Binnenmarktes nicht gerecht.

Er suchte einen einfacheren Weg, seinen Marktplatz rechtssicher aufzustellen, denn Unternehmer machen sich strafbar, wenn sie die Umsatzsteuer nicht korrekt abführen. Nicht wenige Händler verfahren nach dem Prinzip Hoffnung, nicht erwischt zu werden, oder begehen unwissentlich Fehler. Die EU-Kommission schätzt, dass im Onlinehandel pro Jahr 18 Milliarden Euro Steuern hinterzogen werden. So hoch ist das Haftungsrisiko der betroffenen Händler. Koidl fand keine Lösung für sein Problem – also musste er selbst eine konstruieren.

Die Person

Roman Maria Koidl (52) wurde in Köln geboren und ist Österreicher. Der ausgebildete Journalist und Serienunternehmer investiert mit seiner Company Builder Koidl & Cie. Holding in Innovationen von bislang wenig digitalisierten Branchen. Dazu gehört seit 2015 auch der Onlinemarktplatz für Kunst ­„Fineartmultiple“. In Berlin betreibt Koidl eine Kunsthalle, in der Sammlungen zeitgenössischer Kunst gezeigt werden. 2019 ging Koidl als CEO mit dem von ihm gegründeten Clearing-Start-up ­ClearVAT online. Der mehrfache „Spiegel“-Bestsellerautor sehr unterschiedlicher Sachbücher („Scheißkerle“, „Web Attack. Der Staat als Stalker“) lebt mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in Küsnacht im Kanton Zürich.

Prominente Fürsprecher

„Ich bin kein Steuerexperte“, erzählt der Wahlschweizer. „Darum habe ich mir vielleicht unbefangener die Frage geſtellt, warum es eigentlich keinen ‚One Stop Shop‘-Anbieter gibt, der es Händlern ermöglicht, ihre Waren innerhalb der EU automatisch unter Berückſichtigung der jeweilſ gültigen Mehrwertsteuer und Ausnahmeregelungen zu vertreiben, ohne sich in jedem der 28 Staaten einzeln steuerlich registrieren zu müssen.“ Ein Stecker für alle Länder, das ist Koidls Idee.

Ob er sich nicht ebenfalls gefragt habe, warum noch niemand in Europa vor ihm auf diese Idee gekommen ist, Experten aus der Clearingbranche zumal? „Das fasziniert mich in diesem Zusammenhang am allermeisten“, sagt Koidl und verweist auf eine These, die der Philosoph und Soziologe Georg Simmel Anfang des 20. Jahrhunderts unter der Überschrift „Exkurs über den Fremden“ formuliert hat. „Echte Innovation wird häufig von Außenstehenden, also einem Fremden, in ein bestehendes System hineintransportiert – der dann auch dort bleibt, um dauerhaft Veränderungsprozesse zu stimulieren“, erklärt Koidl.

Händler von Haftung befreit

Es ist erhellend zu erfahren, wie der Macher die Gründung eines paneuropäischen Zahlungsdienstleisters angegangen ist. Er erhält einen Newsletter der Wirtschaftsprüfungskanzlei Deloitte, scrollt zum E-Mail-Abbinder, ruft kurzerhand die dort angegebene Telefonnummer des CTO an und stößt auf offene Ohren. Gemeinsam mit den Steuerberatern erstellt ClearVAT ein Regelbuch, das jede mögliche Transaktion abbildet. Auch SAP lässt sich von der gewinnträchtigen Lösungsfindung für ein großes Problem überzeugen. Die teils eigenentwickelte Software, zertifiziert von der Wirtschaftsprüfungsfirma BDO, lässt das Start-up über Module des Technologiepartners laufen.

In seinem Adressbuch findet Koidl weitere Mitstreiter. „Ich habe über viele Jahre ein Netzwerk aufgebaut und diese Kontakte immer gepflegt. Auch zu Menschen, die aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden und sich darüber ärgern, dass sie auf einmal keiner mehr anruft.“ Diese ehemaligen Führungspersönlichkeiten seien nämlich nach wie vor wertvolle Multiplikatoren.

Einer breiteren Öffentlichkeit wird Koidl als Kampagnenberater von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Bundestagswahlkampf 2013 bekannt. Das Engagement währt nur kurz. Statt hinter den Kulissen online für Steinbrück trommeln zu können, steht Koidl plötzlich in den Schlagzeilen. Kritischen Genossen und Kommentatoren missfällt die Vergangenheit des Hedgefonds-Beraters mit Wahlwohnsitz in der Schweiz. Der von Franz Müntefering geprägte Begriff „Heuschrecke“ ist für seinesgleichen schnell in aller Munde. Koidl nimmt seinen Hut, Steinbrück gibt eine Ehrenerklärung für ihn ab, man bleibt in Kontakt. Drei Jahre später stellt der Unternehmer dem ehemaligen Bundesfinanzminister beim gemeinsamen Mittagessen seine Idee mit Namen ClearVAT vor.

