Logistik

Rollender Bote

Die Düsseldorfer Xenia und Torsten Scholl revolutionieren die Logistik: Ihr Roboter Aito liefert selbstständig Einkäufe aus. Mit an Bord: die ­Einzelhandelsketten Rewe und Albert Heijn.

Von Nele Husmann 13.04.2020

Partnerschaft mit Weltunternehmen: Um das Unternehmen in seiner weiteren Entwicklung zu unterstützen, hat Coca-Cola European Partners Ventures (CCEP) 2019 15 Prozent der Anteile von Teleretail sowie einen Sitz im Board übernommen.

Selbstbewusst, aber langsam fährt das Aito – nein, das i ist kein Tippfehler – auf dem Gehweg zwischen Bürohäusern in Düsseldorf-Heerdt entlang. Als sich ihm eine Frau mit einem Kind auf dem Gepäckträger auf einem Fahrrad nähert, hält der Roboter zunächst an und ändert dann leicht seinen Kurs. Das Kind auf dem Rücksitz lacht und ruft: „Guck mal, Mama, das fährt ja von ganz alleine.“ Zwei Hunde, die mit ihrem Herrchen das innehaltende ­Aito passieren sollen, reagieren grimmiger: Sie gehen in Habachtstellung, knurren und wollen partout nicht an diesem Gefährt vorbeigehen.

Das koffergroße Aito könnte uns bald öfter in den Innenstädten begegnen. Das Start-up Teleretail entwickelte den Lieferroboter, der sich dank Künstlicher ­Intelligenz allein zurechtfindet. Der Weltkonzern Coca-Cola beteiligte sich an der Firma, es laufen verschiedene Testverfahren mit den Einzelhändlern Rewe und Albert Heijn. Elektrisch, leise und vor allem vollautomatisch liefert Aito Einkäufe und Pakete aus. Es könnte zum Beispiel Online-Orders von einem Supermarkt zum Kunden bringen oder Ersatzteile vom Baumarkt zur Baustelle fahren. In die aktuelle Version passen etwa zwei Getränkekästen.

Erste Testlizenz vor Google-Tochter erhalten

Entworfen hat Aito das Ehepaar Xenia und Torsten Scholl. Für ihren autonomen Lieferroboter wählten sie einen vollkommen anderen Ansatz als die großen IT-Konzerne Google, Tesla und Uber, die im Silicon Valley selbstfahrende Technologie vom klassischen Pkw ausgehend entwickeln. Mit Teleretail konzentrieren sich die Scholls seit 2012 auf eine Autopilotsoftware, die in verschiedensten Gefährten einsetzbar ist. Diese können je nach Aufgabe gestaltet und auf Betriebsgeländen, in ländlichen Gebieten oder in Innenstädten eingesetzt werden. „Logistik ist die größte Herausforderung in Smart-City-Konzepten“, sagt Xenia Scholl, „man muss sie automatisieren.“ Die 34-jährige Mathematikerin ist zuständig für die technische Entwicklung von Aito – so heißen sowohl Software wie auch Testfahrzeug.

Nach Schätzungen von Torsten Scholl, 52, dem Visionär des zwölfköpfigen Teams, dauert es noch fünf bis zehn Jahre, bis selbstfahrende Autos im Straßenverkehr zugelassen werden: „Noch sind nicht einmal die Sensoren zertifiziert“, sagt er. „Es ergibt total Sinn, beim autonomen Fahren nicht sofort mit dem heiklen Personentransport anzufangen, sondern im ersten Schritt Lieferservices zu automatisieren.“

Mit dieser Meinung stehen die Scholls nicht allein. Amazon testete seit 2013 mehr als zwei Dutzend Designs für eine automatisierte Lieferdrohne – und verwarf sie wieder. Google bietet seit Kurzem einen Drohnenlieferdienst an – allerdings im dünn besiedelten Australien. Denn Drohnen sind für den Transport von Paketen alles andere als praktisch. Und dazu sehr laut. Für Lasten von fünf Kilo Gewicht müssten sie mit drei Metern Durchmesser so groß sein wie kleine Hubschrauber. Dass sie eines Tages in Ballungsgebieten über die Köpfe der Bewohner hinwegfliegen dürfen, ist schwer vorstellbar. Inzwischen entwickelt auch Amazon einen   fahrenden Lieferroboter. Seit einem halben Jahr testet das Unternehmen ein selbstfahrendes, sechsrädriges Lieferfahrzeug namens Scout in der kalifornischen Stadt Irvine. Starship, ein Konkurrent in Großbritannien, probiert seit vergangenem Sommer einen ebenfalls sechsrädrigen Lieferroboter auf den Bürgersteigen im Londoner Stadtteil Greenwich aus.

