Unzerstörbar seit 1968

Zur Legende erhoben hat den Toyota Hilux das BBC-Automagazin „Top Gear“: Die Tester mit Hang zum Brachialhumor sprengten den Pick-up unter anderem mitsamt einem Hochhaus in die Luft, versenkten ihn im Meer, holten ihn wieder an Land – und stets fuhr er.

Von Frank Heide 16.09.2019

© Sebastien Mauroy

Eine Legende: der Toyota Hilux

Ein Blick auf den Gebrauchtwagenmarkt mag den Eindruck bestärken: Ältere Exemplare werden mit 300 000 bis 400 000 Kilometer Laufleistung angeboten – und als kernige Nutzfahrzeuge sind sie in ihrem Autoleben nicht geschont worden. Entsprechend robust ausgelegt ist die Basis: klassischer Leiterrahmen, Blattfedern, unverwüstlicher Vierzylinder-Diesel, simple Technik, hohe Nutzlast, zuschaltbarer Allradantrieb, mechanische Differenzialsperren, Untersetzungsgetriebe, hohe Bodenfreiheit.

Ein echtes Weltauto

Mit diesem Rezept ist der Pick-up in einigen kargen Regionen der Welt sogar zum meistverkauften Fahrzeug überhaupt aufgestiegen. Er ist ein echtes Weltauto, das seit 1968 in inzwischen 140 Ländern verkauft wird, aktuell zu Preisen ab 24.590 Euro. Wer Allradtechnik haben will, zahlt bei gleicher Motorisierung mindestens 28.020 Euro. Während Bauleiter, Steinmetze, Landschaftsgärtner und Forstwirte beim Anblick der Fünf-Meter-Kolosse feuchte Augen bekommen, schießen dem klassischen Stadtbewohner andere Gedanken durch den Kopf: Wie passt der in die Parklücke? Ist er zu hoch für die Parkhauseinfahrt? Und wie komme ich überhaupt auf den Sitz? Mit Schwung.

Oben, beziehungsweise innen, im 1,81 Meter hohen Pick-up angekommen, gefallen das Raumgefühl und die Verarbeitung: reichlich Kopf- und Beinfreiheit, angenehmes Nappaleder, ein großes Multimedia-Display und einige moderne Assistenzsysteme. Gleichzeitig wirkt alles angemessen robust, abwaschbar, übersichtlich.

 

Stark statt schnell

Im Alltagsbetrieb präsentierte sich der Hilux, der stets von einem 150 PS starken Vierzylinder-Diesel angetrieben wird, als gutmütiger Geselle mit gewaltigen 400 Newtonmetern Drehmoment, die schon knapp über Standgasniveau zur Verfügung stehen. Die Angaben zu Beschleunigung (von null auf 100 in 13,2 Sekunden) und Spitzentempo (175 km/h) sind bei dem Koloss eher von theoretischer Natur. Riesige, grobstollige Reifen, die Höhe des Pick-ups und Blattfederung unter der Hinterachse bremsen dynamische Fahrversuche frühzeitig ein. Seine Stärke spielt der Hilux anderswo aus: auf der riesigen Ladefläche. Toyota hat sie mit einer augenscheinlich unverwüstlichen Plastikwanne ausgekleidet. Einfach gesagt: Man kann alles draufwerfen, was groß, lang und schmutzig ist und nicht viel mehr als eine Tonne wiegt.

Wer allerdings nicht gerade im Gartenbau arbeitet oder als Handwerker von Baustelle zu Baustelle fährt, findet möglicherweise keine passende Aufgabe für den Koloss. Und dann zeigen sich die Nachteile: Wildnis kann der Hilux gut, Wellness kann er gar nicht.

Schaukeliges Fahrgefühl

Über die weißen Grenzlinien von Standardparkplätzen ragt mindestens ein Fahrzeugteil immer hinaus, oft sind es zwei. Das ist ebenso gattungstypisch wie der Wendekreis, der deutlich größer ausfällt als bei jedem SUV. Trotz der hohen Sitzposition ist die Übersicht nicht gut. Und für jene, die das Blattfeder-Fahrgefühl nicht kennen: Stellen Sie sich vor, Sie überfahren mit sanft eingestellter Federung Bodenwellen. Und zwar unendlich viele in kurzer Folge. Das Geschaukel muss man mögen. Einziger Vorteil: Wenn es dann mal ins Gelände geht, muss man sich nicht mehr umgewöhnen.

Technische Daten

Antrieb: 4-Zylinder-Diesel

Leistung: 110 kW / 150 PS

Max. Drehmoment: 400 Nm

Beschleunigung: 0 – 100 km/h: 13,2 Sek., max. 175 km/h

CO2-Ausstoß: 185g/km, Abgasnorm Euro 6

Zuladung: maximal 1 235 kg, maximale Anhängezuglast 3 200 kg

Preis: ab 24.590 Euro, Testwagen als Doppelkabine mit Extras: circa 34.000 Euro

Heides Testurteil

Der Auftritt des 5,33 Meter langen und über 1,80 Meter breiten Toyota Hilux ist gewaltig. Dass er trotz aller Lifestyle-Bemühungen des ­Herstellers mehr Arbeitstier als Pkw bleibt, dürfte vor allem Hand­werker freuen. Wenn er keine echte Aufgabe bekommt, zeigt der Pick-up mehr Nachteile als Vorteile.

Schlagworte: Autokauf, Auto

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