Omnichannel

Der Laden als Drehkreuz

Stationäre Händler suchen nach Lösungen, wie sie Onlinebestellungen in Stores effektiver bearbeiten und von dort aus versenden können. Dank cloudbasierter Anwendungen entwickeln sich Läden mit kleinen Lagern zu dezentralen Fulfillmentcentern.

Von Ralf Kalscheur 20.11.2019

© mauritius images/Richard Johnson/Alamy

Cloudbasierte Anwendungen machen Läden mit kleinen Lagern zu dezentralen Fulfillmentcentern.

Für die französische L'Occitane Group ist der Store noch lange nicht tot. „Das Einkaufserlebnis im Geschäft ist ein Kernelement der Differenzierung im Wettbewerb“, betont Alexis Dusanter, Group E-Commerce Operations & Supply Chain Manager. Der Konzern erwirtschaftet mit Bio-​kosmetik rund 1,4 Milliarden Euro Umsatz und betreibt weltweit rund 1 500 Läden. Die Herausforderung für Dusanter und sein Team besteht darin, das große Filialnetzwerk so effizient mit dem wachsenden Onlinegeschäft zu verknüpfen, dass die Omnichannel-­Lösung einen Vorteil im Wettbewerb mit den großen Online-Pure-Playern verspricht.

Services wie Click & Collect, Instore-Order oder Concierge Shopping hat L'Occitane schon im Repertoire. Das Unternehmen kann auch seinen Onlinekunden die Möglich­keit bieten, die Kosmetikprodukte im Laden vor Ort in Augenschein zu nehmen, zu testen und sich bei der Kaufentscheidung beraten zu lassen. Schwierig ist es hingegen, die räumliche Nähe zu den Kunden über Hunderte Stores hinweg auch logistisch abzubilden.

Denn im Idealfall soll der Kunde nicht nur online nachsehen können, ob das von ihm gewünschte Produkt in der Filiale vor Ort vorhanden ist. Die lokale Filiale sollte auch in der Lage sein, dem Onlinebesteller schneller ein Produkt zu schicken als der weiter entfernt zentral agierende Online-Pure-Player. „64 ­Prozent der französischen Konsumenten erwarten, dass ihr favori-​sierter E-Tailer nicht nur Same-Day-Delivery, sondern sogar die Lieferung innerhalb von einer Stunde anbietet“, sagt Damien Bon, CEO des Logistikers ­Stuart.

„Die Komplexität der Lieferkette nimmt stark zu und ebenso die Anspruchshaltung des Verbrauchers hinsichtlich Faktoren wie Preis, Schnelligkeit, Nachhaltigkeit und Produktinformation“, erklärt Eddie Capel, President und CEO von Manhattan Associates. Das Technologieunternehmen entwickelt und lizenziert cloudbasierte Lösungen für Lagerhausmanagement, Supply Chain und Omni­channel-Handel. Auf einer in Barcelona veranstalteten Hausmesse begrüßte Capel über 400 europäische Partner und Kunden. In Deutschland arbeitet Manhattan – seit 2017 vom Sitz in Düsseldorf aus – ­etwa mit Aldi und Lidl, Adidas, S’Oliver und Globetrotter zusammen.

Automatisierung in Echtzeit

Das europäische Geschäft der US-Amerikaner wächst stark, denn dem Thema Omnichannel kommt weiterhin eine zunehmende Bedeutung zu: Die Anfragen zu „in der Nähe“ über ein mobiles Gerät haben sich seit 2016 in Deutschland verdreifacht, so eine aktuelle Erhebung von Google. Dank der Nachfrage nach Innovationen schloss Lösungsanbieter Manhattan das dritte Quartal 2019 erneut mit einem Rekordumsatz in Höhe von 146,2 Millionen Euro ab.

Neue, auf maschinellem Lernen basierende Technologien steuern in vollautomatischen Verteilungszentren in Echtzeit, welche Bestellungen prioritär bearbeitet und wie viele Mitarbeiter oder Roboter dafür eingesetzt werden müssen und wann in der Lieferkette – so die Logistikerfachsprache – „Nachfragewellen mit Bergen oder Tälern“ vorhersehbar sind.

Mithilfe geschulter Mitarbeiter lassen sich Omni­channel-Fulfillment-Lösungen zunehmend auch in Stores profitabler gestalten, sofern Platz für ein Lager ist. Die Kosten für RFID-Technologien schrumpfen ebenso wie die Chips selbst, sodass Händler die Sender auch in kleinformatigen Produkten des täglichen Gebrauchs registrieren, nachverfolgen und im Zuge des Warenbestandsmanagements und Marketings analysieren können. Die „Active Omni“ genannte Plattformlösung von Manhattan beispielsweise leitet Mitarbeiter auf der Fläche per intuitiv zu bedienender App schnell durch verschiedene Bestellvorgänge, die sie in Zeiten geringer Kundenfrequenz abschließen können.

„Das Einkaufs​erlebnis im Geschäft ist ein Kernelement der Differenzierung im Wettbewerb.“

Alexis Dusanter, L'Occitane Group

Vorhersehendes Bestandsmanagement

Ein Order-Management-System verarbeitet die Vorgänge, ähnlich wie in großen Warehouses, unter Kriterien wie Versandkosten und der aktuellen Personalsituation im Store. Auch das vorhersehende Bestandsmanagement und die Berücksichtigung aktueller Rabattaktionen oder Treueprogramme verarbeitet das System in Echtzeit, um unerwünschte negative Kundenerlebnisse zu vermeiden. Auf mobilen Endgeräten können Mitarbeiter zudem die Kundenhistorie einsehen, um die Customer Experience zu verbessern. Weil sich die Customer Journey schnell verändert, müssen die Systeme agil sein, um künftig beispielsweise verstärkt Voice-Anwendungen einbinden zu können.

Carrefour, eines der größten Groß- und Einzelhandelsunternehmen der Welt, investiert in die Diversifizierung seiner Marktformate und eröffnet sowohl Hypermarkets und Großmärkte als auch urbane Supermärkte und Convenient-Stores. „Großhändler sind mittlerweile eher Minidistributions-​zentren denn Cash-and-Carry-Retailer“, meint Manhattan-Chef Capel.

66 Stores in Spanien will Carrefour in der Zukunft als urbane Fulfillmentcenter nutzen. Es ist ein Feldversuch, um Daten für die Eröffnung neuer Lager zu sammeln und große Investitionen zu schieben. „Carrefour hat nicht genug Fulfillment-Kapazitäten in seinen Stores“, sagt José Martin Rodriguez, CEO des Lösungsanbieters Supply Nexus, der das Projekt betreut. „Der Druck durch Amazon führt aber dazu, dass Carrefours Omni­channel-Services schneller und besser werden müssen.“

Schlagworte: Omnichannel, E-Commerce, stationärer Handel, Digitalisierung

Kommentare

Ihr Kommentar