Fachlich Exzellent

Der stationäre Einzelhandel benötigt qualifiziertes Personal, um sich gegen den E-Commerce zu ­behaupten. An den Fachschulen des Einzelhandels lernt der Nachwuchs in Theorie und viel Praxis das nötige Fachwissen und die richtigen Fertigkeiten im Umgang mit den Kunden.

Von Annika Krempel 29.05.2018

© LDT Nagold

Wer als stationärer Händler der starken Konkurrenz des E-Commerce etwas entgegensetzen will, hat zwei Möglichkeiten: Selbst Onlinehändler werden und die Ware auf mehreren Kanälen vertreiben. Oder das Einkaufs­erlebnis so besonders machen, dass Kunden trotz der Onlinekonkurrenz gerne in den Laden kommen. Gleich ob sich Händler für eine oder gar beide Strategien entscheiden: Um sie umzusetzen, braucht es gutes Personal. Viele Personalverantwortliche verlassen sich dabei längst nicht mehr allein auf die Ausbildung im eigenen Betrieb, sondern nutzen das ergänzende Angebot der Fachschulen.

Insgesamt sieben dieser Bildungsinstitute gibt es in Deutschland. Sie setzen in der Aus- und Weiterbildung der Nachwuchskräfte des Handels ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Die Bundesfachschule des Parfümerie- und Einzelhandels etwa bietet Schulungen für angehende Kaufleute und Verkäufer im Bereich Parfümerie an, die diese ergänzend zu ihrer Ausbildung im Betrieb absolvieren können Sie lernen zum Beispiel Inhaltsstoffe von Parfums kennen oder beschäftigen sich mit der Wirkung von Kosmetik auf die Haut. Studenten an der Akademie für Modemanagement LDT Nagold absolvieren gleich ein komplettes Fachschulstudium und erwerben den Branchenabschluss Textilbetriebswirt BTE.

Ausbildung mit engem Praxisbezug
Ob nun Aus- oder Weiterbildung: Die Fachschulen vermitteln ihren Studierenden praxisorientiert Wissen, das genau auf die Branche zugeschnitten ist. „Der stationäre Handel muss sich positiv abheben, um weiter zu existieren. Möglich ist das vor allem durch gute Beratung“, stellt Dieter Müller fest, Schulleiter der Fachschule des Möbelhandels (Möfa). An der Kölner Möfa können die Studierenden unter anderem die Weiterbildung zum staatlich geprüften Küchenfachberater absolvieren. „Wir lehren persönliche Kommunikation und vermitteln Fachkompetenz. Der Berater muss immer schlauer sein als der Kunde, der sich häufig vorher im Internet informiert. Es gilt, diese gut informierten Kunden gut und fachgerecht zu beraten.“ Auch wer im E-Commerce punkten will, benötigt solche Fachkenntnisse, ist Müller überzeugt. Auf dem Lehrplan der Studierenden an der Möfa stehen dementsprechend neben Verkaufstechniken und Betriebswirtschaftslehre auch relevante Warenkunde und Themen wie Raumplanung oder Gestaltung. Dazu unterhält die Möfa im Schulgebäude unter anderem eigens eingerichtete Schauküchen und zwei Wohnmöbelstudios, die im Unterricht als Anschauungsobjekte dienen.

Digitalisierung adressieren
Auch die Studierenden der LDT Nagold üben in Schauläden Beratungsgespräche und die Vergabe von Einkaufslimits anhand der neuesten Kollektionen der Herstellerfirmen. „Fit for Job“ sei an der LDT oberste Maxime, betont Geschäftsführer Manfred Mroz. Daher werden die Studierenden auch an die Themen Digitalisierung und E-Commerce herangeführt. Im Unterricht geht es etwa darum, wie ein Onlineshop profitabel geführt wird, welche Rolle Social Media im Marketing spielen oder welche Techniken in modernen Shops eingesetzt werden. „Die entscheidende Frage lautet heutzutage nicht mehr ‚stationärer Handel‘ oder ‚Onlinehandel‘. Stattdessen ist wichtig, die Kunden auf allen Vertriebskanälen optimal zu erreichen und deren Wünsche zu erfüllen“, ist Mroz überzeugt.

