Wasserlasser

Im Falle des Hyundai Nexo hat das gelebte Umwelt­bewusstsein einen hohen Preis. Doch wer schon heute mit der Technik von morgen unterwegs sein will, ist mit dem Brennstoffzellenantrieb mit Elektromotor auf gutem Kurs in eine emissionsfreie Zukunft.

Von Frank Heide 11.06.2019

© Hyundai

Drei Wasserstofftanks unter dem Heck und einen Elektromotor unter der Haube: Der Hyundai Nexo.

Die Zukunft sieht ziemlich gewöhnlich aus. Zumindest wenn sie der Hyundai Nexo verkörpert. Das Mittelklasse-SUV kommt optisch recht normal daher. Von vorn und von der Seite sieht man nicht, dass der Wagen drei Wasserstofftanks unter dem Heck und einen Elektromotor unter der Haube trägt. Erst bei der Rückansicht fällt auf: Der Auspuff fehlt. Dank seiner Brennstoffzelle, die Strom erzeugt, stößt der Nexo wirklich keinerlei Abgase aus. Er lässt nur hin wieder ein wenig klares Wasser ab, das bei der chemischen Reaktion entsteht.

Doch der koreanische Technologieträger ist nicht nur ganz besonders sauber, sondern durchaus mit weiteren Highlights gespickt, von denen der Betrachter wenig ahnt. Zum Beispiel die Türgriffe. Sie fahren – wie bei Tesla – aus der Karosserie heraus, sobald ich den Wagen per Knopfdruck öffne. Innen angekommen, treffe ich auf die wahrscheinlich mächtigste Mittelkonsole der modernen Autogeschichte, die zwar mit Knöpfen und Schaltern übersät, aber trotzdem übersichtlich und gut zu bedienen ist.

Enorme Reichweite

Zu den weiteren Besonderheiten zählen Kameras in den Außenspiegeln, die im Alltag den Schulterblick überflüssig machen. Ihre Bilder erscheinen, sobald der Blinker betätigt wird, im zentralen Display direkt vor dem Fahrer. Kaum sichtbar, aber sehr effektiv ist auch der verkleidete Unterboden samt strömungsgünstig gestalteter Räder. Details wie diese sorgen für eine ausgezeichnete Aerodynamik und verhelfen dem Nexo – in Kombination mit der Brennstoffzelle – zu einer enormen Reichweite.

Der fast zwei Tonnen schwere Wagen wird von seinem 163 PS starken Motor bis auf 179 Stundenkilometer beschleunigt. Aus den gut sechs Kilo Wasserstoff in den drei Karbontanks im Unterboden generiert die Brennstoffzelle im Normzyklus Strom für knapp 600 Kilometer. Nach NEFZ gemessen, sollen es theoretisch sogar fast 800 Kilometer sein. Das schafft kein Akku-Auto. Parkt man den Wagen, wird das als Nebenprodukt der Brennstoffzellenreaktion entstehende Wasser mit Druck aus dem System im Unterboden gespült. Man hört und sieht das. Passanten mögen sich wundern. Aber es ist wirklich nur Wasser, was dort herausplätschert.

Gewundert habe ich mich auch, dass der 4,67 Meter lange Nexo im Gegensatz zu den meisten E-Autos wirklich geräuschvoll fährt – wie eine laut summende Straßenbahn. Doch das ist erstens Absicht, es dient der Sicherheit unaufmerksamer Verkehrsteilnehmer, und zweitens abschaltbar. Eine gute Idee, doch im Alltag bin ich den Nexo lieber still gefahren, denn das zählt für mich zu den besten Besonderheiten von Elektroautos. Ebenso wie die Beschleunigung. Bei Berührung des Gaspedals liegt sofort ein fülliges Drehmoment an. 395 Newtonmeter können einen durchaus in den Sitz pressen.

 

Beachtliche Beschleunigung

Trotz all der Leistung und Gimmicks bleibt aber die Frage: Wer gibt rund 65.000 Euro für ein Auto aus, für das es in ganz Deutschland insgesamt lediglich 42 Tankstellen gibt? Zwar sind weitere 33 derzeit im Bau, doch außerhalb von Metropolen muss man schon mal mehr als 100 Kilometer weit fahren, um überhaupt eine Wasserstoffzapfsäule zu finden. Deshalb werden es derzeit wohl nur technikinteressierte Privatpersonen sein, die sich den Nexo leisten. Oder aber Unternehmen, deren Fuhrpark besonderes Umweltbewusstsein dokumentieren soll. Und wegen der enormen Druckverhältnisse fühlt sich die gut fünfminütige Wasserstoffbetankung (mit rund 700 bar) noch etwas befremdlicher an als bei mit Autogas oder Erdgas betriebenen Fahrzeugen. Ich höre die Tanks und die Zapfsäule knacken und knarzen, als ob sie kurz vor der Belastungsgrenze stünden und gleich die Nieten aus dem Blech flögen. Zur Beruhigung: Der Nexo wurde im Crashtest mit 5-Sterne-​Bestnote bewertet.

Hoffnung auf ein engmaschigeres Netz von Wasserstofftankstellen kommt übrigens ausgerechnet von der Konkurrenz: von Daimler. Die Stuttgarter gehören unter anderem mit OMV, Shell, Linde und Total zu einem Wasserstoffkonsortium, das bis Mitte des kommenden Jahrzehnts die Versorgung flächendeckend sicherstellen will. Aus gutem Grund: Daimler hat gerade sein SUV vom Typ GLC als Brennstoffzellen-Hybrid auf den Markt gebracht.

Heides Testurteil

Bisher gibt es erst wenige Wasserstofftankstellen und noch weniger Wasserstoffautos. Der Nexo, so ausgereift und technisch reizvoll er auch ist, bleibt somit ein teurer Exot für Technikfans. Doch wer ihn fährt, hat das Gefühl, in die Zukunft zu rollen.

Schlagworte: Auto, Autokauf, Umweltschutz, Wasserstoffauto

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