Logistikunternehmen UPS

„Erstaunlich, dass wir nicht hysterisch werden“

Das größte Logistikunternehmen der Welt unterhält seine europäische Drehscheibe seit 1986 am Flughafen Köln/Bonn. Frank Sportolari, Deutschland-Chef des Konzerns, über Handelsbarrieren, freien Wettbewerb und die nachhaltige Zustellung in der Innenstadt.

Von Ralf Kalscheur 25.09.2019

© Carsten Behler

Frank Sportolari, Deutschland-Chef von UPS und Präsident der amerikanischen Handelskammer in Berlin, kämpft in Zeiten handelspolitischer Turbulenzen zwischen den Fronten.

Bevor es zum 15 Fußballfelder großen Air Hub von UPS geht, müssen die angemeldeten Besucher einchecken. Ausweiskontrolle, Abstrichtest auf explosive Materialien, Röntgen: Frank Sportolari muss dasselbe Prozedere durchlaufen und erinnert sich im Shuttlebus zum Betriebsgelände an entspanntere Zeiten. „Früher konnten wir unkontrolliert bis vor die Tür fahren – das hat sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 grundlegend geändert.“ Mit amerikanisch-freund­licher Verbindlichkeit erzählt der gebürtige Chicagoer, wie er durch Zufall Anfang der 80er-Jahre nach München kam, dort „hängen blieb“ und seine Karriere bei UPS startete. Er zwickt sich in die Hand, die Pranke eines 2-Meter-Manns. Dass er es in Deutschland so weit gebracht hat, könne er zuweilen immer noch kaum glauben.

Herr Sportolari, Sie sind seit rund einem Jahr Präsident der American Chamber of Commerce in Deutschland. Wie ist die Stimmung angesichts der von Präsident Trump angefachten Handelskonflikte?

Unsere Mitglieder sind wegen der aktuellen Unwägbarkeiten im Welthandel sehr besorgt. Wir reisen regelmäßig mit einer Delegation, der auch deutsche Mittelständler angehören, nach Washington, um unsere Standpunkte zu erläutern. Verhandlungen sind oft abstrakt. Es macht darum einen Unterschied, wenn Unternehmer aus der Praxis berichten, auf welche Weise Zollkonflikte weltweite, komplexe Lieferketten gefährden. Die Investitionsbereitschaft geht aufgrund der großen Verunsicherung spürbar zurück. Wir als Handelskammer sind jedoch sehr einverstanden mit den handelspolitischen Zielen Trumps, auch wenn man bei der Bewertung seiner Methoden geteilter Auffassung sein kann. Unbestritten ist: Die Märkte sind in Turbulenzen geraten, Chinas Wachstum bricht ein – aber nun müssen wir einen Weg finden, Vertrauen aufzubauen und faire Wettbewerbsbedingungen herzustellen. Denn die USA wurden im Zuge der Globalisierung über den Tisch gezogen.

Auch von der EU wähnen sich die USA übervorteilt …

Trump ist der Meinung, dass die größte Volkswirtschaft der Welt in der Lage sein sollte, bessere Deals auszuhandeln. Das mag krass klingen, doch was ist die EU, wenn nicht der Versuch, eine geballte Wirtschaftsmacht abzubilden? Mehr als 30 Prozent des globalen Handels findet zwischen den beiden Polen USA und Europa statt, dennoch gibt es keinen tarifären Rahmen zur Regelung der Handelsbeziehungen, außer den Regeln und Zollverpflichtungen der Welthandelsorganisation WTO. Wir sind dafür, wieder Gespräche aufzunehmen und an die Verhandlungen zur transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft TTIP anzuknüpfen. Nicht alles kam damals gut an, aber es gab viele Teilbereiche, in denen sich die Parteien bereits geeinigt hatten.

Vollautomatische Sortieranlagen mit einer Gesamtbandlänge von 38 Kilometern vom Entlade- bis zum Beladepunkt leiten einen Fluss von bis zu 190.000 Paketen pro Stunde durch den Hub. 9.600 Motoren treiben Temperaturen und Lärmpegel in den Hallen hoch. Im stillen Konferenzraum erläutert Sportolari, dass er die Drohung Trumps, aus dem Weltpostverein auszutreten, durchaus unterstützt hat. Der Verein regelt die Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Postverkehrs und stuft China immer noch als Postentwicklungsland mit vergleichsweise günstigen Konditionen ein. Es sei in vielen Fällen billiger, Pakete von China nach Deutschland oder in die USA zu verschicken, als innerhalb Deutschlands oder der USA. Ein Wettbewerbsnachteil auch für den Handel, gegen den Europa, eingeengt im Konsenskorsett, nicht so „erfrischend“ umstandslos und wirkungsvoll Position zu beziehen in der Lage gewesen wäre wie die USA. Persönlich getroffen habe er Trump noch nicht, jedoch dessen Tochter Ivanka. „Eine nette junge Dame.“

Welche Folgen befürchten Sie von einem No-Deal-­Brexit für UPS und die KEP-Branche?

