Perfekte Performance

Mit Scale für Aktien bietet die Deutsche Börse wachstumsorientierten kleinen und mittleren ­Unternehmen Finanzierungen via Eigenkapital an. Was dieser Markt zu bieten hat.

Von Eva Neuthinger 28.08.2018

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Entstanden aus Ruinen: Das junge Segment der Deutschen Börse „Scale für Aktien“ entwickelt sich bisher gut. „Die Performance des Scale-All-Share-Index hat seit seiner Auflegung gut 26 Prozent gewonnen. Im Vergleich dazu legte der deutsche Blue-Chip-Aktienindex DAX im selben Zeitraum um rund fünf Prozent zu“, erklärt Eric Leupold, Manager der Deutschen Börse. Das Segment Scale existiert seit März vergangenen Jahres – also knapp eineinhalb Jahre.

Es handelt sich um einen Nachfolger des Entry Standards der Frankfurter Börse, welcher nach Pleiten und Pannen an Renommee verloren hatte. Unternehmen, die sich für einen Börsengang in Scale entscheiden, haben bestimmte Hürden zu nehmen. Dazu zählen zum Beispiel ein Mindestumsatz von zehn Millionen Euro, ein positiver Jahresüberschuss sowie eine Beschäftigtenzahl von mindestens 20 Mitarbeitern (siehe Aufstellung unten).

„Die Unternehmen müssen eine gewisse Börsenreife haben, um in das Segment aufgenommen zu werden“, kommentiert Leupold. Das Konzept scheint aufzugehen. „Das negative Image, das mit dem Entrystandard verbunden war, ist passé. Die Sparte entwickelt sich ohne Skandale. Die negativen Erfahrungen der Investoren waren damals auch eher mit Unternehmensanleihen als mit Aktien verbunden“, sagt Dr. Thorsten Kuthe, Rechtsanwalt der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek in Köln. Er berät Unternehmen, die sich für den Schritt an die Börse entschieden haben. Im neuen Scale-Segment sind 48 Unternehmen gelistet, es ist bisher kein Einzelhändler im engeren Sinne dabei.

Stimmrechte inklusive
„Prinzipiell kann sich eine solche Finanzierung aber durchaus für größere familiengeführte Filialisten anbieten“, sagt Professor Karl-W. Giersberg, Geschäftsführer der GMC Gesellschaft für Management Consulting mbH in Darmstadt und Präsident des Bundesverbandes Kapital für den Mittelstand. Und zwar dann, wenn es sich um ein wachstumsorientiertes Geschäftsmodell mit einem erhöhten Kapitalbedarf handelt. „Wir sprechen hier von einer Größenordnung von mindestens zehn Millionen Euro frischem Eigenkapital, das eingesammelt werden soll“, sagt Kuthe. Das Unternehmen sollte einen Mindestunternehmenswert nach Börsengang von 30 Millionen Euro haben. So in etwa steckt auch die Deutsche Börse ihre Zielgruppe ab. Das KMU-Segment ­Scale richtet sich aber auch an Mittelständler mit einem hohen Investitionsbedarf. „Ein zukunftsträchtiges, innovatives Geschäftsmodell, eine gute Positionierung im Markt, eine Führung durch ein professionelles Management und eine transparente Unternehmensstruktur wie auch Informationspolitik sind die entscheidenden Kriterien“, so die Deutsche Börse.

Wie bei jeder Eigenkapitalfinanzierung muss sich der Unternehmer natürlich darüber bewusst sein, dass die Führungsspitze den Aktionären Mitspracherechte einräumt. „Einzelne Investoren können aber naturgemäß keinen so großen Einfluss ausüben wie beispielsweise bei einer direkten Beteiligung“, erklärt Kuthe. Einmal gelistet, können die Firmen sich auch immer wieder Kapital am Markt beschaffen. Das alles wertet der Experte als Pluspunkte. Experte Giersberg nennt als einen Vorteil, dass die Eigenkapitalgeber ähnliche Interessen wie die Unternehmen selbst verfolgen: „Sie wollen eine Kurs- und eine Wertsteigerung erzielen.“ Fremdkapital­geber hingegen sind mehr daran interessiert, dass der Schuldner auch seine Kapitalleistungen bedient. Solche Vor- und Nachteile gilt es gegeneinander abzuwägen.

