Entscheiden lernen

Latentes Murren, fehlende Ideen: Es liegt am Chef, wenn Mitarbeiter Dienst nach Vorschrift machen. Denn der muss eindeutige Signale senden und klare Entscheidungen treffen.

Von Ruth Lemmer 23.07.2019

© Getty Images/hocus-focus

Konsequentes Feedback? Chefsache!

Frankreich war in diesem Jahr Part nerland der 25. ProWein, der Welt leitmesse für Wein und Spirituosen. Doch der Geschäftsführer eines Weinfachgeschäfts zögerte, eine Marketing-​aktion mit französischen Spitzengewächsen zu organisieren, wie seine Mitarbeiter sie konzipiert hatten. Jetzt, Ende April, ist der Jubiläumsbezug futsch, die Umsatzchance vertan.

Der Mitarbeiter eines Unterhaltungselektronikspezialisten empfiehlt einen Szenekenner als neuen Kollegen, weil der sich im Privatgespräch wechselwillig zeigte und mit seinem Kopfhörer-Know-how genau ins Team passen würde. Doch der Chef schiebt die Einladung zum Bewerbungsgespräch Woche für Woche auf. Bis der Kandidat schließlich beim Konkurrenten anheuert.

Nicht zu entscheiden, ist eben auch eine Entscheidung. Aber eine, die andere trifft. Mangelnder Entscheidungswille der Führungskraft lähmt Kollegen und Kunden. Kunden, weil nur Aktionen und gute Beratung sie ins Geschäft locken. Und Mitarbeiter, weil sich die Haltung breitmacht, dass Vorschläge, mögen sie noch so gut sein, ins Leere laufen, wenn der Chef sich verdrückt.

Stressfaktor Nummer eins in Unternehmen ist der Chef. Das jedenfalls haben rund 2 000 Beschäftigte der Personalberatung Korn Ferry vergangenes Jahr in einer Umfrage geantwortet. Mit 35 Prozent machen Vorgesetzte reichlich Punkte vor Ärgernissen wie viel Arbeit (12 Prozent) und niedrigem Gehalt (19 Prozent) – oder auch nervenden Kollegen (14 Prozent).

Dabei geht es in Verkaufsteams gar nicht darum, permanent eine Stimmung von Friede, Freude, Eierkuchen zu schaffen. Da jeder Beteiligte andere Ideen hat, kommt es leicht zu Konflikten. Umso wichtiger ist es, eine konstruktive Lösung zu finden und nicht nach Schuldigen zu suchen. Das kann man trainieren.

Neuen Spirit ins Team bringen

Wer als Vorgesetzter unsicher ist und sich zu viele Gedanken über die Reaktionen anderer macht, muss üben, Entscheidungen zu treffen. Mal reichen gute Freunde, mal muss ein professioneller Gegenspieler Übungspartner werden. Erst die Umsetzung von kreativen Ideen und das faire Aushandeln, wer Routineaufgaben erledigt, bringen einen neuen Spirit ins Team.

Dazu gehört konsequentes Feedback vom Chef – gegenüber dem ewig unpünktlichen Lageristen genauso wie gegenüber der fleißigen Fachverkäuferin.

„Sparringspartner suchen“

Drei Fragen an den Diplom­psychologen Johannes Thönneßen, selbstständiger Berater und Geschäftsführer von MWonline in Dormagen.

Was kennzeichnet schwache Chefs?

Chefs werden als schwach erlebt, wenn sie vor Konflikten und Auseinandersetzungen zurückscheuen und Entscheidungen vor sich herschieben. Durchregieren ist aber nicht unbedingt ein Zeichen von Stärke. Ein Team zu führen, bedeutet immer, ernsthaft an den Ideen und Meinungen der anderen interessiert zu sein. Dazu muss man ins Gespräch kommen – und dann entscheiden.

Kann das ein Mensch lernen, der lieber nicht entscheidet?

Wer beobachtet, dass Engagement und Arbeitsleistung der Mitarbeiter versanden, sollte sich einen Sparringspartner suchen. Denn vor einer Entscheidung Pro und Kontra abzuwägen und mit Mitarbeitern zu besprechen, das kann man üben.

Und wenn das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern schon nachhaltig gelähmt ist?

Für den Übergang kann der Chef einen Mediator einschalten, der Distanz hat statt aufgestauter Gefühle. Wenn er die Situation drehen will, muss er glaubhaft machen können, dass er künftig verlässlich entscheiden will.

 

Schlagworte: Personal, Personalpraxis

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