Es ist erstaunlich, dass wir nicht alle hysterisch werden. Denn wenn es zu einem ungeregelten Brexit kommt, gibt es Europa, so wie wir es kennen, am 1. November nicht mehr. Der Flugverkehr wird gestört, die Verzollung der Warenströme fällt zurück auf teils sehr ungünstige WTO-Konditionen. Es wird zu ganz gravierenden Einschränkungen im grenzüberschreitenden Handel mit Großbritannien kommen. Wir versuchen, uns bestmöglich darauf vorzubereiten, und haben zusätzliche Zollagenten rekrutiert. Ich hoffe aber immer noch, dass es nicht zu einem No-Deal-Brexit kommen wird, doch Europa stellt sich in den Verhandlungen stur. Ich weiß nicht, ob das richtig ist.

Die Deutsche Post, zu der Ihr Konkurrent DHL gehört, hat kürzlich das Briefporto um zehn Cent erhöht. Was sagen Sie dazu?

Der Bund sollte seine Anteile in Höhe von rund 20 Prozent an der Post verkaufen. Diese Beteiligung ist nicht mehr zeitgemäß. Es kann nicht angehen, dass ein Konkurrent, der global aufgestellt ist, auf seinem Heimatmarkt das Post- und Paketgeschäft zu seinem Vorteil auf intransparente Weise miteinander vermischt. Die Post geht einfach zur Regierung und verlangt eine größere Briefporto-Erhöhung als die von der Regulierungsbehörde ursprünglich in Höhe von vier Cent genehmigte. Dann wird die Entgeltregulierungsverordnung geändert und der Wettbewerber, so vermuten wir, subventioniert über die Mehreinnahmen bei den Briefporti das Paketgeschäft.

Anzeige

9 Regeln für Ihren Erfolg im digitalen Handelsmarketing

Sie wollen digitales Marketing wirkungsvoll zur Kundenakquise und Frequenzsteigerung in Ihren Stores einsetzen? Erfahren Sie jetzt, wie Sie Ihr lokales Unternehmen bekannter machen und die Online-Sichtbarkeit Ihrer Stores verbessern. Sichern Sie sich jetzt Ihr kostenloses e-Book!

„Es kann nicht angehen, dass die Deutsche Post einfach zur Regierung geht und eine größere Briefporto-Erhöhung verlangt, um über die Mehreinnahmen ihr Paketgeschäft zu subventionieren.“ – Frank Sportolari

Die Person

Frank Sportolari (63), geboren in Chicago, studierte Wirtschaftswissenschaften an der University of Illinois. Durch Besuche im Heimatland seines italienischstämmigen Vaters lernte er Europa kennen. Seine Karriere bei UPS begann Sportolari 1986 in München als Controller. Nach verschiedenen Führungspositionen in Italien, Belgien und Spanien übernahm der Italo-Amerikaner 2011 die Position des President UPS Germany; seit 2018 zählt auch UPS Österreich zu seinem Aufgabenbereich. Der Präsident der American Chamber of Commerce (seit 2018) ist Vater von sechs Kindern und lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.

Mehr als 3.000 Mitarbeiter fertigen im Hauptsortierzeitfenster von 23 bis 2.30 Uhr 42 ankommende und abgehende Flugverbindungen ab. Rund hundert kleine Traktoren bewegen die Air-Container zwischen Flugzeugen, Lkw und den Be- und Entladepunkten, an denen schweißtreibende Handarbeit gefordert ist. Kleinpakete werden je nach Destination zunächst in Säcke sortiert und später mit größeren Paketen zusammengeführt. Mit dem Wachstum des Onlinehandels wird das Paketaufkommen immer kleinteiliger.

Ihr Kerngeschäft in Deutschland betrifft den B2B-­Bereich. Welche Ziele verfolgen Sie hierzulande im schnell wachsenden Endkundengeschäft?

