Marketing

Weil das Gute oft so nahe liegt

Die Location-Marketing-Plattform Uberall lotst online recherchierende Verbraucher zu stationären Läden in ihrer Nähe. Ein globales Business, das von der Coronakrise weiter beflügelt werden könnte: Eine Million Geschäftsstandorte setzen bereits auf die Softwarelösung.

Von Ralf Kalscheur 07.07.2020

© Uberall/Chris Marxen

Etwa die Hälfte des Jahresumsatzes in Höhe von gut 30 Millionen Euro erwirtschaftet Uberall mit Großunternehmen wie Douglas und Netto. Das Unternehmen wuchs im Vorjahr um 60 Prozent und stellt dieses Jahr 80 neue Mitarbeiter ein.

Florian Hübner beschreibt sich selbst als „echten Hardcore-Nerd“. Er schließt in Karlsruhe ein internationales Studium der Algorithmentechnik ab und strebt eine Universitätslaufbahn an, als ihn McKinsey umgarnt und in Berlin zum Berater macht. Für ein Sabbatjahr kehrt Hübner später in den Wissenschaftsbetrieb zurück, um am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam seinen Doktorgrad zu erwerben. Der institutsnamensgebende SAP-Gründer ist sein Doktorvater. „Das akademische Leben war mir nach der hochtourigen McKinsey-Erfahrung nicht mehr schnell genug“, erinnert sich der heute 38-Jährige. Er will sich selbstständig machen.

Zusammen mit David Federhen, seinem besten Freund aus Kindertagen, betreibt Hübner im Jahr 2012 eine an dem Rabattportal Groupon orientierte Mobile App für lokale Läden. Ein Jahr später entwickeln die beiden Geschäftspartner die besser skalierbare Idee eines hyperlokalen Onlinemarketingservice und gründen Uberall. Kunden in lokale Läden zu lotsen, ist das Kerngeschäft des Software-Anbieters.

„Jede zweite Google-Suche bezieht sich heute auf Angebote ‚in der Nähe‘ und führt in 30 Prozent der Fälle zu einem Offline-Einkauf“, sagt Gründer und CEO Florian Hübner. Seine Location-Marketing-Lösung sorgt dafür, dass Unternehmen ihren potenziellen Kunden auf allen Geräten einheitlich aktuelle Einträge in den relevanten Suchmaschinen und Navigationsdiensten, auf Empfehlungsportalen und Plattformen sowie in Adressverzeichnissen anzeigen.

Sträflich vernachlässigte Stammdaten

Der Bedarf nach Automatisierungstechnologie, die Unternehmenseinträge überall im Netz auf dem neusten Stand hält, ist offenbar groß: Laut einer Studie von Uberall pflegen derzeit nur vier Prozent von 73 000 analysierten Geschäftsstandorten – darunter kleine Betriebe und Filialisten – konsistente Stammdaten wie Kontaktinformationen und Öffnungszeiten über verschiedene Plattformen wie Yelp und Facebook hinweg.

Für kleine und mittelständische Einzelhändler bedeutet die Vernachlässigung der Onlinehausaufgaben die Gefahr, Relevanz einzubüßen und in den Suchergebnissen gegenüber besser gemanagten Filialpräsenzen abzurutschen. Website-Builder für KMU, wie 1&1 Ionos oder Jimdo, vermarkten das Uberall-Digitalprodukt als lokalen Listingservice an ihre Kunden.

Auch im Hinblick auf die künftige Rolle der Sprachsuche ist es für Händler nicht ratsam, die mehrheitlich online beginnende Customer Journey mit fehlerhaften Geschäftseinträgen in Schlüsselverzeichnissen auszuschildern. Intelligente Sprachassistenten geben nur eine als relevant eingestufte Antwort und machen nicht viele Worte zu schlechter platzierten Suchergebnissen, die nur im Falle der Bildschirmdarstellung noch eine Rolle spielen.

