Kurze Wege zum Cash

Das Berliner Start-up Barzahlen.de setzt im Zeitalter der Digitalisierung auf Scheine und Münzen. Die Idee hat Zukunft. Immer mehr Onlineshops nutzen die alternative Zahlungsmethode. Auch der stationäre Handel profitiert von der kundenfreundlichen Bargeldversorgung.

Von Ralf Kalscheur 25.11.2015

© Andreas Lukoschek, OFFICE DROP IN

Achim Bönsch, Florian Swoboda und Sebastian Seifert (v. l.) haben zusammen ein Unternehmen gegründet.

Die Deutschen mögen es in Geldfragen gern unkompliziert: Die schwäbische Hausfrau gibt nicht mehr aus, als sie einnimmt. So betrachtet, ist der Gedanke, Waren über das Telefon zu bezahlen, grundsätzlich abwegig. Hierzulande bezahlen die Menschen allem Digitalisierungsdruck zum Trotz immer noch bar, und zwar bei rund 80 Prozent aller Transaktionen, wie eine Studie der Bundesbank zum Zahlungsverhalten ergab. Ein Berliner Start-up hat die Marktlücke erkannt und sich die besondere Vorliebe zunutze gemacht: „Wenn die Deutschen an der Kasse im Geschäft lieber Bares reichen“, so dachten sich die drei Gründer von Barzahlen.de, „dann müssen wir eine Möglichkeit schaffen, das physische Geld auch für Online-Einkäufe abzukassieren.“

Beifang im Traffic

Das funktioniert so: Nach dem Online-Einkauf druckt sich der Kunde einen Zahlschein aus oder lässt sich den Barcode als SMS aufs Mobiltelefon schicken. Auf Barzahlen.de führt ein Filialfinder zur nächsten Annahmestelle, einer Partnerfiliale im Barzahlen-Netzwerk. Den Filialfinder gibt es auch als App. Die Bezahlung der Online-Einkäufe kann der Kunde mit seinem stationären Einkauf verbinden. Der Zahlschein oder auch der Barcode auf dem Handy wird dann zusammen mit den anderen Einkäufen an der Kasse gescannt. Der Kunde erhält einen Beleg, der Onlinehändler wird in Echtzeit über den Zahlungseingang informiert und kann die Ware versenden.

Etwa 7 500 Onlineshops machen schon bei den Berliner Barzahlungsanbietern mit. Doch was hat der Einzelhandel von dem Bezahlsystem? Mehr Traffic im Laden und den „Beifang“: Wer einmal im Geschäft ist, um seine Online-Artikel zu bezahlen, kauft häufig auch noch Regalwaren ein, die ohnehin vermeintlich gebraucht werden. Die Drogeriekette dm gehörte zu den Partnern der ersten Stunde, später kamen etwa Budni, Telekom, Mobilcom-Debitel, Real und weitere Supermarktketten hinzu. Die Rewe Gruppe schickte zunächst Penny vor und zieht ab 2016 mit 3 000 Rewe-Märkten nach. Dann kommt das Partnerfilialnetz von Barzahlen.de auf insgesamt rund 9000 Anlaufstellen in Deutschland. „Die Gebühren für unseren Service liegen in der Preisrange von Kreditkartenzahlungen“, erklärt Mitgründer Florian Swoboda.


HDE-Toolbox Tipp: Bezahlung im Online-Shop
Der Erfolg im E-Commerce hängt auch von den Online-Bezahlmöglichkeiten ab. Sie sollten verschiedene Verfahren anbieten. Ermöglichen Sie zum Beispiel Zahlungen per Kreditkarte, Lastschrift, Debitkarte, Giropay, Sofortüberweisung, PayPal oder auch Konzepten wie „Barzahlen“. Weitere Informationen dazu finden Sie in der HDE-Toolbox unter bit.ly/hdetoolbox1


Einen Teil der ein bis drei Prozent pro Transaktion bekommt der Filialist für seine Dienstleistung, der Rest geht an das Start-up. Die Kosten trägt das beauftragende Unternehmen – für die Endkunden ist die Barzahlung gebührenfrei. Gefördert durch ein Exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums, wird Barzahlen.de mittlerweile durch Wagniskapital von Investor Alstin und der Berlin Technologie Holding finanziert. Swoboda: „Wir wachsen Jahr für Jahr im dreistelligen Prozentbereich und wollen 2017 profitabel werden.“

Bankgeschäfte im Supermarkt

Swoboda ist einer der drei Freunde, die sich während des Wirtschaftsstudiums in Vallendar kennenlernten und 2011 ihre Firma Cash Payment Solutions gründeten. Zwei Jahre später brachten die Entrepreneure die alternative Zahlungsinfrastruktur Barzahlen.de an den Markt. „Die Idee entstand, als ich während des Studiums bei einem Gamingportal gejobbt habe“, erzählt der 26-Jährige. „Die Zielgruppe waren junge Menschen, die auf der Checkout-Site häufig den Kauf abbrachen. Wir konnten die Kunden nicht monetarisieren, weil sie keine Kreditkarte hatten.“ Doch nicht nur Teenager besitzen häufig kein Konto oder gar eine Kreditkarte – zwei Drittel der Deutschen verzichten aus freien Stücken oder gezwungenermaßen auf die recht teuren und überdies häufig unnötigen Kreditkarten im Portemonaie.

Geringe Risiken

Wie sich herausstellen sollte, hatte Swoboda damit jedoch nur einen Teil der Marktlücke rund ums Barzahlen in der Onlinewelt ausgemacht. „Diese Zielgruppe macht heute etwa 30 Prozent unserer Kunden aus. Ein weiteres Drittel entfällt auf Senioren und Menschen, die ihre Finanzdaten im Internet nicht preisgeben möchten“, sagt Swoboda. Die Rechnung rund macht für Barzahlen.de die „wachsende Nachfrage von Wohnungsbaugesellschaften, Versicherern und Energieversorgern“, so der Jungunternehmer. Das Forderungsmanagement in diesen Branchen kann Kunden mit schlechter Bonität auf diese Weise bar zur Kasse bitten.

Forderungen in einer Höhe von bis zu 1.000 Euro sammelt Barzahlen.de für seine Partner ein. Wenn der E-Commerce-Kunde seine bestellte Ware retournieren möchte, gibt Barzahlen.de die vom Händler vorgegebene Summe zum Auslesen auf einen Auszahlschein. Verbraucherschützer schätzen die Risiken der Bezahlmethode als gering ein. Wie auch bei anderen Zahlungsmethoden müssen Kunden in der Regel nicht haften, wenn Dritte ihre Daten missbrauchen.

Expansion nach Ost- und Südeuropa

Florian Swoboda und seine Mitstreiter, deren Idee in der Optimierung des Zahlungsprozesses im Onlinehandel keimte, werden indes mehr und mehr zu Bankern. „Unsere Partnerfilialen sind in tollen Lagen angesiedelt und bieten großzügige Öffnungszeiten. Das ist ein Vorteil gegenüber vielen Banken, die zudem massiv Filialen schließen.“ Demnächst soll eine App Einund Auszahlungen vom Girokonto direkt an der Supermarktkasse ermöglichen. Mittelfristig wollen die Berliner Bargeldfreunde zur Expansion nach Ost- und Südeuropa schauen. Laut Florian Swoboda sei das Bargeld dort ebenso wenig durch die Digitalisierung vom Verschwinden bedroht wie im Schwabenland.

Schlagworte: Onlinehandel, Start-up, Barzahlen.de

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