Auch die Lebensmittelfachschule in Neuwied setzt auf die digitale Ausbildung des Nachwuchses, um den Onlinemarkt nicht allein der Konkurrenz aus dem Ausland zu überlassen. Schon in den vergangenen Jahren standen digitale Themen, wie rechtliche Rahmenbedingungen oder Hygienefragen im Onlinehandel, auf dem Lehrplan. Ab dem Jahr 2019 wird Direktor Thorsten Fuchs zudem das duale Studium Kaufmann und Fachwirt im E-Commerce anbieten.

Die in Sachen Online- und Offlinehandel qualifizierten Absolventen sind begehrte Nachwuchskräfte im Handel und oftmals Anwärter auf Führungspositionen. Für die Studierenden selbst sind die Fachschulen eine Alternative zum akademischen Studium, weiß Fuchs. Ein duales Studium, wie es an einigen Fachschulen angeboten wird, ermöglicht etwa Abiturienten ein schnelles Fachschulstudium samt Praxisbezug. Ebenso kooperieren einige der Schulen mit einer Partnerhochschule, die Studierende nach der Fortbildung zum Handelsfachwirt oder Handelsbetriebswirt zu einem verkürzten Hochschulstudium zulassen. „Im Kampf um Nachwuchs ist ein Studienangebot oftmals ein gutes Mittel, um die jungen Menschen abzuholen“, erklärt Fuchs. So schlagen Handels­unternehmen zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn sie mit den Fachschulen des Handels zusammenarbeiten: Sie werden attraktiver für motivierte, junge Nachwuchskräfte. Und holen sich gleich auch das nötige Fachwissen ins Haus, um das Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen.


Fachschule des Möbelhandels (Möfa)

Ort: Köln    Homepage: moefa.de
Abschlüsse: Einrichtungsfachberater/-in, Küchenfachberater/-in, Betriebswirt/-in Fachrichtung Möbelhandel, Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Verkäufer/-in, Kaufmännische/-r Assistent/-in Schwerpunkt Betriebswirtschaft
Kurzprofil: Die Möfa ist sowohl Berufsschule als auch Fachschule. An der Berufsschule lernen vor allem Auszubildende aus Köln und Umgebung,
zum dualen Fachschulstudiengang und zu den Regelstudiengängen der Fachschule kommen Studierende aus ganz Deutschland. Die Studiengänge richten sich an Studierende entweder unmittelbar nach der Ausbildung oder nach einigen Jahren Berufserfahrung. Die Schule verleiht ausschließlich staatliche Abschlüsse.

Bei der einjährigen Ausbildung der Fachberater stehen Warenkunde und Verkaufstechnik auf dem Lehrplan weit oben. Die Berater lernen Art und Bauweise von Möbeln kennen, es geht um Qualitäten, Materialien, Oberflächen und Stilkunde. In simulierten Verkaufsgesprächen setzen die Studierenden erlernte Techniken aus Verkaufspsychologie und Rhetorik ein. Raumgestaltung und zeichnerische Umsetzung sind Teil des Lehrstoffs, ebenso die gängigen Programme zur Raumgestaltung am Computer. Die zweijährige Ausbildung zum Betriebswirt ergänzt diese Lerninhalte um die Schwerpunkte Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsinformatik, Steuerrecht und Marketing.
Studiengebühren: kostenlos, Mitgliedschaft im Förderverein möglich


Bundesfachschule des Parfümerie-Einzelhandels

Ort: Düsseldorf    Homepage: bundesfachschule.de
Abschlüsse: Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Verkäufer/-in im Einzelhandel, Parfümerie-Fachwirt/-in
Kurzprofil: An der Bundesfachschule des Parfümerie-Einzelhandels lernen Auszubildende während ihrer Berufsausbildung in vier Blockmodulen das Fachwissen der Branche. Zunächst geht es um Grundlagen, wie den Unterschied zwischen Eau de Toilette, Aftershave und Eau de Parfum. Thema sind ebenfalls der Luxusverkauf sowie Fach- und Warenkunde rund um Parfums, pflegende und dekorative Kosmetik. Kurzum: Alles, was sie brauchen, um fundiert beraten zu können. Weitere Lerninhalte sind Grundlagen der Dermatologie, Schminken und Farbenlehre. Expertenausbildungen, wie der Parfumberater oder das Einkaufs- und Verhandlungstraining, ermöglichen eine branchenspezifische Spezialisierung. Dabei lernen die Teilnehmer beispielsweise detailliert, wie ein Parfum aufgebaut ist, welche Inhaltsstoffe im Duft stecken können und wie welcher Rohstoff riecht.

