Logistik

Wie digitale Zwillinge für Ordnung sorgen

Ohne einen präzise digitalisierten Waren­bestand kann heute kein Händler mehr bestehen. Doch entsprechende Logistiklösungen sind nicht nur die Basis für effektiv organisierte Onlineshops, sondern zugleich Launchpad für Optimierungen am PoS.

Von Pascal Fynn 02.12.2019

© Getty Images/Donald Iain Smith

Digitalisierung und Automatisierung helfen der Lagerwirtschaft, die Leistung zu erhöhen

Etwas gespenstisch wirkt es, wie sich die Regale im Amazon-Logistikzentrum in Winsen selbstständig durch die gigantische Halle bewegen. Über einen Barcode am Boden der Regaltürme erkennen automatisierte Transportroboter, welche Waren in den Fächern gestapelt liegen, und bringen diese zur weiteren Sortierung zu einem Mitarbeiter. An den 13 Standorten von Amazon in Deutschland arbeiten aktuell rund 13 000 Menschen. Angst vor Arbeitsplatzabbau muss derzeit keiner von ihnen haben. Denn trotz aller Automatisierung wird auch das Warenlager der Zukunft in absehbarer Zeit nicht ohne menschliches Zutun funktionieren.

„Eine der größten Herausforderungen stellt die Handhabung der Produkte, also die Greiftechnik dar“, sagt Richard Bormann, Experte beim Fraunhofer-Institut für den Einsatz von Servicerobotern. „Klar abgegrenzte, standardisierte Formen, wie rechteckige Kisten, können Roboter gut handhaben. Schwierig wird es bei flexiblen Produkten wie Textilien.“ Bislang gebe es keinen ähnlich leistungsfähigen Greifer wie die menschliche Hand. „Die komplexen unbewussten Aktionen, die Menschen beim Greifen automatisch vollziehen, muss man Robotern erst beibringen“, erklärt der Leiter der Gruppe „Handhabung und Intralogistik“.

Unter anderem daran arbeitet das Münchner Start-up Magazino. Zwar kann auch „Toru“ bislang nur Schuhkartons greifen, liefern und einsortieren, das aber so perfekt und stückgenau, dass Zalando zwei der intelligenten Kommissionier-Roboter seit September 2019 im Rahmen eines Pilotprojekts im Kundengeschäft einsetzt. Ziel ist es, den Mitarbeitern monotone oder aus ergonomischen Gründen problematische Tätigkeiten abzunehmen, wie etwa Produkte aus sehr niedrigen oder extrem hohen Regalebenen zu holen. „Zudem helfen Digitalisierung und Automatisierung der Lagerwirtschaft, die Leistung zu erhöhen, Fehler zu vermeiden und Produkte schneller zum Kunden zu bringen“, so Bormann.

Neben Kommissionier-Robotern nennt er als weitere erfolgreiche Beispiele für digitale Lösungen in der Lagerlogistik intelligente Pickstationen und Pickwagen: Zwar sortiert und verpackt hier die Waren noch der Mensch, doch die Produkte werden via Barcode-Scanner, RFID-Tags oder mittels einer Kamera erkannt und direkt im digitalen System verbucht. Zugleich ist sichergestellt, dass in der Versandkiste die richtigen Produkte landen. Nach Ansicht von Bormann hat die Digitalisierung für die Lagerhaltung ausschließlich Vorteile: „Niemand muss mehr mit Papierstapeln herumlaufen. Und um Inventur zu machen, muss das Geschäft nicht mehr für mehrere Tage geschlossen werden.“ Die digitalen Helfer aktualisieren den Bestand stets in Echtzeit.

Inventur per Drohne

Ist das, wie beispielsweise in Bekleidungsgeschäften, nicht unmittelbar umsetzbar, weil Kunden Kleidungsstücke an verkehrte Stellen zurückhängen, kommen die Roboter von MetraLabs zum Einsatz. „Tory“ fährt durch die Gänge, scannt RFID-Tags, erkennt Regallücken und sendet sogar Bildmaterial an die Inventursoftware. Ein Abgleich mit dem Warenwirtschaftssystem zeigt sofort, ob etwa bestimmte Größen fehlen und nachbestellt werden müssen. 40 Adler-Modemärkte nutzen „Tory“ bereits, ebenso der Elektrofachhändler Conrad.

Das Start-up Doks.innovation hingegen automatisiert die Bestandserfassung mithilfe von Drohnen. Diese sind mit Sensoren ausgestattet, um im Flug Daten zum Warenbestand zu sammeln und in Echtzeit zu übertragen. Dabei achtet Doks.innovation auf die Kompatibilität der Technologie mit allen gängigen Schnittstellen. „Wir versuchen den minimalen Nenner zu finden, sodass bestehende Prozesse nicht geändert werden müssen und wir diese mithilfe unserer Lösungen vom ersten Tag an verbessern können“, sagt der Gründer von Doks.innovation Martin Lang. Da die Betriebskosten gering seien, lohne sich bei manuellen Prozessen, die regelmäßig durchgeführt werden, der Einsatz schon bei kleinen Betriebsgrößen.

Grundlage für die erfolgreiche Anwendung jeder automatisierten Bestandserfassung ist jedoch ein voll digitalisiertes Lager, also ein sogenannter digitaler Zwilling. Meist wird dazu ein Barcode eingesetzt, der zumindest die Artikelnummer enthält. Einige Anbieter arbeiten jedoch an komplexeren Erkennungs- und Erfassungsprozessen. Das Berliner Start-up Nyris setzt etwa auf eine KI-getriebene Bilderkennung. Diese können Händler zudem in ihrem Onlineshop einsetzen, um die Produktsuche zu erleichtern: Statt eine Textanfrage einzutippen, kann der Kunde einfach das von ihm gewünschte Produkt fotografieren und sich zum entsprechenden Webshop weiterleiten lassen.

