Logistik

Klick und weg

Wenn ein 3D-Drucker die Kundenbestellung im autonom fliegenden Robo-Transporter während der Auslieferung herstellt, ist die ultimative Effizienz erreicht. Die Experimentier­freude auf dem Spielfeld Letzte Meile ist groß. Umgesetzt wird jedoch bislang wenig.

Von Pascal Fynn 15.10.2019

© Getty Images/Science Photo Library

In China liefern seit Mitte Mai die ersten innerstädtischen DHL-Drohnen Waren aus.

Logistikexperten schätzen, dass die Zahl der Paketlieferungen in ­Europa bis zum Jahr 2021 um 69 Prozent ­zunehmen wird. Im Jahr 2025, so die ­Unter­nehmensberatung McKinsey, ­werden rund fünf Milliarden Pakete ­jährlich in Deutschland verschickt. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Kunden. Neue Lieferkonzepte werden dringend benötigt. Doch wie bei der Digitalisierung in vielen anderen Wirtschaftsbereichen gibt es auch bei der Digitalisierung der Logistik zwar kein Erkenntnis-, aber ein Umsetzungsproblem.

„Drei Viertel der Unternehmen, die Waren transportieren, sagen, dass Plattformanbieter in zehn Jahren bedeutende Player in der Logistikbranche sein werden. Dennoch sagt jeder Dritte, dass digitale Plattformen für das eigene Unternehmen aktuell kein Thema sind, und jeder Vierte gibt an, dass Plattformen gerade erst diskutiert werden“, weiß Christopher Meinecke, Leiter Digitale Transformation beim Digitalverband Bitkom. Sein Rat an den Einzelhandel lautet deshalb: nicht abwarten, sondern machen!“ Tatsächlich bietet eine stetig wachsende Zahl von Start-ups schon heute Lösungsansätze, häufig bereits in Kooperation mit etablierten Händlern. Die Spannbreite ist enorm und reicht von datenbasierten Optimierungsmodellen für den internationalen Frachtverkehr bis hin zu nachhaltigen Lieferkonzepten für die Letzte Meile. Neben Fahrradkurieren werden in ein paar Jahren autonome Lieferboten wie Drohnen und Roboter unsere Städte erobern.

Seit Ende Mai dieses Jahres treiben etwa die Telekom und die Deutsche Flugsicherung mit dem Joint Venture Droniq die Entwicklung des kommerziellen Drohnenmarktes voran, ein Milliardengeschäft. Die Unternehmensberatung Frost & Sullivan erwartet, dass die Zahl der Lieferdrohnen global bis 2025 auf 2,2 Millionen steigt. In China liefern seit Mitte Mai bereits ganz offiziell die ersten innerstädtischen DHL-Drohnen Waren aus.

Der Automobilhersteller Ford bleibt zwar logistisch auf dem Boden, testet jedoch gemeinsam mit Agility Robotics seit diesem Sommer ziemlich abgehobene autonome Lieferkonzepte: Problemlos über Gras und Treppen stelzend, liefert Agilitys zweibeiniger Robo-Bote Digit Pakete aus dem selbstfahrenden VW-Lieferwagen direkt vor die Haustür. Ebenfalls von sich reden machten Hermes und die Deutsche Post mit Testläufen ihrer gemütlich über den Bürgersteig rollenden Zustellroboter sowie das estnische Start-up Starship. So richtig durchgesetzt hat sich bisher jedoch keine Lösung. Und mal ganz ehrlich: Wo genau sollen im Gedränge des Großstadtdschungels auch noch die niedlich anmutenden Robo-Boten übers Pflaster zuckeln?

Selbstfahrende Transportboxen

Es muss also grundlegend umgedacht werden. Praktische Erkenntnisse erhofft sich die Branche von dem im Juli eröffneten EfeuCampus auf dem Gelände der ehemaligen Dragoner Kaserne in Bruchsal nördlich von Karlsruhe. Von der EU mit zehn Millionen Euro gefördert, entsteht dort ein Testgelände mit 240 Einwohnern, inklusive Büros, Schule, Parks – und eines innovativen Logistikkonzepts. Ab 2021 sollen im Schritttempo fahrende Transportboxen, zwischen Sammelstelle und Haustüren pendelnd, das Problem der Letzten Meile lösen.

Bis dahin müssen Händler und Kunden sich wohl mit Paketstationen oder Click&Collect-Konzepten behelfen. Trotzdem bergen Daten und Digitalisierung schon heute Vorteile. „Dank KI haben wir heute besser geplante Routen. Dies hilft, fehlgeschlagene Zustellungen und damit unnötige Wege zu reduzieren oder zu verhindern“, erklärt Bitkom-Experte Meinecke. Und das ist erst der Anfang. Denn Daten seien nicht nur die Basis, um bestehende Abläufe zu optimieren: „Häufig geht es um völlig neue Geschäftsmodelle, die durch die Digitalisierung erst ermöglicht werden.“

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Vergleichsportal verschafft Orientierung

Ein Beispiel ist das Hamburger Start-up Carrypicker, das zwischen Fuhrunternehmen und Auftraggebern vermittelt. Dabei wird der Speditionsbetrieb basierend auf der Auswertung von Millionen historischer Frachtdaten optimiert. Ein ausgeklügelter Algorithmus plant in Sekundenschnelle die besten Routen, bündelt Aufträge und verteilt Teilladungen auf noch teilweise leer stehende Fahrzeuge. Der Preis wird in Echtzeit ausgespielt, wobei die Kosten zu Stoßzeiten steigen, wie etwa auch bei Flugtickets. 2.000 Speditionsunternehmen mit insgesamt mehr als 15.000 Lastern nutzen die App von Carrypicker bereits. Der Berliner Konkurrent Instafreight arbeitet aktuell mit rund 6.000 Frachtführern zusammen. Für Mitbewerber Cargonexx fahren derzeit mehr als 120.000 Lkw von insgesamt 8.000 registrierten und geprüften Transportunternehmen.

