Durchstarten statt durchstehen

Ein längeres Arbeitsleben setzt gute Gesundheit voraus. Deshalb fördert die Politik verstärkt die Prävention – auch in kleinen Unternehmen.

Von Ruth Lemmer 27.08.2019

© Getty Images/Westend61

Politik fördert BGM.

Eine hohe Kundenfrequenz kurz vor Ladenschluss, streitsuchende Zeitgenossen und unpünktliche Lieferanten sind typische Stressmomente im Händleralltag. Doch nicht nur die Psyche wird belastet, auch bei Muskel-​Skelett-Leiden liegen Mitarbeiter im Einzelhandel über dem Durchschnitt. Denn das lange Stehen trifft alle Handelssparten von den Genussmitteln über Mode bis zum Zoobedarf. Und beim Einräumen der Regale sowie im Warenlager kommt neben Bücken und Strecken auch noch das Gewichtheben als Disziplin hinzu.

Zudem haben Verkäufer kaum Rückzugchancen: Im Geschäft stehen sie unter ständiger Beobachtung und müssen allzeit bereit sein für ihre Kunden. Gibt es überhaupt Pausenräume, sind sie selten gemütlich. Dennoch packen nur wenige Einzelhandelschefs das Thema physische und psychische Gesundheit an, um ihre Mannschaft fit und bei Laune zu halten. Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) scheint aus ihrer Sicht ausschließlich etwas für Konzerne zu sein.

Skolawork, seit 30 Jahren von Königswinter aus in Sachen BGM unterwegs, hat die Gesundheitsaktivitäten in über 800 Unternehmen verschiedener Branchen ausgewertet. Nur 32,5 Prozent der Handelsunternehmen bieten Gesundheitsfördermaßnahmen an, über alle Branchen hinweg sind es immerhin 38,3 Prozent. Ein Blick auf die Betriebsgrößen zeigt, dass vor allem kleinere Firmen die Mitarbeitergesundheit als Thema noch nicht entdeckt haben. Denn von den Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern fördern nur 26,7 Prozent die Gesundheit. Dabei können gerade kleine Verkaufsteams erkrankte Beschäftigte kaum ersetzen, die Arbeit ist mangels Personalmasse nur unter hoher Zusatzbelastung der verbliebenen Kollegen umzuverteilen.

Die ersten Schritte zur gesünderen Firma sind unkompliziert. Welche Themen beschäftigen die Mitarbeiter? Was kann umgebaut oder anders organisiert werden? Ist gemeinsames Sporttreiben ein Ziel? Berater der Krankenkassen planen vor Ort kostenlos die Gesundheitsförderung im Betrieb (BGF), sie bieten Onlinekurse und Seminare an. Manche Kassen gewähren ihren Mitgliedern sogar Boni: die IKK beispielsweise, die für Arbeitgeber 500 Euro auslobt, wenn mindestens drei Mitarbeiter IKK-Versicherte sind und die vereinbarten Maßnahmen abgeschlossen werden.

Der Bonus für den Mitarbeiter liegt bei 100 Euro. Es kann sich also lohnen, eine BGF-Anfrage an die Krankenkasse zu senden, bei der die meisten Mitarbeiter versichert sind. Gesundheitsaktionen werden zum Gewinn für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wenn zufriedene Mitarbeiter seltener fehlen und körperlich fitter werden. Vielleicht wird ja das gemeinsame Grippeimpfen im Herbst der Start in ein gesünderes Arbeitsleben.

Steuerbonus für Mitarbeiter

Wenn Unternehmer die Krankheitsrisiken ihrer Mitarbeiter mindern oder Erkrankungen verhindern, können sie bis zu 500 Euro pro Beschäftigtem ausgeben, ohne dass dies den Mitarbeitern als lohnwerter Vorteil angerechnet wird.

Die Prävention muss auf den Betrieb bezogen sein und der Anbieter anerkannt. Das Fitnessstudio um die Ecke fällt daher ebenso aus wie ein Massageinstitut.

Die Krankenkassen beraten in der Regel kostenlos zur Prävention im Unternehmen und erarbeiten ein auf die Mitarbeiter zugeschnittenes Programm. Körperfreund­liches Heben und gesunde Ernährung am Arbeitsplatz verändern das Verhalten, bessere Lichtverhältnisse und weniger Lärm im Laden beeinflussen die Arbeits­umgebung positiv.

Weitere Informationen unter:

t1p.de/7zt0 

t1p.de/79nw

Schlagworte: Personalpraxis, Gesundheit, betriebliche Gesundheitsförderung

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