„Transport ist abgeleitete Nachfrage“

Mit dem Wachstum des Onlinehandels schwillt auch die Flut der Pakete an. Logistikdienstleister wie Innenstädte vermögen das Volumen kaum noch zu bewältigen. Beim Forum Handel 4.0 geht es um neue Ideen für den Paketversand. Fazit: Keine singuläre Maßnahme wird das Problem lösen.

Von Mirko Hackmann 11.12.2018

© Bildschön Berlin

Gastgeber Stephan Tromp wartet mit beachtlichen aktuellen Zahlen auf: „An den 61 Tagen der Monate November und Dezember wird der Onlinehandel in Deutschland täglich 220 Millionen Euro umsetzen“, prognostiziert der stellvertretende HDE-Hauptgeschäftsführer. Woraus sich für den Kunden die Sorge ergibt: Werden meine Bestellungen, die ich zu Weihnachten verschenken möchte, angesichts des drohenden Verkehrsinfarkts in den Innenstädten pünktlich bei mir eintreffen?

Ist ja in den vergangenen Jahren auch meistens gut gegangen, ließe sich einwenden. Doch hat sich die Zahl der Sendungen seit dem Jahr 2000 verdoppelt, wie der Leiter Innenstadtlogistik beim Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK), Carsten Hansen, zu berichten weiß. 3,35 Milliarden Päckchen und Pakete zählte der Verband im Jahr 2017; bis 2022 sollen es 4,33 Milliarden sein. Weshalb sich für Handel, Städte und Logistikdienstleister gleichermaßen ein Problemfeld auftut: Wie kann es gelingen, die Belastungen durch die Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) auf ein Maß zu reduzieren, das Innenstädte lebenswert hält, und zugleich den Versorgungsbedarf der Bürger deckt? Für Hansen lautet die Lösung: Die KEP-Dienstleister müssen digitaler und effizienter werden.

„Obwohl wir als Paketzusteller einen Vertrag mit dem Versender haben, wird mittlerweile der Empfänger zunehmend zum Regisseur unseres Geschäfts“, sagt Lars Purkarthofer mit Verweis auf Same-Day-Delivery, schmale Lieferzeitfenster sowie die mannigfaltigen Möglichkeiten zur Steuerung und Umleitung von Paketen. Der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit bei UPS Deutschland sieht die Herausforderung darin, vor „dem Hintergrund des Trends zu kleinen Sendungsgrößen bei gleichzeitig zunehmender internationaler Vernetzung eine möglichst ressourcenschonende Mobilität zu gewährleisten“.

Städte stehen unter Druck

Dazu gelte es, in Technologien wie digitale Routenplanung, Big-Data-Analysen und autonomes Fahren zu investieren und zugleich die Flotte auf alternative Antriebe wie CNG, Elektro oder Hybrid umzustellen. „Feinverteilung mit minimalinvasivem Equipment“, nennt Purkarthofer das. Die drohenden Dieselfahrverbote wirkten in diesem Kontext wie Katalysatoren, die den Umstellungsprozess massiv beschleunigten.

Obwohl die für Handwerker geplanten Ausnahmen auch für den Lieferverkehr gelten sollen, glaubt auch Thomas Kiel, dass die Stickstoffdiskussion nun den bereits seit Langem diskutierten Klimaschutzvorhaben und Luftreinhaltungsmaßnahmen zum Durchbruch verhelfe. „Die Städte stehen unter Druck“, so der Leiter des Referats Verkehr und Tiefbau beim Deutschen Städtetag (DST).

Tägliches Mikromanagement

An Ideen mangelt es ebenso wenig wie am Konsens, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. So haben DST, HDE und BIEK zusammen mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) bereits Mitte August unter dem Titel „Gute Logistik für lebenswerte Innenstädte“ ein gemeinsames Positionspapier veröffentlicht, das unter anderem eine sukzessive Umstellung auf alternative Antriebe, optimierte Logistikkonzepte, Rechtssicherheit für Mikrodepots sowie die Kappung von Verkehrslastspitzen durch Nachtbelieferung als Lösungen vorschlägt.

„Könnten Händler ihre Geschäfte und Filialen einfacher auch bei Nacht beliefern lassen, würden die Lieferverkehre entzerrt und es entstünde tagsüber mehr Raum für den Individualverkehr in den Stadtzentren“, erläutert HDE-Logistikexperte Ulrich Binnebößel das in den Niederlanden bereits praktizierte Konzept. Grundsätzlich sei der Handel bei der Belieferung der Kunden in den Innenstädten auf ein funktionierendes Zusammenspiel mit den Lieferdiensten und den Stadtverwaltungen angewiesen.

An der Bereitschaft, einander entgegenzukommen, scheint es nicht zu mangeln. „Wir weisen unsere Fahrer mittlerweile an, auf der Richtungsfahrbahn zu parken und nicht ganz rechts, wo sie den Radweg verstellen“, betont UPS-Vertreter Purkarthofer. Und DST-Referatsleiter Kiel kann sich vorstellen, örtliche Privilegierungen, wie Zufahrten für Lastenfahrräder oder Fahrzeuge mit alternativen Antrieben zu Fußgängerzonen oder zeitlich befristete Ladezonen, einzurichten. „Auch wenn der Vollzug wegen häufiger Fehlbelegungen sich in der Praxis schwierig gestaltet“, wie er zu bedenken gibt.

Gleichwohl sind sich die Diskutanten weitgehend einig, dass eine flexible Parkraumbewirtschaftung aus Effizienzgründen einer City-Maut vorzuziehen ist. Purkarthofer: „Das hätte keinen Steuerungseffekt, weil unser tägliches Mikromanagement stets darauf abzielt, nicht einen Kilometer zum Spaß zu fahren.“
Bestenfalls als Lösung für Sonderfälle bewertet die Runde innovative Lösungen wie Crowd-Delivery oder Lieferungen per Drohne. So hält Ulrich Binnebößel Crowd-Delivery in kleinem Rahmen für möglich, teilt aber die Sorge von Carsten Hansen über die Folgen, „wenn daraus ein Geschäftsmodell für Einzelkämpfer würde, die weitgehend unkoordiniert ausliefern“. Drohnen wiederum hält Thomas Kiel für „nicht skalierungsfähig, da ob ihres Energieaufwands zu teuer“.

Letztendlich gilt wohl das Wort von Lars Purkarthofer von UPS, der „Transport als abgeleitete Nachfrage“ definiert und somit auf den Konsumenten verweist, der durch sein Einkaufs- und Bestellverhalten den größten Einfluss auf das Lieferaufkommen hat. Entsprechend erinnert HDE-Experte Binnebößel daran, dass sich die Zeitfenster der Lieferdienste vor allem an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kunden ausrichten sollten: „Die schnelle Lieferung der im Internet bestellten Waren ist kein Selbstzweck. Viel wichtiger für die Kunden ist ein verlässliches, möglichst kleines Zeitfenster, in dem die Bestellungen eintreffen.“ Heißt: Express- und taggleiche Lieferungen gehen in vielen Fällen an den realen Verbraucherwünschen vorbei.

Schlagworte: Forum Handel 4.0, Logistik, Onlinehandel, Paketflut, Paketversand

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