Der digitale Azubi

Wie viele Unternehmen in Deutschland E-Commerce betreiben, weiß niemand genau. Unzweifelhaft hingegen ist, dass es für den digitalen Vertriebsweg keinen passenden Ausbildungsberuf gibt. Das will der HDE ändern.

Von Mirko Hackmann 25.09.2015

Bis 2017 soll nach den Plänen des Verbandes der Kaufmann im E-Commerce kommen. Die Resonanz auf das Konzept des HDE für den neuen Ausbildungberuf fällt bislang durchweg positiv aus. „Natürlich gibt es den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag und Änderungswünsche im Detail“, sagt Wilfried Malcher, „doch es besteht weitgehender Konsens, dass ein solcher dreijähriger Ausbildungsberuf für alle Beteiligten von Vorteil sein wird.“ Der Geschäftsführer Bildung und Berufsbildung beim HDE hat das Konzept für den dualen Ausbildungsgang federführend entwickelt und vorangebracht, das nun als Grundlage für die weiteren Diskussionen im Zulassungsprozess dienen wird.

E-Commerce ist Wachstumstreiber im Einzelhandel und hat in den vergangenen 15 Jahren als weiterer Vertriebsweg den klassischen Versandhandel massiv verändert und den stationären Einzelhandel vor große Herausforderungen gestellt. Die Umsätze im Onlinehandel wachsen rasant: Inzwischen entfallen mit 42 Milliarden Euro rund zehn Prozent des Einzelhandelsumsatzes auf das Onlinegeschäft. Im selben Tempo wächst auch der Bedarf an qualifiziertem Personal. Doch die Ausbildungsstrukturen hinken dem Markt hinterher.

Komplexe Anforderungen

Wie viele andere Handelshäuser mit breiter E-Commerce-Sparte begrüßt Galeria Kaufhof die Initiative des HDE für einen Ausbildungsberuf, der speziell auf den Onlinehandel ausgerichtet ist. „Als Multichannel-Warenhaus stellen wir in der beruflichen Praxis immer wieder fest, wie sehr sich die Anforderungen durch neue Technik und Medien verändert haben“, betont Imke Heymann, Leiterin Personalentwicklung und Berufsausbildung bei Galeria Kaufhof. Ebenso seien die Bedürfnisse der Kunden, die verstärkt online einkaufen, häufig andere als die jener Kunden, die eine Filiale ansteuern. „Bisher bildet kein bestehendes Berufsbild diese Anforderungen ganzheitlich ab“, so Heymann. Den neuen Ausbildungsberuf sieht sie als eine gute Basis, um selbst Nachwuchskräfte für den E-Commerce auszubilden.

Wer eine solche Berufsausbildung absolviert hat, wird schnell Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen können und die komplexen Anforderungen im E-Commerce gut zu bewältigen wissen“, ist Christian Kernbichl überzeugt. Der Managing Director von Merkkur hat das Business bei Amazon gelernt. Heute ist es sein Geschäft, Kunden aus dem Fashionbereich bei der Umsetzung ihrer E-Business-Strategien zu beraten. Zudem agiert Merkkur selbst als Händler im Modemarkt. „Bislang beschäftigen wir hauptsächlich Akademiker, doch die Anforderungen im E-Commerce sind so vielfältig, dass es in der Regel zwei Jahre dauert, bis wir unsere Angestellten an alle Aufgaben herangeführt haben.“ Sobald der neue Ausbildungsberuf zugelassen ist, plant Kernbichl, selbst in diesem Bereich auszubilden.


„Es besteht weitgehender Konsens, dass ein solcher dreijähriger Ausbildungsberuf für alle Beteiligten von Vorteil sein wird.“ Wilfried Malcher, Geschäftsführer Bildung und Berufsbildung beim HDE


Nach einhelliger Einschätzung von Branchenexperten werden für die Ausbildung zum/zur Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce vor allem Schüler mit Abitur oder einem guten Realschulabschluss infrage kommen. Überdies sieht das Konzept des HDE den Fortbildungsberuf Fachwirt/-in im E-Commerce vor, der einem Bachelorabschluss gleichwertig sein soll. Malcher: „Das Angebot richtet sich an berufserfahrene Kaufleute, die sich fit machen wollen für die neuen Anforderungen in der digitalen Welt.“ Denn die wächst beständig: Der Online- Monitor 2015 des HDE erwartet eine Steigerung des Onlineanteils auf 20 Prozent im Jahre 2020 – im Non-Food-Handel wahrscheinlich deutlich mehr. Gut ein Drittel der Einzelhandelsunternehmen ist inzwischen auch im Onlinehandel mit Endverbrauchern tätig. Das sind aktuell über 80 000 Unternehmen. Darüber hinaus wird E-Commerce auch in anderen Wirtschaftsbereichen betrieben und erfasst sowohl den B2C- als auch den B2B-Bereich.

Die Dynamik des E-Business ist auch am Multichannel-Unternehmen Walbusch nicht vorbeigegangen. „In diesem Segment haben wir mit zwei, drei Leuten angefangen, mittlerweile sind es 23“, sagt Ausbildungsleiterin Barbara Hundenborn. Sukzessive holte sich das Unternehmen Leute aus unterschiedlichsten Berufen und qualifizierte sie weiter, um die Anforderungen zu meistern. „Ein entsprechender Ausbildungsberuf würde uns helfen, den künftig noch weiter wachsenden Bedarf leichter zu decken“, glaubt Hundenborn. Zudem versetze es das Unternehmen in eine gute Position beim Kampf um die besten Köpfe, ein solch modernes und zukunftsträchtiges Berufsbild anzubieten. Dank des „ausgereiften Konzepts des HDE“ sieht Hundenborn den Zulassungsprozess „auf bestem Wege“.

Absolut zukunftsfähig

Nicht minder optimistisch ist Max-Josef Weismeier gestimmt. Der Ausbildungsleiter beim Baur Versand hält das vom HDE entwickelte Modell für „absolut zukunftsfähig“. Es decke sich mit den Anforderungen seines Hauses und schließe die Ausbildungslücke bei den Berufen für den Onlinehandel. „Damit können wir Nachwuchskräfte ideal für unser Kerngeschäft qualifizieren“, sagt Weismeier. Dank der Fortbildungsvariante zum/ zur Fachwirt/-in E-Commerce bestehe zudem die Chance, auch vorhandenes Personal für das E-Business zu schulen.

Initiator Malcher geht davon aus, dass noch in diesem Jahr der Startschuss für das Ordnungsverfahren fällt und bis zum Spätsommer 2016 die Sachverständigensitzungen abgeschlossen sind. Dann wird das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zusammen mit Sachverständigen der Sozialpartner die Ausbildungsordnung und mit Sachverständigen der Kultusministerien den Rahmenlehrplan für die Berufsschulen entwerfen. Das Vorhaben soll, so das Ziel des HDE, so zügig durchgeführt werden, dass der Verordnungsgeber die neue Ausbildungsordnung Anfang 2017 verkünden kann. Im ersten Jahr rechnet Malcher mit 1 000 Ausbildungsplätzen für die erste Generation von Kaufleuten im E-Commerce. Der Markt wartet.

Schlagworte: Ausbildung, E-Commerce, Mittelstand

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