Open Banking

Die Zukunft ist offen

Die zweite Stufe der Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 ist ­gezündet: Banken müssen Schnittstellen zu Konten für von der Bankenaufsicht zugelassene Unternehmen öffnen. Eine Chance nicht nur für Finanzdienstleister, sondern auch für den Handel, der seinen Kunden neue Services anbieten kann.

Von Jens Gräber 19.11.2019

© Akindo/iStockphoto

Open Banking eröffnet nicht nur der Finanzbranche, sondern auch dem Handel neue Chancen.

Beim Stichwort PSD2 denken viele Händler vor allem an die starke Kundenauthentifizierung, die seit Kurzem Pflicht ist. Eine zweite Veränderung, die mit der neuen Zahlungsdienstrichtlinie einhergeht, hat zwar weniger Aufsehen erregt, ist aber mindestens genauso bedeutend. Banken müssen seit Jüngstem ihre Schnittstellen zu den Konten und Daten ihrer Kunden für Drittanbieter öffnen. Open Banking lautet das Stichwort.

Was zunächst recht technisch anmutet, eröffnet in der Praxis zahlreiche neue Möglichkeiten. „Die am nächsten liegenden Anwendungsoptionen erwachsen natürlich im Bankenumfeld, etwa wenn man an neue Geschäftsmodelle für Finanzdienstleister denkt“, sagt Ernst Stahl, Payment-Experte beim Ibi Research Institute der Universität Regensburg. Aber auch für den Handel böten sich dadurch neue Chancen. „Eine sehr spannende Zeit für die Branche“, schwärmt Stahl.

Will ein Kunde zum Beispiel ein teures Elektrogerät finanzieren, hat er nun die Möglichkeit, seinem potenziellen Kreditgeber direkten Zugriff auf seine Kontodaten zu gewähren. „Die Entscheidung kann dadurch schnell und unkompliziert am Point of ­Sale fallen“, erläutert der Payment-Experte. Und der Kunde kann sein Gerät gleich mitnehmen. „Einen solchen Bonitätscheck muss der Händler jedoch nicht selbst anbieten, dazu nutzt er einen entsprechend legitimierten Dienstleister“, erklärt Stahl. Denn für die Nutzung dieser sogenannten Kontoinformationsdienste (Grafik rechts) ist eine Zulassung der Bankenaufsicht BaFin nötig.

Der Kunde profitiert jedoch nicht allein von der schnelleren Bereitstellung des Kredits, sondern bei guter Bonität zudem von einem günstigen Zinssatz. Derweil sinkt für den Verkäufer das Ausfallrisiko. Zudem eröffnen sich durch innovative Loyalitätsprogramme neue Möglichkeiten der Kundenbindung. Stahl: „Unternehmen könnten jenen Kunden individualisierte Gutscheine oder besonders passgenaue Angebote offerieren, die den Kontozugriff erlauben.“ An dieser Stelle setzt etwa das Fintech-Unternehmen Optiopay mit einer White-Label-Lösung namens Optiobanking speziell für den Handel an.

Rabattaktionen ausspielen

COO Oliver Oster erklärt: „Anhand der Kontoumsätze wissen wir genau, welcher Kunde wann, wie oft und in welchem Umfang bei welchem Händler oder Dienstleister einkauft oder Leistungen bezieht.“ Hat ein Kunde beispielsweise mehrere Wochen nichts mehr bei einem Händler gekauft, erhält er, um ihn zur Rückkehr zu animieren, ein spezielles Angebot. „Wir merken sogar, wenn ein Kunde plötzlich häufiger bei einem Wettbewerber zuschlägt, und steuern gezielt Rabattkampagnen aus, die speziell für jene Kundengruppe wirken, zu der dieser Kunde zählt.“ Der Clou: Der Kontozugriff ermöglicht es, die Angebote exakt dann auszuspielen, wenn das Gehalt des Kunden auf seinem Konto eingeht. „Das verbessert die Conversion Rate“, weiß Oster.

„Mit Open Banking beginnt für die Handelsbranche eine sehr spannende Zeit.“

Ernst Stahl, Payment-Experte bei Ibi Research

Impulskäufe steuern

Zudem soll es möglich sein, an Tagen, an denen ein Händler gemeinhin wenig Zulauf hat, Impulskäufe zu animieren. Oster: „Der Kunde bekommt über unser Online-Interface zum Beispiel den Hinweis, dass er am nächsten Donnerstag bei einem Kauf in Höhe von 100 Euro bei einem Händler automatisch fünf Prozent Cashback erhält.“ Rund acht Prozent der Nutzer kauften dann tatsächlich an diesem Tag dort ein. Händler, die Optiobanking nutzen wollen, entrichten Einrichtungs- und monatliche Lizenzgebühren.

