Vom Pferdewagen zum Scooter

Die Lieferbeziehungen zwischen Händlern und ihren Kunden unterlagen über die Jahrhunderte zahlreichen Wandlungen. Heute ist Onlineshopping der Trend der Stunde, doch die Lieferung der bestellten Waren sorgt gerade auf der Letzten Meile für Probleme. Ein Blick in die Vergangenheit.

Von Marvin Brendel 04.03.2019

© DDR-Bildarchiv/Gebser

Mit dem Wachstum der Städte spezialisierte sich der Handel. So versorgte Bolle die Bewohner Berlins mit Milch von den Bauern im Umland.

Historisch betrachtet, ist die direkte Belieferung der Kunden eine ureigene Domäne der Händler. Ein Beispiel hierfür sind die schon seit dem Mittelalter bekannten Hausierer. Von Dorf zu Dorf und von Haus zu Haus ziehend, bieten sie ihre Waren an der Haustür zum Kauf an.
Mit dem Wachstum der Städte spezialisiert sich der Handel. Nun versorgen zum Beispiel Milchhändler die Stadtbewohner mit Milch von den Bauern im Umland. Einer von ihnen ist Carl Bolle. Seine Milchfuhrwerke prägen in der Kaiserzeit das Berliner Stadtbild. Begleitet werden sie von Mädchen und Jungen, die mit Milchkannen in die Hinterhöfe gehen und per Handglocke den Milchverkauf ankündigen. Auf die womöglich etwas fragwürdigen Rechenkünste der Mädchen soll der Legende nach der spöttische Begriff „Milch­mädchenrechnung“ zurückgehen.
In der Folge gestalten sich die Lieferbeziehungen zwischen Kunden und Händlern neu: An die Stelle des direkten Kontaktes tritt im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend der Versandhandel unter Einbeziehung von Transportdienstleistern. Mit dem Aufschwung des Onlinehandels ab Mitte der 1990er-Jahre nimmt diese Entwicklung nochmals eine neue Wendung. Dabei stellt die rasant steigende Beförderungsmenge die Zustelldienste insbesondere auf der kostenträchtigen Letzten Meile vor zahlreiche Herausforderungen. Ob verstopfte Straßen, fehlende Logistikflächen, strenge Umwelt-
auflagen oder gar Fahrverbote in den Innenstädten – zur Lösung dieser Probleme gibt es verschiedene Ansätze, die ebenfalls auf historischen Vorbildern basieren:

Elektro-Lkw der Reichspost
Ein Beispiel hierfür ist der Einsatz von umweltfreundlichen Elektrofahrzeugen im innerstädtischen Zustellbetrieb. Hier sorgt vor allem die Deutsche Post mit ihrem Elektrokleintransporter Streetscooter für Furore. Und das hat durchaus Tradition: Schon Ende des 19. Jahrhunderts experimentiert die Reichspost mit Elektrofahrzeugen. Mit der Umstellung der Paketbeförderung vom Pferdegespann auf den Lastwagen in den 1920er-Jahren kommen sie vermehrt zum Einsatz. 1938 verfügt die Reichspost über 2 600 Elektro-Lkw. 

Renaissance der Lastenräder
Um die Zahl von Lieferfahrzeugen in den Großstädten zu verringern, erproben verschiedene Unternehmen den Einsatz von Lastenrädern. Entsprechende Kuriere übernehmen die finale Zustellung der Warensendungen von einem Stadtteillager an die Kunden. Kleine Ironie der Geschichte: Noch bis in die Wirtschaftswunderzeit sind Lastenräder ein normaler Anblick in deutschen Innenstädten. Ob Bäcker, Fleischer, Obst- und Gemüsehändler oder auch viele Handwerksbetriebe – sie alle nutzen die robusten Räder für die Auslieferung ihrer Waren. Erst später werden sie vom Auto verdrängt.

Comeback der Güterstraßenbahn
Auch Straßenbahnen können zur Reduzierung des Lieferverkehrs auf den Straßen beitragen. Über ihr Schienennetz sollen Warensendungen vom Stadtrand zu kleinen Depots in den Innenstädten gelangen. Von dort erfolgt die Zustellung zu Fuß oder per Lastenrad an die Empfänger. Die Idee wird zum Beispiel in Berlin diskutiert – wobei man auch hier auf den Spuren der Vergangenheit wandelt: Bereits während des Ersten Weltkrieges, als viele Pferde und Fuhrwerke vom Militär beschlagnahmt sind, nimmt in der Hauptstadt eine Poststraßenbahn den Betrieb auf. Auch in anderen deutschen Städten wie Dresden, Hannover, Stuttgart oder Wuppertal transportieren Straßenbahnen noch bis in die 1960er-Jahre Kohlen, Holz oder Lebensmittel.

Packstationen in der DDR
Ein weiteres Mittel zur Optimierung der Letzten Meile sind Paketabholsysteme. Als Vorreiter gilt die Deutsche-Post-Tochter DHL mit ihren seit 2001 betriebenen „Packstationen“. 2004 wird das System bei den World Mail Awards als „weltweit innovativstes Postprodukt“ ausgezeichnet. Doch so innovativ ist die Idee nicht. Schon in der DDR nutzt die Post zentral aufgestellte „Paketzustellanlagen“, bestehend aus über- und nebeneinander angeordneten Paketfächern. Die Zusteller verschließen die Paketfächer und werfen die mit einem Umschlag versehenen Schlüssel samt Standortangabe des Faches in die Briefkästen der Paketempfänger. Mit der deutschen Wiedervereinigung verschwinden die Paketboxen, vom „Spiegel“ damals übrigens als „blecherne Zustelldeponie“ und „unfreundlicher Brauch“ geschmäht. Doch manchmal ist es eben wie in der Mode: Wartet man lange genug, kommt alles wieder.

Schlagworte: Handelslogistik, letzte Meile, 100 Jahre HDE

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