Die Scholls waren 2015 die diejenigen, die ausgerechnet im kalifornischen Mountain View, am Firmensitz von Google, die erste Lizenz für den Test eines selbstfahrenden Gefährts auf öffentlichen Straßen erhielten – vor Google-Tochter Waymo. Damals waren unebene Bordsteinkanten ein Problem für ihr Probegefährt. Seitdem haben sie zahlreiche Modifikationen vorgenommen.

„Logistik ist die größte Herausforderung in Smart-­City-Konzepten.“

Xenia Scholl, ­Entwicklerin von Aito

Auf das Bauchgefühl vertraut

Torsten Scholl ist ein Serienunternehmensgründer – und gewohnt, vorn dabei zu sein. „Ich denke mir gern die Zukunft aus“, sagt Scholl. Über seine Idee des automatischen Lieferdiensts schüttelten anfangs alle den Kopf – das war noch vor Amazons Idee zur Lieferdrohne. „Wenn das eine gute Idee wäre, gäbe es das doch schon“, sagten ihm viele Freunde. Aber Scholl glaubte an seine Idee: „Ich hatte ein starkes Bauchgefühl.“

Aito ist nicht Scholls erste Idee, die aufging. Ende der 1990er-Jahre kaufte der gebürtige Heidelberger, der damals noch aus seinem Kinderzimmer heraus operierte, als einer der Ersten eine Festnetzlizenz von der Deutschen Telekom. Wer die Vorwahl 01085 wählte, leitete seine Anrufe über Scholls Unternehmen WestCom. Binnen fünf Jahren wurde WestCom aufgekauft und Teil des an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq notierten Unternehmens Global TeleSystems.

Xenia traf Scholl 2006, als sie zum Masterstudium vom russischen Rostow am Schwarzen Meer nach Bochum übersiedelte. Sie entwickelten gemeinsam das Solar-Start-up Omniwatt, das sie später an den französischen Energieversorger GDF Suez verkauften. Schließlich gründete das Paar Teleretail. Seit 2017 sind die beiden verheiratet.

Über weite Strecken finanzierten die Scholls die Entwicklung größtenteils selbst, dazu kamen Preisgelder von Start-up-Wettbewerben und ein Stipendium der Raumfahrtbehörde ESA. Aus Sparsamkeit entschied sich das Gründerduo für den Standort Düsseldorf – und gegen das Silicon Valley. „Unser Geld reicht hier länger“, sagt Scholl, „und zudem sind in der Region unzählige Mittelständler angesiedelt, mit denen wir bei der Entwicklung von Fahrzeugen zusammenarbeiten können.“

„Gerade wenn es hektisch wird, ist solch eine Lieferung eine feine Sache.“

Eddie ­Shirazi, ­Besitzer des ­Restaurants The Lox

Kapitalspritze beschleunigte Entwicklung

Im Oktober 2019 kam dann der Ritterschlag: CCEP Ventures, der Risikokapitalarm des europäischen Coca-Cola-Abfüllers Coca-Cola European Partners, kaufte 15 Prozent an der Firma: „Teleretail hat ein disruptives Geschäftsmodell, das uns helfen kann, Softdrinks zu verkaufen“, sagt CCEP-Ventures-Chef Craig Twyford. „Es handelt sich um eine hochintelligente Technologie, die ihren Weg durch komplexen Verkehr findet.“

Seitdem beschleunigt sich die Entwicklung : Im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel setzten sie Aito ein, um an einem Wochenende Lieferungen zwischen einem Rewe-Geschäft und mehreren Restaurants auszuprobieren. Auf Knopfdruck in der Smartphone-App bestellte etwa Eddie Shirazi, Besitzer des Restaurants The Lox, neue Getränke, die das Aito, über Bürgersteige gleitend, sicher anlieferte. „Gerade wenn es hektisch wird, ist solch eine Lieferung eine feine Sache“, sagt der Gastronom.

Die niederländische Supermarktkette Albert Heijn testete Aito auf dem Campus der Universität Eindhoven aus. Dort lieferte er Studenten Lunchbestellungen aus dem AH-to-go Supermarkt auf dem Campusgelände. Die Roboter wurden auch schon in Japan ausprobiert, als Nächstes stehen Versuche in Spanien und Polen an.

Einen Stresstest absolvierte das Aito bereits im Vergnügungspark Alton Towers, gute 200 Kilometer nordwestlich von London. Dort fand es einen ganzen Tag lang seinen Weg durch die Besucherscharen. Xenia Scholl hat dem Lieferroboter einen Knigge an guten Benimmregeln für das Zusammentreffen mit Passanten einprogrammiert. Sein höfliches Verhalten, gepaart mit seiner abgerundet-freundlichen Form, machte es zu einer zusätzlichen Attraktion im Vergnügungspark – Kinder wollten vor Begeisterung sogar mitfahren. Aber das ahnten die Scholls. Das Aito stoppt deshalb langsam, sobald die Sensoren etwas auf seinem Dach wahrnehmen. Scholl: „Der Roboter ist eben doch kein Pony.“ ●

Schlagworte: Logistik, Roboter im Handel, Roboter

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