Ausbildung: Jenseits des Faktenwissens

Fachübergreifende Schlüsselkompetenzen wie Eigenverantwortung oder Teamfähigkeit werden bei der Ausbildung im Handel noch zu wenig gefördert. Neue E-Learning-Module und das Prinzip des „Flexible Learning“ sollen das ändern.

Von Jürgen Albrecht 03.12.2015

Früher war alles besser. Auch die Berufsausbildung. Und das Interesse der Auszubildenden am Job sowieso. Wirklich? Sicher nicht. Aber viele Handelsbetriebe klagen dennoch, dass Jugendliche immer weniger ausbildungsfähig seien. Mehr Kompetenzen sind gefragt. „Der Weg vom Wissen zum Können fällt offenbar vielen schwer. Das müssen wir ernst nehmen“, sagt Olaf Stieper, Bildungsexperte bei Edeka. Die Abschlussnote „gut“ höre sich zwar gut an, aber es bringe nichts, ungeordnet Fakten abzufragen. Die Berufsanforderungen müssten als Ganzes gesehen werden. Wichtig sei, zielgerichtet die Kompetenzen der Mitarbeiter zu erhöhen. Das könne bis zur Herausbildung eines neuen Berufsbildes führen. So sei man bei Edeka erfolgreich dabei, Frischespezialisten auszubilden.

Wissenschaftler und Handelspraktiker sind sich einig, dass der Herausbildung von Kompetenzen größere Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Doch hier beginnt das Dilemma. „Alle Welt spricht von Kompetenzen und jeder versteht etwas anderes darunter“, beobachtet Gabriele Lehmann, Geschäftsführerin der Zentralstelle für Berufsbildung im Handel (zbb). Seit 2007 beschäftigt sich die zbb in einem Projektverbund mit Bildungs- und Praxisexperten mit dem Thema flexibles und kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im Handel. „Wir haben uns damit auseinandergesetzt, wie aus Wissen Kompetenzen generiert werden können. Dazu braucht es praxisorientierte Lehr- und Lernmaterialien wie unsere E-Learning-Module, ein Kompetenzmodell und kreative Pädagogen und Ausbilder.“


Wilfried Malcher, Geschäftsführer Bildung und Berufsbildung des HDE:

Die Konzeption des Flexible Learning bietet große Chancen für die Bildungsarbeit im Handel. Der Einsatz der an beruflichen Handlungssituationen ausgerichteten E-Learning-Module bereichert die Qualifizierungsprozesse in der Berufsvorbereitung, der beruflichen Aus- und Fortbildung sowie der Hochschulbildung. Die praxisgerechte Modernisierung der handelsbezogenen Qualifizierung erfordert den Einsatz der Flexible-Learning-Produkte.


Welche Kompetenzen sind für den Handel besonders relevant? In den Lehrplänen und Curricula werden vor allem Fachkompetenzen abgebildet. In Zusammenarbeit mit dem Kompetenzforscher Professor Dr. John Erpenbeck hat ein Expertenteam die zehn wichtigsten fachübergreifenden Kompetenzen für den Handel herausgearbeitet. Diese lauten: Belastbarkeit, Dialogfähigkeit, Kundenorientierung, Eigenverantwortung, Einsatzbereitschaft, ergebnisorientiertes Handeln, Kommunikationsfähigkeit, Lernbereitschaft, normativ-ethische Einstellungen, Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit.

Erfreulicherweise gibt es inzwischen die ersten guten Ergebnisse aus der Praxiserprobung. Marc Holland vom Bildungszentrum Handel und Dienstleistungen Thüringen konzentrierte sich mit Azubis aus dem zweiten Ausbildungsjahr auf den Kompetenzschwerpunkt Kommunikationsfähigkeit. Drei Tage lang ging es mithilfe von E-Learning-Modulen, vielfältigen Rollenspielen und Gesprächen um die eine Frage: Wie kann ich die verbale und nonverbale Kommunikation mit den Kunden verbessern? Gemessen wurden die Kompetenzen über zuvor definierte Kriterien wie: „Knüpft schnell Kontakte und baut sie aus“ oder: „Zeigt Wertschätzung gegenüber euren Gesprächspartnern“.

Eigenständiges Lösen von Aufgaben

Das Carl-Severing-Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der Stadt Bielefeld beschäftigt sich im Rahmen des Programms „Flexible Learning“ mit dem Kompetenzerwerb zum Berufseinstieg und für Handelsassistenten. Die dafür eingesetzten Flexible-Learning-Module motivierten die Schüler zur eigenständigen Lösung der Aufgaben. Im Mittelpunkt stand die Förderung der Kompetenzen Einsatzbereitschaft sowie ergebnisorientiertes Handeln und Initiative, die ebenfalls mit Hilfe festgelegter Kriterien erfasst wurden.


Gabriele Lehmann, Geschäftsführerin Zentralstelle für Berufsbildung im Handel (zbb):

Die E-Learning-Module und das Kompetenzmodell Handel sind ein Schatz, der seinen Reichtum in der Anwendung entfaltet. Ein virtuelles Einkaufscenter beherbergt die unterschiedlichsten Handelsunternehmen, in denen die Lernenden praxisorientierte Probleme und Aufgaben lösen. Der Schwierigkeitsgrad reicht dabei von der Berufsvorbereitung bis zum Bachelor. Die Module können an allen Lernorten eingesetzt werden und jeder kann sie nutzen: Lehrende, Ausbilder, Lernende.


Auch an der Hochschule Worms wurde neues erprobt, wobei sich ungewohnte Szenen ergaben: Bachelorstudierende stehen sich als Banker und Händler im schicken Business-Outfit gegenüber. Die einen wollen eine Schuhfiliale gründen, die anderen müssen den Businessplan prüfen und das Finanzierungsrisiko abschätzen. Natürlich muss es um Zahlen und Fakten gehen, im Vordergrund steht jedoch, Standpunkte zu vertreten, mit Argumenten zu überzeugen und sich durchzusetzen. Mithilfe der E-Learning-Module und intensiver Dozentenbetreuung wurde das Rollenspiel zwischen Händlern und Bankern initiiert und gestaltet.

Mit Flexible Learning wurden für eine der ausbildungsstärksten Branchen im Zusammenwirken der Sozialpartner moderne und flexibel einsetzbare E-Learning-Module und Kompetenzentwicklungsstrategien entwickelt, die für den Praxiseinsatz in Unternehmen und Bildungseinrichtungen zur Verfügung stehen. Bei mehr als 160 000 Auszubildenden im deutschen Handel erscheint das als gut investiertes Geld. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie vom Europäischen Sozialfonds.

Schlagworte: Ausbildung, Flexible Learning, E-Learning

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