Durch Kooperation mit der Bundesfachschule des Lebensmittelhandels ist eine Weiterbildung zum/zur Parfümerie-Fachwirt/-in möglich. Voraussetzung sind drei Jahre Berufserfahrung nach der Ausbildung.
Studiengebühren: Parfümerie-Fachwirt/-in circa 4.800 Euro


LDT Nagold, Akademie für Modemanagement

Ort: Nagold    Homepage: ldt.de
Abschlüsse: Textilbetriebswirt/-in BTE, Fachwirt/-in LDT
Kurzprofil: Die LDT Nagold verleiht als Einzige den branchenweit anerkannten Abschluss der Textilbranche, Textilbetriebswirt BTE. Auf dem Lehrplan stehen Warenkunde und Betriebswirtschaftslehre. Die Studierenden lernen die neuesten Trends, Veredelungsmethoden und die Eigenschaften verschiedener Textilien kennen. Alle Prozesse im Laden werden sowohl theoretisch als auch praktisch gelehrt. Dazu zählen Warenwirtschaft, Limitplanung und Ordertraining. Die Studierenden haben die Wahl zwischen verschiedenen Schwerpunkten.

Zugangsvoraussetzung für das Vollzeitmodell ist eine Berufsausbildung oder Abitur und ein Jahr Berufserfahrung. Alternativ können Abiturienten den Abschluss im dualen Studium mitsamt Ausbildung zum/zur Kaufmann/-frau erwerben. Im Hybridmodell können sich Abiturienten nach zwei Semestern und einem Praxissemester entscheiden, ob sie das Vollzeitstudium beenden oder in ein duales Studium in Kooperation mit einer Praktikumsfirma wechseln. Nach dem Studium an der LDT ermöglichen Partnerhochschulen den Studierenden in zwei Semestern einen Bachelorabschluss oder lassen sie nach vier Jahren Berufspraxis für ein Masterstudium zu. Zusatzqualifikationen wie der/die Handelsfachwirt/-in IHK und der AEVO-Nachweis sind ebenfalls möglich.
Studiengebühren: 11.500 Euro, teilweise vom Arbeitgeber getragen


Bundesfachschule des Lebensmittelhandels

Ort: Neuwied    Homepage: food-akademie.de
Abschlüsse: Handelsfachwirt/-in, Handelsbetriebswirt/-in, Fachwirt/-in für Vertrieb, ab 2019 auch Kaufmann/-frau E-Commerce und Fachwirt/-in E-Commerce
Kurzprofil: Träger der Fachschule ist die food akademie Neuwied. An der Bundesfachschule des Lebensmittelhandels können Berufspraktiker in Vollzeit oder berufsbegleitend die staatlich anerkannten Prüfungen zum/zur staatlich geprüften Handelsfachwirt/-in und Handelsbetriebswirt/-in sowie den IHK-Abschluss Fachwirt/-in für Vertrieb ablegen. Abiturienten können ein duales Studium aufnehmen. Die Absolventen der Lebensmittelfachschule sollen nach Abschluss fähig sein, Leitungspositionen zu bekleiden oder – vor allem im oft inhabergeführten Lebensmitteleinzelhandel gefragt – ein eigenes Geschäft zu führen. Dementsprechend stehen unter anderem Personalführung, Betriebswirtschaftslehre, Marketing und Vertrieb sowie Sortimentskompetenz auf dem Stundenplan. Die Studierenden lernen Controlling, Verkaufspsychologie und Vorschriften im Lebensmittelbereich umzusetzen. Nach dem/der Handelsbetriebswirt/-in können die Absolventen an einer Partneruniversität einen Master (MBA) erwerben.
Studiengebühren: je nach Studiengang 3.000 bis 5.400 Euro, teilweise vom Arbeitgeber getragen

Schlagworte: Ausbildung, Fortbildung, Fachschulen des Einzelhandels

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