Kannst du was, bist du was

Zuwanderer sind ein Segen für Deutschland. Allein in den nächsten zehn Jahren benötigt unsere Wirtschaft 1,5 Millionen ausländische Fachkräfte.

Von Julia Leendertse 15.09.2015

Manche Anrufe und Mails tun Bernd Weggen in der Seele weh: Wenn der Geschäftsführer des Berliner Meisterbetriebs Fischer & Weggen, der auf die Rundumsanierung von Wohnungen spezialisiert ist, mal wieder einen großen Auftrag absagen muss – nur weil seinem 50-Mann-Betrieb Fachkräfte fehlen. Deshalb rekrutiert Weggen nun Mitarbeiter aus Osteuropa. Der Haken an der Sache: Viele der neuen Kollegen konnte der Mittelständler lange Zeit auf den Baustellen nur weit unter deren eigentlicher Qualifikation einsetzen. Ihre ausländischen Berufsabschlüsse waren in Deutschland nicht anerkannt. Glück für Weggen: Seit dem 1. April 2012 haben Zugewanderte und Neuzuwanderer per Gesetz ein Recht darauf, dass ihr im Ausland erworbener Berufsabschluss bewertet und daraufhin überprüft wird, ob er mit einem deutschen Referenzberuf voll oder zumindest teilweise gleichwertig ist oder gar nicht diesem übereinstimmt.

Ob der Arzt aus dem Iran, der Ingenieur aus der Türkei oder der Kaufmann aus Polen – innerhalb von drei Monaten müssen die zuständigen Stellen, darunter je nach Berufsbild Kammern, Bezirksregierungen und Landesprüfungsämter – den Bescheid erstellen. Allein 2013 zählten die Prüfstellen bundesweit insgesamt rund 16.700 anhängige Verfahren und kamen rund 13.350 Mal zu einem Ergebnis. In 75 Prozent der Fälle lautete ihr Urteil „voll gleichwertig“, 21 Prozent der Verfahren endeten zumindest mit einer teilweisen Anerkennung, wobei die enttäuschten Antragsteller nach der Prüfung zumindest wussten, wo und wie sie sich nachqualifizieren können.

Schleppender Erfolg

Mit diesen Zahlen hat die Bundesregierung zwar ihr ursprüngliches Ziel von rund 300.000 Antragstellern bislang bei weitem nicht erreicht. Knut Diekmann, Bildungsexperte vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag, spricht deshalb auch nur von einem „schleppend guten Erfolg“. Dennoch ist Heike Klembt-Kriegel, Geschäftsführerin der IHK Fosa (Foreign Skills Approval), zuversichtlich: „Der große Run ist bislang ausgeblieben. Trotzdem hat sich das Anerkennungsgesetz in den vergangenen drei Jahren als eine wichtige Säule für die Fachkräftesicherung in Deutschland erwiesen.“ Immerhin verfüge das Land heute über ein dichtes Netzwerk an Beratungsstellen und gut eingespielte Verfahren, um das wahre Potenzial von qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland herauszuarbeiten und ihnen den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern.


„Viele Arbeitgeber unterstützen ihre ausländischen Fachkräfte gezielt bei der Antragstellung und beschleunigen so das Verfahren.“ Heike Klembt-Kriegel, IHK Fosa


Davon profitieren auch die Unternehmen. „Chefs können zwar den Antrag nicht stellen, das muss der Mitarbeiter schon selbst tun“, so Klembt-Kriegel. „Viele Arbeitgeber unterstützen ihre ausländischen Fachkräfte jedoch gezielt bei der Antragstellung und beschleunigen so das Verfahren – etwa indem sie ihnen bei der Bürokratie behilflich sind, die Kosten für die Übersetzung ihrer ausländischen Zeugnisse und Zertifikate durch Übersetzer übernehmen oder sich an den Gebühren für das Verfahren selbst beteiligen, die je nach Fall zwischen 100 und 600 Euro betragen.“

Das gilt auch für Unternehmer Weggen. Seit zwei Jahren arbeitet der 28-jährige Rafal Ritzka aus Schlesien für den Berliner. „Er hat in Polen eine dreijährige Ausbildung zum Sanitäranlagenmechaniker absolviert und verfügt über mehrere Jahre einschlägiger Berufserfahrung“, freut sich sein Chef. „Weil jedoch sein ausländischer Berufsabschluss nicht anerkannt ist, konnten wir ihn bislang nur als Fachhelfer einsetzen.“ Um den Auftraggebern gegenüber zu dokumentieren, dass Ritzkas Qualifikation der eines deutschen Facharbeiters gleichkommt, ermutigte Fischer & Weggen den jungen Mann, bei der Handwerkskammer Antrag auf Anerkennung seiner ausländischen Ausbildung zu stellen. Spätestens im Herbst hofft Ritzka nun den Bescheid in den Händen zu halten, der ihm einen besseren Tariflohn und weitere Karriereschritte ermöglicht.

Immer mehr Personalabteilungen von Unternehmen nutzen das Anerkennungsverfahren denn auch als kostengünstiges Instrument, das Qualifikationspotenzial von ausländischen Mitarbeitern besser einschätzen zu können. „Das gilt unabhängig davon, ob sie bereits im Unternehmen arbeiten oder erst noch eingestellt werden sollen“, so Dilek Intepe, Bildungsberaterin bei der Handwerkskammer Berlin.

