Exzentrische Luxuskatze

Bei Jaguar haben vor allem zwei Elemente des Autobaus Tradition: Luxus und Sportlichkeit. Wie lassen sich diese Werte auf einen Kombi übertragen, der ja in erster Linie praktisch sein sollte? Und wird der Jaguar XF Sportbrake dadurch besser als die Konkurrenz oder nur anders?

Von Frank Heide 15.03.2019

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Ein Teil der Briten mag Europa per Brexit den Rücken kehren wollen. Jaguar dagegen möchte sich das Geschäft mit den kontinentalen Businesskunden, sprich Premium-Dienstwagenfahrern, nicht entgehen lassen. Umso mehr, als dass die Traditionsmarke – inzwischen im Besitz des indischen Tata-Konzerns – parallel mit einem schwächelnden Absatz in China kämpft. Gelingen soll die erneute Umsetzung der traditionellen britischen Durchhalteparole „keep calm and carry on“ mit der Neuauflage des XF als Kombi respektive „Sportbrake“, wie das Modell bei Jaguar heißt. Der noble Brite ist eine stattlich-dynamische Erscheinung, die es mit BMW 5er Touring, Volvo V90, Audi A6, Skoda Superb und Mercedes E-Klasse aufnehmen soll. Nur typisch britisch eben. Der Jaguar wartet mit einigem Luxus auf – aber auch mit ein paar Schrullen.

Seht her, ich bin besonders

Wer noch nicht wusste, dass ein Jaguar wirklich etwas Besonderes ist, dem wird das beim Druck auf den Anlasserknopf im XF Sportbrake sofort bewusst: Mit der Ruhe und Stilsicherheit, die ein Gentle​man an den Tag legt, wenn er durch den knöcheltiefen Flor seines Klubteppichs schreitet, erhebt sich langsam aus dem Untergrund der Mittelkonsole ein kreisrunder Wahlhebel zur Verwaltung der ZF-Achtgangautomatik. Sehr eleganter, schwarzer Lack trifft auf fein ziseliertes Metall. Gleichzeitig öffnen sich lautlos bis dahin unsichtbar integrierte Gebläsedüsen an den Enden des mit Leder bezogenen Armaturenbretts. Technisch ein völlig überflüssiges Schauspiel, aber letztlich doch sehr gediegen. Der XF ist eben anders und will es auch sein. Dieses Motto zieht sich durch viele Details des 4,96 Meter langen Testwagens, der von außen vor allem durch einen großen Kühlergrill und mächtige Alufelgen auf sich aufmerksam macht.

An anderer Stelle lerne ich allerdings: Anders bedeutet nicht immer besser. Etwa, wenn ich mich durch unnötig komplex aufgebaute Bedienmenüs bis zur individuellen Fahrmoduseinstellung oder zur Sitzheizungsfunktion „durchtouchen“ muss, oder wenn ich die Spracheingabe für das Navi vergeblich suche, die in dieser Preisklasse bei anderen Anbietern eine Selbstverständlichkeit ist.

Praktisch ja, sportlich naja

Praktischer wird es am hinteren Ende, wo die große Heckklappe nach einem Fußschwenk unter der Stoßstange den Blick auf mindestens 565 Liter Laderaum freigibt. Legt man die Rücksitzlehne per Knopfdruck flach, so sind es sogar 1 700 Liter. Das ist zwar ein Koffer weniger, als die E-Klasse oder der Skoda Superb schlucken, aber zu den großen Lademeistern zählt der Brite dennoch. Fein glänzende Edelstahlleisten im Laderaum sind nicht nur chic, sondern auch hilfreich. Schwere Kästen lassen sich darüber mühelos weit ins Gepäckabteil hineinschieben.

Vorn sitzt man sportlich, die edlen Sitze sind perfekt an alle Körpergrößen anpassbar und geben Fahrer und Beifahrer auch in optimistisch angesteuerten Kurven sicheren Halt. Wobei der Testwagen zwar den Zusatz R-Sport im Namen trägt, aber bedingt durch den Allradantrieb wirklich sportliches Fahrverhalten nur gelegentlich aufblitzen lässt. Mit 240 Pferdestärken und maximal 500 Newtonmetern Drehmoment aus einem sauberen 2,0-Liter-Vierzylinder-Diesel aus Jaguars eigener Motorfertigung tritt der Wagen kraftvoll an und schafft den Sprint auf 100 km/h bestenfalls in knapp unter sieben Sekunden; die Höchstgeschwindigkeit gibt Jaguar mit 241 km/h an. Bis dahin vergeht die Zeit allerdings nicht im James-Bond-Tempo – sie zieht sich eher hin wie eine etwas zähe Unterhausdebatte. Ruhiges Reisen ist eher das Metier des XF Sportbrake.

Die Elektronik des Allradantriebs wechselt abhängig von Fahrmodus, Untergrund und Gaspedalstellung zwischen 100 Prozent Heckantrieb und 90 Prozent Frontantrieb variabel hin und her. Das bleibt für den Fahrer ebenso wenig spürbar wie die soften Schaltvorgänge der tadellosen ZF-Automatik und die serienmäßige Luftfederung mit Niveauregulierung an der Hinterachse. Zudem punktet der Jaguar mit einer dynamischen Optik.

Ein besonderes, aber teures Vergnügen

Kurzum: Er ist ein Dienstwagen für alle, die nicht die üblichen Verdächtigen pilotieren möchten. Preislich ist er durchaus konkurrenzfähig – zumindest in der Serienausstattung. Die gibt es für rund 60.000 Euro. Für die Vollausstattung mit Head-up-Display, Premium-Metallic-Lackierung, 20-Zoll-Rädern, Panoramaglasdach, Parkhilfe- und Fahrsicherheitspaket, Infotainment, Soundanlage und, und, und müssen Kunden allerdings schnell noch mal 20.000 Euro tiefer in die Tasche greifen. Für den Testwagen wies der Konfigurator am Ende mehr als 82.000 Euro aus. Ein weiterer Wermutstropfen ist die Restwertprognose. Bei durchschnittlicher Nutzung ist der XF Sportbrake in Serienausstattung laut Analyse der Restwertspezialisten von BF Forecasts nach vier Jahren nur noch knapp 20.000 Euro wert und schneidet damit im Vergleich zum Volvo V90, Audi A6 und BMW 530d Touring deutlich schlechter ab. Sich einen Jaguar zu leisten, ist und bleibt zwar ein besonderes, aber teures Vergnügen.


Testfahrt

Technische Daten: Jaguar XF Sportbrake 25D AWD R-Sport

Antrieb: Vierzylinder-TwinTurboDieselmotor mit Achtstufenautomatik

Leistung: 177 kW/240 PS

Beschleunigung: 0–100 km/h: 7,0 Sek., max. 241 km/h

CO₂-Ausstoß: 165 g/km

Abgasnorm: Euro 6d-temp

Verbrauch: 6,2l/100 km

Preis: ab 60.000 Euro, Testwagen: 82.000 Euro


Heides Testurteil

„Beim XF Sportbrake macht Jaguar vieles anders als andere, nicht immer besser. Mir gefällt, dass sein Diesel kraftvoll und sauber und sein Allradantrieb sicher ist. Wegen der Bezeichnung R-Sport hatte ich mehr Tempo erwartet, aber Kombi-­stärken hat er.“

Schlagworte: Auto, Luxus, Autokauf

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