Kontoinformationsdienste, wie das Angebot von Optiopay, sind laut Paymentexperte Stahl derzeit generell gefragter als Zahlungsauslösedienste. Aber auch für diese sieht Stahl Einsatzmöglichkeiten im Handel: „Wer im Möbelhaus eine Anzahlung leisten muss, kann das dort, ohne zur Kasse gehen zu müssen, einfach von einem Computer aus veranlassen.“ Michael Salmony, Berater beim Zahlungsabwickler Equens Worldline, geht noch einen Schritt weiter: „Ähnlich dem Amazon-Go-Modell lässt sich ein Laden ohne Kasse betreiben, die Bezahlung läuft vollständig über den Zahlungsauslösedienst.“ Der Kunde muss den Vorgang lediglich noch einmal bestätigen. „Ideal zum Beispiel für Menschen, die sich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee kaufen“, so Salmony.

Vertrauen aufbauen

Nur Vorteile also? „Für den mündigen Menschen, der weiß, was er will, kann Open Banking eine gute Sache sein“, meint Stahl. Der Verbraucher müsse aber gut überlegen, wem er seine Daten anvertraue. „Wenn ich ein ganzes Jahr lang auf Ihr Konto schauen kann, weiß ich alles über Sie – ob Sie Mitgliedsbeiträge an eine Partei überweisen oder öfter Rechnungen Ihres Urologen bezahlen“, warnt er. Finanzdienstleister und Händler, die die neuen Möglichkeiten nutzen wollen, sind also gut beraten, bei ihren Kunden das nötige Vertrauen aufzubauen.

An dieser Stelle besteht offenbar noch Handlungsbedarf: Denn einer Studie der PwC-Strategieberatung Strategy& zufolge sind derzeit nur drei Prozent der deutschen Kunden bereit, ihre Kontodaten gegen Rabatte oder andere Vorteile mit Fintech-Unternehmen zu teilen. Oliver Oster von Optiopay ist dennoch optimistisch. Die von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ausgestellte Zulassung schaffe Vertrauen, glaubt er. Und er setzt auf die Zukunft: „Immer mehr Menschen verstehen, dass die Datennutzung für sie große Vorteile bietet. Diese Haltung gilt vor allem für die Kunden von morgen.“

„Immer mehr Menschen verstehen, dass die Daten­nutzung für sie große Vorteile bietet. Diese Haltung gilt vor allem für die Kunden von morgen.“

Oliver Oster, COO Optiopay

„Wir erwarten eine Explosion der Kreativität“

Michael Salmony, Berater beim Zahlungsabwickler Equens Worldline

 

Ist Open Banking die Revolution, für die es einige halten?

Tatsächlich sehen wir Open Banking als einen ähnlich großen Schritt wie die Entwicklung des Smartphones. Dabei haben am Anfang auch alle nur ans Telefonieren gedacht und nicht an Apps, wie das beliebte Spiel Candy Crush oder die Dating-App Tinder. Es sind viele neue Dinge entstanden, so wird es beim Open Banking auch sein. Jetzt können kreative Unternehmen, die selbst keine Bank sein müssen, im Bereich der Finanzdienstleistungen neue Angebote entwickeln. Wir erwarten eine Explosion der Kreativität.

Inwiefern kann der Handel davon profitieren?

Konkret sind zum Beispiel smarte Lösungen am Point of Sale denkbar, die bei größeren Beträgen gleich vorschlagen, das Geld vom Spar- statt vom Girokonto abzuheben, oder Ratenzahlung anbieten. Auch im Netz gibt es beim Check-out viel mehr Möglichkeiten. Das wirklich Interessante ist aber auch hier: Es wird Dinge geben, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können, weil wir viel zu eng denken.

Gibt es Risiken, etwa beim Datenschutz?

Streng genommen, sind die Anforderungen an die Nutzer-Authentifizierung und den Datenschutz höher als vorher. Der Zugriff erfolgt nur mit expliziter Zustimmung des Kontoinhabers. Das erfordert einen verantwortlichen Umgang, denn Missbrauch wird es natürlich geben.

Schlagworte: Banking, Payment, Marketing

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