Um kleinere Bestellungen kümmert sich das Berliner Start-up Coureon, das auf seiner Plattform zwölf internationale Versanddienstleister bündelt – und weltweit in 190 Länder verschickt. Byrd, ein Berliner Start-up mit einem internationalen E-Commerce-Fullfillment-Netzwerk, holt die Pakete sogar vor Ort ab. Egal, ob global oder regional, ob günstig oder nachhaltig, das größte Problem scheint es heute zu sein, sich für eine der zahlreichen Logistiklösungen zu entscheiden. Mit einem Vergleichsportal für Speditionen hat das Leipziger Start-up Pamyra bereits die Lösung parat. Dort findet sich das beste Angebot per Mausklick.

Tatsächlich sieht auch eine große Mehrheit der Unternehmen Vorteile im Einsatz digitaler Technologien beim Warentransport. Eine Erhebung der Bitkom ergab, dass 92 Prozent auf eine Beschleunigung des Transports setzen, 85 Prozent glauben, dass langfristig die Logistikkosten sinken. Lediglich 14 Prozent sagen, dass sich digitale Technologien allein für größere Unternehmen lohnten, und keines der befragten Unternehmen gibt an, dass digitale Technologien überflüssig seien. „Das ist schon ein ziemlich eindeutiges Bild“, betont Transformationsfachmann Christopher Meinecke.

 

Innovative Lösungen für die Paketauslieferung:

Mehr Tempo auf der Letzten Meile

Liefery hat eine eigene Softwareplattform zur Optimierung der Letzten Meile entwickelt. Ziel ist es, die Waren schnellstmöglich direkt zum Kunden zu liefern. Dabei experimentiert das Unternehmen auch mit alternativen Zustellmethoden, etwa mit den Smarthome-Schließ­systemen von Kiwi. Alternativ können die Zusteller Pakete auch im Kofferraum geparkter Autos ablegen. Zalando und Hello Fresh sind nur zwei von zahlreichen Kooperationspartnern. Außerdem nutzen etablierte Paketdienste wie Hermes oder UPS die schlauen Lieferlösungen des Berliner Start-ups.

liefery.com

 

High-Level-Logistik für kleine Händler

Über Byrd können Onlineshops jeder Größenordnung ihre komplette Logistik mit wenigen Klicks einfach auslagern. Von der Lagerhaltung über die Inventar­information in Echtzeit bis hin zu Verpackung, Versand und Retourenmanagement übernimmt Byrd alles, was nicht direkt mit dem Verkauf zu tun hat. Dabei ist die Integration aller gängigen Shopsysteme möglich. Die Logistik wird über ein stetig wachsendes Fullfillment-Netzwerk gelöst, wobei ein Algorithmus den jeweils passenden Versandpartner bestimmt.

getbyrd.com

 

Transparenter Transport weltweit

FreightHub ist die erste volldigitale Frachtspedition Europas. Der Kunde kann bei der Buchung zwischen rund 150 unterschiedlichen Möglichkeiten die beste Option für sich auswählen. Dazu gehören Basisdaten, wie Transportdauer, Datum sowie Ankunfts- und Abfahrtshafen, aber auch spezielle Features, wie der Wunsch nach einem möglichst nachhaltigen Transport, können Berücksichtigung finden. Basierend auf dem bestehenden Datenpool, berechnet das Unternehmen die Frachtkosten in wenigen Sekunden und erstellt ein Angebot. Zusätzlich übernimmt FreightHub die Abwicklung von Zollbescheinigungen und Versicherungspapieren. Nach abgeschlossener Buchung können Kunden ihre Fracht in Echtzeit verfolgen. Aktuell nutzen rund 1 500 Kunden – darunter Home24, Miele und Viessmann – die Dienste von FreightHub.

freighthub.com

Weitere Anbieter, die mittels digitaler Lösungen für schnelle Lieferzeiten sorgen:

Fahrradkuriere:

Rytle.de

Chike.de

Hoardspot.com/de

Tiramizoo.com

Digitale Speditionen:

Carrypicker.com

Cargonexx.de

Parcellab.com

Pamyra.de

Synfioo.com/de

Sennder.com

Packator.de

Shipcloud.io

Loadfox.eu/de

Mehr zum Thema

Ein Interview mit Christopher Meinecke, Leiter Digitale Transformation beim Digitalverband Bitkom, über neue Lösungen, den wachsenden Einfluss der Datenanalyse und die Notwendigkeit, digitale Experimente zu wagen, finden Sie hier.

Schlagworte: Logistik, Effizienz, Start-up, Serie

Kommentare

  • Markus Meyer

    Leider wird es schwierig in Deutschland Drohnenlieferungen umzusetzen. Da Gefährdungen und Behinderungen beim Flug mit Drohnen nie zu 100% ausgeschlossen werden können, schränken Verordnungen die Nutzung von Drohnen stark ein.
    Antworten
    16.10.2019, 12:42 Uhr
  • Dirk Meißner

    Wahnsinn, wie viele digitale Speditionen es inzwischen gibt. Leider bilden die meisten nur den Transport von Komplettladungen ab. Als Mittelständler mit weniger Warenaufkommen bin daher bei Carrypicker gelandet, die auch nur Teilladungen annehmen. Bleibt abzuwarten, welche sich durchsetzt und ob nicht am Ende doch ein Player aus Übersee sich hier noch breitmacht.
    Antworten
    16.10.2019, 14:10 Uhr
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