Testfahrt

Der Diesel unter den Hybriden

Eine zwei Tonnen schwere Mercedes-Limousine, sprintschneller als ein Golf GTI Performance, bei einem Verbrauch von unter zwei Litern? Klingt wie ein Märchen – und ist es auch. Denn trotz der Kombination aus Diesel und Plug-in-Hybrid ist der flotte 300 de wahrlich kein Ökomobil.

Von Frank Heide 06.01.2020

© Daimler AG

306 PS Systemleistung: Der 300 de

Sieht so die Rettung des Diesels aus? Auf den ersten Blick wirkt die E-Klasse-Limousine der neuesten Generation völlig normal. Obere Mittelklasse aus Stuttgart, unaufdringlicher Luxus auf 4,92 Meter verteilt. Doch der Hersteller gibt den offiziellen Verbrauch nach der WLTP-Norm mit nur 1,6 Liter auf 100 Kilometer an. Das weckt Neugierde: Wie sparsam ist er wirklich?

Das Kürzel „de“ hinter der Zahl 300 am Typenschild verrät die technische Besonderheit, die Daimler bisher als einziger Hersteller baut: Es handelt sich beim Testwagen um einen Plug-in-Hybrid in Kombination mit einem 2-Liter-Turbodiesel, der Vierzylinder allein leistet 194 PS. Der zusätzliche Elektroantrieb, dessen Akku sich per Stecker jederzeit aufladen lässt, soll den Selbstzünder besonders sparsam machen. Zunächst mal hebt er aber das Leergewicht auf fast 2,1 Tonnen und verkleinert den Kofferraum durch eine unpraktische Stufe auf 370 Liter (statt 540). Auf der Habenseite verbucht die teilelektrifizierte Businesslimousine durch den Elektromotor zusätzliche 122 PS respektive 440 Newtonmeter Drehmoment.

Emissionsfrei nur auf der Kurzstrecke

Insgesamt stehen 306 PS Systemleistung bereit und – als ob das für den Alltag nicht ausreichte – beeindruckende 700 Newtonmeter Drehmoment, die bisweilen die Antriebsräder überfordern. Damit schafft die E-Klasse den Sprint von 0 auf 100 km/h in nur 5,9 Sekunden, drei Zehntel schneller als ein Golf GTI Performance. Diese Zahlen allein mögen bei Firmenwagenfahrern schon Begehrlichkeiten wecken, ebenso die halbierte Dienstwagensteuer für alternative Antriebe und die staatliche Umweltprämie von 3.000 Euro bei der Anschaffung. Doch verblassen die Zahlen schnell vor der Tatsache, dass der Dieselhybrid zwar mit einem Nettobasispreis von rund 46.000 Euro aufwartet, mit einigen schönen Extras an Bord aber schnell 70.000 Euro kostet.

Und wie sieht es nun mit dem Verbrauch im Alltag aus? Eins vorweg: Die 1,6 Liter sind ein rein rechnerischer Wert, der im Alltag nur auf den ersten Kilometern erreichbar ist. Denn die Akkus reichen bestenfalls für 50 Kilometer emissionsfreies Rollen. Im Alltag sind es eher 25 bis 30 Kilometer, dann sind die Batterien erschöpft. Danach bewegt der Diesel allein die E-Klasse und braucht dafür gerne mal sechs Liter auf 100 Kilometer, bei sportlicher Fahrweise sah ich stets eine Acht auf der Verbrauchsanzeige.

Komfortabel auf der Langstrecke

Ärgerlicher als diesen durchaus zeitgemäßen Durst fand ich die aufdringliche Geräuschentwicklung bei hohen Reisegeschwindigkeiten, die so gar nicht zum luxuriös anmutenden Innenraum passen will. Schon bei Tempo 180 verging mir die Lust, auszuprobieren, ob die Geschwindigkeit tatsächlich bei 250 Stundenkilometern elektronisch begrenzt wird.

Gut gefallen hat mir die Möglichkeit, zu wählen, welchen Antrieb ich nutze. Die fünf Fahrmodi, eine unauffällig arbeitende Neungangautomatik, ein sehr gutes Fahrwerk und ein langer Radstand von 2,94 Metern sowie perfekt einstellbare Sitze prädestinieren den Benz für die Langstrecke. Und wer es mit den angebotenen Fahrmodi sowie sanftem Gasfuß schafft, die E-Klasse mit rund fünf Litern zu bewegen, der kann sich dank eines 60-Liter-Tanks auch über mehr als 1 000 Kilometer Reichweite freuen.

Doch die Vorteile des kombinierten Antriebs schöpft der Viertürer nur auf der Kurzstrecke aus und im Stadtverkehr, wo man oft rollen und rekuperieren kann. Weil seine 13,5-kWh-Akkus schnell erschöpft sind, ist der 300 de nicht für jedermann geeignet. Wichtig ist auch, zu klären, ob Steckdose oder Wallbox in der Firmentiefgarage zur Verfügung stehen. Denn daheim an der Haushaltssteckdose dauert es fünf Stunden, um eine reine E-Reichweite von maximal 54 Kilometern zu erlangen. Mal eben aufladen geht dort also nicht. ●

Heides Testurteil

Verbrauch und Emissionen sind unter realen Bedingungen viel höher als auf dem Prüfstand. Und der Plug-in-Hybrid muss schon zum Fahrerprofil passen – sonst werden seine Akkus zum Ballast. Am 300 de gefällt vor allem das Drehmoment. Ein Ökomobil ist er nicht.

Antrieb: Vierzylinder-Frontmotor mit Turbo mit Heckantrieb

Leistung: max. 306 PS/225 kW

Beschleunigung: 0–100 km/h: 5,9 Sek., max. 250 km/h (begrenzt)

Emissionen: 41 g CO2/km (laut WLTP/Hersteller)

Verbrauch: 1,6 Liter/100 km (laut WLTP/Hersteller)

Zuladung: 370 Liter/640 kg

Preis*: 46.030 Euro laut Hersteller/55.638,45 Euro (ab Werk)

Schlagworte: Auto, Autokauf, Fuhrpark

Kommentare

  • Christoph Christoph

    Danke für diesen Bericht. Ich fahre den E300de seit Ende Juli 2019. Auf den bisher damit zurückgelegten ca. 20.000 hat mich dies Fahrzeug überzeugt. Vielleicht weil es zu meinem Fahrprofil als Pendler sehr gut passt. Mindestens 75 km fahre ich täglich elektrisch. Manchmal sind es sogar tatsächlich 80.ä km. Wobei ich sowohl daheim und am Büro lade. Auf langen Strecken ist der Vorteil des Diesel-Hybrid bei entsprechender Fahrwiese auch ungleich null. Auf den bisher von mir vier Strecken mit jeweils etwas über 1000 km lag der Verbrauch im Bereich von knapp 6 Liter Diesel. Dabei war das Auto jedesmal voll beladen. Das Tempo auf der Autobahn war ca. 120--130 km/h. Einen Vergleichbaren Verbrauch wird ein Otto-Hybrid dieser Größe kaum erreichen..
    Mein Fazit: Ein Öko-Mobil ist der Diesel-Hybrid nicht. Für mich ist er jedoch der Schritt in die Richtige Richtung. Und auch nach einem halben Jahr freue ich mich noch immer. Es macht Spaß mit dem E300de zu fahren.
    Antworten
    07.01.2020, 17:09 Uhr
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