Binnen sechs Monaten an der Börse
Schlägt das Pendel dann zugunsten eines Börsengangs aus, lässt sich dieser in der Regel innerhalb von sechs Monaten realisieren – obwohl die Aufgabenstellung sehr umfassend ist. „Von enormer Bedeutung ist es, dass die internen Strukturen vor dem Termin geschaffen werden“, sagt Kuthe. Beispielsweise sollten die private und die betriebliche Sphäre vorher sauber getrennt sein. So kommt es öfter vor, dass Betriebsmittel oder Lizenzen dem Firmenchef persönlich gehören. „Das sollte nicht sein. Die Werte sind also im Vorfeld in das Betriebsvermögen zu transferieren“, rät Kuthe. Viele Einzelhändler beschäftigen den Ehepartner, den Sohn oder die Tochter auf Minijobbasis. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn die Bedingungen wie unter Dritten gestaltet sind. Fremdübliche Verträge, wie sie auch der Fiskus verlangt, sind für Unternehmen an der Börse obligatorisch. Solche Details bedürfen aber einer Kontrolle.

Logisch: Ein Initial Public Offering (IPO), also ein Börsengang, ist ein komplexer Prozess. Er erfordert sicherlich praktische sowie fachliche Kenntnisse. Die Gesellschaften brauchen auf dem Weg zur Börse in den unterschiedlichen Phasen der Vorbereitung qualifizierte Partner. „Das Unternehmen sollte sich von einem Team aus IPO-Berater, Emissionsbank und weiteren Konsortialbanken, Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten sowie gegebenenfalls von einer PR-Agentur begleiten lassen“, empfehlen die Experten der Deutschen Börse. Das kostet. Der Unternehmer kann mit vier bis zehn Prozent des Emissionserlöses als Aufwand kalkulieren.


Was für Scale zählt

Der Börsengang gliedert sich in vier Phasen und ist an bestimmte sogenannte ­Einbeziehungs­voraussetzungen geknüpft.

Ablauf des Verfahrens:
– In der Vorbereitungsphase dient ein Erstgespräch mit der Deutschen Börse zur Orientierung. Darüber hinaus werden die Konsortialbanken mandatiert sowie die rechtlichen Voraussetzungen im Unternehmen geschaffen.
– In der Strukturierungsphase geht es um konkrete Einzelmaßnahmen. Es wird ein Zeitplan aufgestellt, eine Due Diligence durchgeführt und ein Emissionskonzept entwickelt.
– In der Realisierungsphase folgen die Veröffentlichung des EU-Prospektes, die Roadshow bei Investoren, Platzierung der Aktien bei institutionellen Investoren und über Direct Place.
– In der Finalisierungsphase geht es an die Preisbildung und die Zuteilung der Aktien bis hin zum laufenden Handel auf Xetra.

Voraussetzungen – mindestens drei dieser fünf Kriterien müssen erfüllt sein:
– Umsatz größer als zehn Millionen Euro
– Positiver Jahresüberschuss
– Positives bilanzielles Eigenkapital
– Mindestens 20 Mitarbeiter des Emittenten
– Kumuliertes eingesammeltes Eigenkapital von mindestens fünf Millionen Euro

Überdies sind gefordert:
– Voraussichtliche Marktkapitalisierung von mindestens 30 Millionen Euro
– Unternehmenshistorie von mindestens zwei Jahren
– Mindestens 20 Prozent oder mindestens eine Million Aktien im Streubesitz

Schlagworte: Börse, Finanzierung,

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