Rollentausch

Wenn der Markt der Auszubildenden enger wird, müssen Firmen auf sich aufmerksam machen und die Werbetrommel rühren. Wie das Recruiting gelingt.

Von Ruth Lemmer 05.06.2018

© intersyst GmbH

Lidl wirbt damit, dass „gute Leistungen selbstverständlich gut bezahlt werden“: übertarifliche Vergütung, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, keine unbezahlte Mehrarbeit. Das Highlight des Discounters für Auszubildende: „Azubis leiten eine Filiale“. Im Zuge des Projekts übernehmen junge Mitarbeiter für zwei Wochen sämtliche Aufgaben im Geschäft, von der Arbeitszeiteinteilung über Warenbestellung und -präsentation bis hin zur Filialleitung. Das Sächsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth sucht freundlichen, hilfsbereiten und qualitätsbewussten Nachwuchs und lockt diesen mit 850 Jahren Weinbautradition, moderner Kellertechnik sowie barockem Schlossgarten und Genussbildung für das 21. Jahrhundert.

So sehr sich der internationale Filialist und der Wein- und Sektspezialist an den Südhängen der Elbe unterscheiden, beide treffen sich bei Onkel Sax. Auf der Ausbildungsplattform für die Regionen zwischen Bautzen, Dresden und Chemnitz versuchen sie, Schüler für den Ausbildungsberuf Einzelhandelskaufmann und -frau zu begeistern. Ihr Zugpferd: eine Einladung zur Schnupperwoche – als Schülerpraktikant oder in den Ferien auf eigene Faust. Und damit liegen die Unternehmen richtig: Während des Praktikums können Ausbilder und Schüler sich kennenlernen und beurteilen, ob sie zueinanderpassen.

Azubis zu gewinnen, wird schwieriger. Die Bundesagentur für Arbeit meldete für Handelsunternehmen Ende Januar 25.000 Ausbildungsstellen für Kaufleute im Einzelhandel und 16.000 für Verkäufer. Für den Beruf Kaufmann/ -frau im Einzelhandel interessieren sich aber nur 17.000 Bewerber. Es kommt zum Rollentausch: Arbeitgeber führen Bewerbungsgespräche – und müssen dabei für sich selbst werben. Doch zunächst müssen Bewerber gefunden werden. Die gemeinsame Lehrstellenbörse der Handelskammern macht es den Schülern einfach, denn sie sortiert die offenen Stellen nach Postleitzahlen. Manche Schulen laden Unternehmen zu Lehrstellenmessen ein. Im eigenen Geschäft können Plakate im Schaufenster neugierig machen – wenn sie junge Menschen optisch und sprachlich angemessen adressieren. Was ihre Altersgenossen anspricht, wissen die eigenen jungen Mitarbeiter und Azubis. Auch deren Kontakte lassen sich nutzen, indem man einen Bonus für erfolgreiche Kollegenakquise auslobt – auszuzahlen nach der Probezeit.

Was bei der Azubisuche hilft, gilt auch für ausgelernte Mitarbeiter: Nicht zu dick auftragen, denn Schönfärberei kommt heraus – und nicht gut an. Auch Mitarbeiter entscheiden in der Probezeit.


Drei Fragen an Jana Pulwer-­Simmat, IT-Unternehmerin in Dresden und Initiatorin der mit dem Ausbildungs-Ass 2017 preisgekrönten Kampagne „Onkel Sax“

Ohne online präsent zu sein, geht gar nichts, scheint es. Aber reicht Eigenwerbung im Internet tatsächlich aus, um Auszubildende zu gewinnen?
Auf keinen Fall. Arbeitgeber müssen sich auf Ausbildungsmessen und in Schulen sehen lassen, ihre Arbeit erklären und sich bekannt machen.

Warum wollen junge Leute ihre künftigen Chefs kennenlernen?
Sie wünschen sich, dass die Ausbildungsbetriebe ein Gesicht bekommen. Schüler und Studierende informieren sich online, aber sie vertrauen Personen.

Problematisch für kleine Firmen, deren Chefs keine Zeit haben, durch mehrere Schulen zu tingeln…
Dafür müssen sie ja nur in einer begrenzten Region zu suchen. Da ist weniger oft mehr. Und Praktikumsstellen sind wichtiger als Buttons mit schlauen Sprüchen.


Weitere Informationen zur Aus­bildungsplattform in Sachsen und zur Lehrstellenbörse der Industrie-und Handelskammern unter:

onkel-sax.de
ihk-lehrstellenboerse.de

Schlagworte: Einzelhandel, Ausbildung, Onkel Sax, Recruiting

Kommentare

Ihr Kommentar