Produktsuche auf Fotobasis

Ist das Lager einmal digitalisiert, eröffnen sich mannigfaltige Möglichkeiten. So unterstützen innerhalb des Lagers selbst Augmented-Reality-Navigationssysteme die Mitarbeiter auf ihrem Weg durch die Hallen und beim Auffinden der Produkte. Und am PoS zeigen Datenbrillen oder Tablets mit einem Scan des Regals an, welche Frühstücksflocken frei von Inhaltsstoffen sind, auf die der gerade davorstehende Kunde allergisch reagiert.

„Die große Herausforderung besteht darin, die Erkennungsalgorithmen schnell auf die große Menge an Produkten zu trainieren“, erklärt Bormann. Damit zumindest die Daten für die Digitalisierung von Artikeln schnell zur Verfügung stehen, arbeitet sein Institut mit Kaptura zusammen. Das Start-up-Unternehmen hat eine Scanstation entwickelt, die Produkte und ihre Stammdaten minutenschnell digitalisiert. Einmal erfasst, kann das System Artikel ohne zusätzlich aufgedruckte Informationen wie Artikelnummer, Barcode oder QR-Code wiedererkennen.

Als problematisch erweisen sich bislang noch Verpackungen, die monoton gestaltet oder teils transparent sind, Kosmetik etwa oder medizinische Produkte mit wenig werbeträchtigen Aufdrucken. „Barcodes korrekt einzulesen, ist wesentlich einfacher, aber diese sind eben nicht immer offen zu sehen“, erklärt der Serviceroboter-Experte. Insgesamt seien die aktuellen Lösungen schon recht gut, doch arbeiteten sie selten vollkommen fehlerfrei. Sowohl beim Einsatz der RFID-Technologie als auch beim visuellen Scannen seien bei einer Inventur zwei bis drei Durchgänge nötig, bis alles korrekt digitalisiert ist.

Bestandsaufnahme

Laser, Drohnen und Künstliche Intelligenz — das Warenlager wird zunehmend zum Hightech-Standort. Drei innovative Lösungen mit hohem Zukunftspotenzial:

Dreidimensionaler Laserscan

Ein digitales Lagersystem ist die Grundlage eines jeden Webshops. Dort präsentiert der Händler seine Waren und hat gleichzeitig Zugriff auf die Stammdaten der Produkte, auf Basis derer er die notwendige Lagerfläche und die Versandkosten berechnet. Allerdings ist die Erstellung eines solchen digitalen Lagers mit hohem Aufwand verbunden. Das Start-up Kaptura will das ändern. Mittels 3-D-Laserscan wird der Artikel von allen Seiten fotografiert. Sowohl die 360-Grad-Ansicht als auch die relevanten Maße (Länge, Breite, Höhe, Volumen und Gewicht des Artikels) werden minutenschnell ermittelt. Einmal erfasst, können Waren ohne zusätzlich aufgedruckte Informationen wie Artikelnummer, Barcode oder QR-Code wiedererkannt werden. Das hochaufgelöste Fotomaterial lässt sich zudem für sämtliche Vertriebskanäle nutzen.

kaptura.de

Fliegende Datensammler

Wo steht was, wie viele Einheiten sind vorrätig – und sind die Waren auch ordentlich verpackt? Um solche Fragen beantworten zu können, entwickelt das Start-up Doks.innovation mit Sitz in Kassel Sensoren für Drohnen sowie die passende Software, um den gesamten Inventurprozess zu automatisieren. Lagerbestände in den obersten Hochregalen werden einfach im Flug erfasst. Spannend ist die nahtlose Übertragung der Standort- und Objektdaten, um Warenbestand, Lagerprozesse oder mögliche Schäden an den Produkten in Echtzeit auszuwerten. Die Software bietet eine direkte Schnittstelle zu ERP-Systemen und WMS und unterstützt alle gängigen Formate. Auch die Lieferung per Drohne ist auf kleinen Strecken bereits möglich. Doks.innovation arbeitet bereits mit den Logistikunternehmen Group7 und Ceva Logistics zusammen. Pilotprojekte laufen mit BMW, Thyssenkrupp, Rigterink, Mars, Rhenus, Daimler, Volkswagen und Seifert Logistics.

doks-innovation.com

Schlauer Handschuh

Proglove ist ein drahtloser Handschuh mit integriertem Barcode-Scanner und intelligenter Bewegungs­erkennung. Was so simpel klingt, spart Unternehmen bei der Lagerhaltung pro Scan vier Sekunden – und damit eine Menge Geld. Mission des Münchner Start-ups ist es, Mitarbeitern über tragbare Hightech-Geräte einen direkten Zugang zu den Automatisierungsprozessen der Industrie 4.0 zu eröffnen. Neben Audi, BMW, Bosch, Daimler, DHL und Lufthansa Technik hat Proglove bereits über 500 Kunden überzeugt und im September Kapital in Höhe von 40 Millionen US-Dollar erhalten.

proglove.com

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Ob im Lager der Zukunft noch Menschen arbeiten, was Vakuumgreifsysteme leisten können und wie sich ein chaotisches Lager ­organisieren lässt, verrät Richard Bormann, Leiter der Gruppe „Hand­habung und Intralogistik“ am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA, hier auf handelsjournal.de.

Schlagworte: Logistik, Point of Sale, PoS, Digitalisierung

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