„Jede zweite Google-Suche ­bezieht sich heute auf ­Angebote ‚in der Nähe‘ und führt in 30 Prozent der Fälle zu einem Offline-Einkauf.“

Gründer und CEO Florian Hübner

Reputationsmanagement für Großkunden

Auf „zehn bis 15 Prozent“ schätzt Hübner den aktuellen Anteil der Sprachsuche am gesamten Suchaufkommen; Tendenz stark steigend. Gesonderte Aufmerksamkeit müssten Händler der Sprachsuche jedoch nicht unbedingt schenken, meint Hübner: „Das muss man erst mal einordnen. Die Optimierung der Near-me-Suche zahlt auch auf Voice ein.“

Etwa die Hälfte des Jahresumsatzes in Höhe von gut 30 Millionen Euro erwirtschaftet Uberall mit Großunternehmen. Zu den Kunden gehören etwa Douglas, Galeria Kaufhof, Netto, Kaufland, Bio Company und die großen Tankstellenketten. „Filialisten haben vor Ort nicht immer die besten Onlinebewertungen“, erklärt Hübner. Die Berliner entwickelten ihr Geschäftsmodell weiter und bieten den Ketten eine Lösung für das Management der Kundeninteraktion an. Händler sollen damit so schnell wie möglich auf Kundenbewertungen reagieren, damit etwa ein schlechtes Reputation-Management nicht die „Near-me-Brand-Experience“ entlang der Customer Journey beeinträchtigt.

Eine komplexe Aufgabe, wenn bei Hunderten Standorten täglich Tausende Kommentare anfallen. Im Februar launchte Uberall zudem „Near-me-Ads“, eine Lösung, mit der Filialisten für jeden Standort individuelle, konversionsoptimierte Anzeigen auf Google, Facebook und Instagram lokal aussteuern können. Bei Tests erzielten sie Konversionsraten von über zwölf Prozent, so das Unternehmen.

Marktführer in Europa

Insgesamt managt Uberall weltweit mehr als eine Million Geschäftsstandorte seiner Kunden. „Wir sind 2019 um 60 Prozent gewachsen und diese Rate wollen wir auch in diesem Jahr erreichen“, sagt Hübner. Das Unternehmen beschäftigt rund 250 Mitarbeiter, davon knapp 200 in Berlin. „Wir vergrößern uns derzeit auch personell stark und werden bis Ende dieses Jahres 80 neue Mitarbeiter einstellen“, kündigt Hübner an.

Die notwendigen Raumkapazitäten hat der Chef, dessen Kompagnon Federhen sich mittlerweile eher in zweiter Reihe um strategische Projekte kümmert, bei der Auswahl des neuen Bürogebäudes im Stadtteil Wedding eingeplant. Der Software-as-a-Service-Anbieter teilt es sich mit einem seiner zahlreichen Partner: Springer-Tochter Bonial informiert über die Onlineplattformen Kaufda und MeinProspekt monatlich rund zehn Millionen Nutzer über aktuelle Angebote in örtlichen Filialgeschäften.

Dass Uberalls deutlich größerer amerikanischer Konkurrent, das Einhorn Yext, seine Europazentrale vor einem Jahr ausgerechnet in Berlin etablierte, empfindet Hübner übrigens nicht als Bedrohung. „Wir sind in Europa der klare Marktführer. Zudem erzielen wir 25 bis 30 Prozent unseres Umsatzes in Nordamerika, auf dem Heimatmarkt von Yext.“ Die Welt ist groß genug für zwei Platzhirsche.

Das Unternehmen

Der Software-­as-a-Service-Anbieter Uberall wurde 2013 von Florian Hübner und David Federhen in Berlin gegründet, um die Online-Sichtbarkeit von Stationärhändlern zu erhöhen. Neben dem Hauptsitz in der Hauptstadt unterhält das Unternehmen Büros in San Francisco, London, Paris, Amsterdam und Kapstadt. Mit 250 Mitarbeitern erwirtschaftete Uberall im Vorjahr rund 30 Millionen Euro Jahresumsatz zu je einem Drittel in Europa, Nordamerika und im Rest der Welt. Im Jahr 2018 sammelte Uberall in zwei Finanzierungsrunden insgesamt 50 Millionen Dollar ein. Das Geld floss in die internationale Expansion und die Übernahme des niederländischen Wettbewerbers Navads.

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus, Marketing, Stationärhandel, Digitalisierung, Suchmaschinen

Kommentare

Ihr Kommentar