Nutzer registrieren sich online und installieren das kostenlose Plug-in des Payment Service Providers und Clearinghauses. Über die Schnittstelle zum ERP-System werden für alle Artikel die aktuell gültigen Mehrwertsteuersätze dynamisch geliefert und auf der Produktseite ausgewiesen. Wer sich von Spanien aus einwählt, bekommt die spanische Mehrwertsteuer angezeigt. Die Software kontrolliert auch, wann Händler in einem Land Lieferschwellen überschreiten, die zur Umsatzsteuerpflicht führen, und zeigt beim Check-out automatisch die korrekte Mehrwertsteuer an, bezogen auf den Zielort der Ware.

Wenn etwa ein deutscher Kunde in einem französischen Shop ein Geschenk kauft, das nach Polen geliefert werden soll, zieht ClearVAT die korrekte Mehrwertsteuer beim Kunden ein und führt sie an das Finanzamt im Bestimmungsland ab. Damit ist der Händler von allen Mehrwertsteuerverpflichtungen, insbesondere der damit einhergehenden Haftung in der EU, befreit. ClearVAT übernimmt insofern auch das Risiko der Betriebs-​prüfung. Nutzer zahlen für den Service eine Kommissionsgebühr in Höhe von drei bis fünf Prozent auf den Transaktionswert.

King of Convenience

Steinbrück erbittet sich eine Woche Bedenkzeit und ist dann im Boot. „ClearVAT leistet einen wichtigen Beitrag zur Steuergerechtigkeit“, lässt der Aufsichtsratsvorsitzende der ClearVAT AG zum Start der Unternehmung verlauten. „ClearVATs Technologie schafft, woran sich die Politik seit über zehn Jahren die Zähne ausbeißt: eine einfache, praktische und faire Lösung, die Händlern Rechtssicherheit verschafft.“ Ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt Thomas Ebeling, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat1 Media SE, die auch in Koidls Kunstmarktplatz investiert hat. Zu den Senior Advisors zählt der Grüne Rezzo Schlauch, ehemaliger parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit.

Roman Maria Koidl ist ein gewandter und beredter Erzähler. Er arbeitete als Journalist bei der Zeitschrift „Gong“ und beim Radiosender „Antenne Bayern“ und schrieb bis heute nebenbei mehrere Bestseller. Über Convenience Stores als Handelsform der Zukunft verfasst Koidl schon 1997, mittlerweile als Unternehmensberater, einen Ratgeber. Er lässt sich damals gar den Begriff Convenience als Wortmarke schützen und setzt mit Shell Tankstellenshops um.

Später gründet der Unternehmer eine der ersten Kaffeehausketten in Europa und erlöst für seine Anteile zur Jahrtausendwende, im Alter von 32 Jahren, fünf Millionen D-Mark. Mit der Übernahme der insolventen Confiseriekette Most mit 148 Filialen überhebt er sich dann allerdings und schlittert in die Pleite. Schokogramm, ein Onlineshop für personalisierte Schokolade, wird ein aus der Not geborener Erfolg, den Koidl 2011 für einen einstelligen Millionenbetrag an den Schweizer Handelskonzern Migros veräußern kann.

Mit ClearVAT plant der facettenreiche Unternehmer nun den Befreiungsschlag. „Wir genießen überraschend hohe Aufmerksamkeit von Konzernen und Investmentfonds“, sagt CEO Koidl, der zwei Drittel der Anteile an seiner Mehrwertsteuermaschine hält. Nach einer dreimonatigen Testphase mit drei Kunden will der in Deutschland aufgewachsene Österreicher bis Ende 2020 rund 500 Händler anschließen. Ein Jahr später soll ClearVAT die sehr ambitioniert gesetzte Marke von einer Milliarde Euro Transaktionsvolumen reißen. Dass die EU mit Einführung der neuen Bestimmungen des Umsatzsteuer-Digitalpakets 2021 selbst einen One-Stop-Shop für Mehrwertsteuern startet, glaubt Koidl nicht. Die EU habe mit der Arbeit daran noch gar nicht begonnen. Die Weihnachtszeit will Tausendsassa Koidl übrigens nutzen, um sich in seinem achten Buch dem Thema Manipulation in den sozialen Medien zu widmen. ●

Das Unternehmen

ClearVAT (VAT steht für Value-Added Tax) sammelte in erster Geldgeberrunde 7,5 Millionen Euro ein, ging im Juli 2019 online und baut sein Geschäftsmodell darauf auf, dass viele Onlinehändler mit dem Mehrwertsteuer­chaos in der EU über­fordert sind und sich unwissentlich am Rande der Steuerkriminalität bewegen. Das Clearingprogramm läuft auf SAP-Modulen und wurde gemeinsam mit der Steuer­beratung Deloitte entwickelt. ClearVAT will die Zahl von 19 Mitarbeitern an den Standorten Konstanz, Berlin und München 2020 verdoppeln und strebt eine BaFin-Zulassung an.

Schlagworte: Cross-Border, E-Commerce, Online-Handel, Onlinehandel, FinTech

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