Für Nicole Manderfeld, stellvertretende Personalleiterin des Eisenwerks Brühl, gehört es längst zum Tagesgeschäft, Mitarbeitern die Anerkennungsberatung der Kammern zu empfehlen. Von den insgesamt 1.700 Mitarbeitern des nordrhein-westfälischen Industriebetriebs sind mehr als die Hälfte ausländischer Herkunft oder haben ausländische Wurzeln. 30 Nationalitäten sind in dem hochtechnisierten Betrieb vertreten. „Vor allem Fachkräfte aus den Ausbildungsberufen Elektroniker und Mechatroniker sind rar“, so Manderfeld. „Wir sind deshalb über jeden qualifizierten Mitarbeiter aus dem Ausland froh.“ Lernt das Unternehmen etwa über eine Leiharbeitsfirma einen Mitarbeiter als zuverlässig und gewissenhaft kennen, versucht Manderfeld ihn für eine Festanstellung zu gewinnen. Hat der jeweilige Kandidat bereits in seinem Heimatland eine berufliche Qualifikation erworben, die aber noch nicht anerkannt ist, hilft ihr das Anerkennungsverfahren dabei, festzustellen, ob es sich auch nach deutschem Verständnis um eine Ausbildung handelt. „Wer noch keine Ausbildung vorzuweisen hat, kann alternativ bei uns die sogenannte EB Facharbeiterausbildung absolvieren“, so Manderfeld. Diese hauseigene theoretische Ausbildung dauert sechs Monate und ist an das Berufsbild des Gießereimechanikers angelehnt.

Persönliche und berufliche Anerkennung

Auch Torsten Obert von der Personalvermittlung IPS Liesche unterstützt ausländische Mitarbeiter dabei, sich ihr Potenzial offiziell bestätigen zu lassen. „Für die einen ist es eine Frage der Akzeptanz“, so Obert. „Manche empfinden es als Genugtuung, dass ihre Leistungen auch hierzulande anerkannt werden.“ Andere wiederum schätzen es, dass sie tariflich höher eingestuft werden – immerhin verdienen Facharbeiter ein bis zwei Euro pro Stunde mehr. Und andere sähen den Vorteil, dass sich durch die Anerkennung ihre persönlichen Karrierechancen verbessern, weil sie dann schwarz auf weiß belegen können, was sie drauf haben.

Immer häufiger schalten Unternehmen auch Personalberater ein, um die passenden Arbeitskräfte aus dem Ausland für sie zu rekrutieren. „Dabei reicht es längst nicht aus, gute Leute zu identifizieren und nach Deutschland zu holen“, weiß Jaqueline Kausemann von der Kegra GmbH, die sich auf die Vermittlung von Fachkräften für das Pflege- und Gesundheitswesen spezialisiert hat. „Wer die qualifizierten Fachkräfte langfristig an sein Unternehmen binden will, sollte sie von Anfang an dabei unterstützen, hierzulande Fuß zu fassen.“ Kausemann hilft denn auch den von ihr häufig aus Italien oder Spanien angeworbenen Mitarbeitern, in Deutschland eine angemessene Wohnung zu finden, mit der Bürokratie zurechtzukommen, und vermittelt einschlägige Kontakte zu der hiesigen spanischen oder italienischen Community. Etwa Giovanni di Bari, einem studierten Krankenpfleger aus Italien, der seit Dezember 2014 im St. Marien-Hospital in Köln als Krankenhelfer arbeitet und zurzeit auf die Anerkennung seiner italienischen Ausbildung wartet. „Hier in Deutschland einen festen Ansprechpartner zu haben, der mir bei allen Fragen hilft, war für mich enorm wichtig“, so der 27-Jährige.

„Ob eine ausländische Fachkraft sich auch in der Betriebspraxis als passend erweist, steht und fällt vielfach mit den Deutschkenntnissen“, betont Klaus-Rolf Vogt von Bilfinger HSG FM Süd, einem Dienstleister für die technische Instandhaltung und Pflege von Immobilien. „Unternehmen sollten deshalb keinesfalls auf firmeneigene Sprachtests verzichten, die überprüfen, ob ein Kandidat so gut Deutsch spricht, dass er am Ende auch die Arbeits- und Betriebsanweisungen versteht.“


Portale, Hotlines, Beratungsstellen – bei diesen Anlaufpunkten können sich Unternehmer und Mitarbeiter über die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen informieren:


anerkennung-in-deutschland.de
Datenbank mit 700 Berufsprofilen, Tipps zum Anerkennungsverfahren, Beratungsadressen.

bq-portal.de
Qualitätsgeprüfte Beschreibungen ausländischer Berufsbildungssysteme und Berufsqualifikationen.

make-it-in-germany.com
Infos zu Karrieremöglichkeiten in Deutschland und zur Einstufung der ausländischen Berufsqualifikation. Für Unternehmen: Rekrutierungstool von ausländischen Fachkräften.

anabin.kmk.org
Datenbank zur Bewertung ausländischer Bildungsnachweise.

workeer.de
Die erste Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse, die sich speziell an Flüchtlinge richtet. Sie wurde im Rahmen eines Abschlussprojekts von Studierenden der HTW Berlin entwickelt. Darauf soll „diese besondere Gruppe von Arbeitssuchenden“ auf „ihnen gegenüber positiv eingestellte Arbeitgeber“ treffen können.

030/1815-1111 „Arbeiten und Leben in Deutschland“
Infos zur Jobsuche, Arbeit, persönliche Beratung auf Deutsch und Englisch.

IHK Fosa
Kompetenzcenter für 77 der 80 IHKs zur Beratung und Bewertung ausländischer Berufsqualifikationen.

Schlagworte: Ausbildung, Fachkräfte, Fachkräftemangel, Fortbildung, Zuwanderung

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