Der Markt ist fifty-fifty zwischen DHL und seinen Wettbewerbern auf der anderen Seite aufgeteilt. Wir schauen weniger auf das Massengeschäft, sondern konzentrieren uns eher auf höherwertige Sendungen und heben uns durch Zuverlässigkeit und zusätzliche Services, etwa bei Handling und Verpackung, ab. UPS Deutschland gewinnt Marktanteile, und da, wo wir stark sein wollen, etwa im internationalen Expressversand und im B2B-Bereich, sind wir es. Immer mehr Geschäftskunden bestellen mittlerweile online.

Der KEP-Markt wächst beständig, 2018 nahm das Sendungsaufkommen in Deutschland gegenüber dem Vorjahr erneut um fast fünf Prozent zu. Was ­unternehmen Sie, um den Verkehrsinfarkt in den Innenstädten zu vermeiden?

Der Anteil der Lieferfahrzeuge am gesamten Verkehrsaufkommen ist verschwindend gering. Aber man bemerkt sie mehr, insbesondere die auffälligen UPS-Fahrzeuge. In 30 Städten betreiben wir schon Mikrodepots, von denen aus unsere Mitarbeiter Kunden per E-Lastenfahrrad oder zu Fuß beliefern. Doch wir brauchen Partner in den Kommunen, die uns Platz für Container einräumen. In München zum Beispiel klappt das gut, anderswo weniger. In Berlin teilen wir uns mit den anderen großen Paketdienstleistern einen Standort für Mikrodepots. Wir wollen aber nicht, dass eine konsolidierte Zustellung für ein Stadtgebiet zur Pflicht wird. Routenoptimierung, gesonderte Ladezonen für den gewerblichen Lieferverkehr oder anbieterneutrale Paketstationen sind bessere Alternativen zur weiteren Verkehrsentlastung. Wir möchten den Einzelhandel bestmöglich beliefern, damit wir zusammen die Lebendigkeit der Innenstädte bewahren können.

Wie verändern Sie die Fahrzeugflotte?

Wir betrachten unsere Flotten als „rollende Labore“, weil wir verschiedene alternative Antriebe ausprobieren. In Deutschland sind bereits 90 vollelektrische Fahrzeuge im innerstädtischen Einsatz. Die 7,5-Tonner sind bis unters Dach vollgepackt und werden von zwei Mitarbeitern parallel zur Zustellung genutzt. Das reduziert die Zahl der Stopps erheblich. Mit Diesel-Hybrid-Antrieben gleichen wir die Reichweitenbegrenzung von E-Transportern aus und fahren in der City elektrisch.

DHL hat den defizitären Lieferdeal mit Amazon Fresh beendet, gleichzeitig baut Amazon seine eigene Zustelllogistik aus. Wächst da ein Wettbewerber heran?

Es ist nicht leicht, mit der Lieferung frischer Lebensmittel Geld zu verdienen. Mit einem Filialnetzwerk kann man direkt aus den Geschäften heraus schnell Bestellungen bedienen. Amazon versucht, mit Whole Foods in den USA eine gewisse Kapillarität zu erreichen. Das ist eine spannende Entwicklung, die uns auch in Europa zunehmend beschäftigen wird. Aber es ist eine Sache, ein Zustellnetz auf der letzten Meile zu organisieren. Ein globales Logistiknetzwerk aufzubauen, stellt eine ganz andere Herausforderung dar.

Das Unternehmen 

United Parcel Service (UPS) ist einem „Forbes“-Ranking zufolge aktuell das größte Logistikunternehmen der Welt; der Börsenwert wird auf rund 99,7 Milliarden Dollar beziffert. Der Gesamtumsatz wuchs 2018 aufgrund des gestiegenen Sendungsaufkommens gegenüber dem Vorjahr um 7,9 Prozent auf 71,9 Milliarden US-Dollar. Auf den Plätzen folgen Deutsche Post DHL (70,4 Milliarden US-Dollar) und Fedex (69,7 Milliarden US-Dollar). Für das laufende Jahr erwartet UPS ein zweistelliges Wachstum. Deutschland ist nach den USA der wichtigste Markt für den Paketdienst. Zu Umsatz und Paketaufkommen in Deutschland macht UPS keine Angaben. 1907 gegründet, bedient das Unternehmen seit 1976 deutsche Unternehmen und beschäftigt weltweit rund 480.000 Angestellte.

Schlagworte: Logistik, UPS, Interview

Kommentare

Ihr Kommentar