Finanzierung

Den Kurs ansagen

Nach Jahresabschluss laden viele Banken ihre Geschäftskunden zum obligatorischen Gespräch über die Businessplanung der kommenden Monate ein. Einzelhändler sollten sich auf diese Termine intensiv vorbereiten – nicht zuletzt, weil für das Rating relevante Daten auf den Tisch kommen.

Von Eva Neuthinger 25.02.2020

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Firmenchefs sollten proaktiv handeln und von sich aus die Planung für das nächste Jahr kommunizieren.

Für die Führungsspitze des Schuhhauses Werdich mit Sitz in Dornstadt bei Ulm ist es keine große Sache, die Hausbanken zur aktuellen Entwicklung auf dem Laufenden zu halten. „Wir machen das allerdings weniger institutionalisiert zum Jahresanfang als vielmehr zu wechselnden Terminen über die Monate verteilt“, sagt Jörg Riemer, einer der beiden Geschäftsführer. In der Regel einmal im Quartal geht das Zahlenwerk automatisiert an die einzelnen Institute. „Wir besprechen dann die Details jeweils bei Bedarf“, erklärt der Einzelhändler, der 40 Filialen führt.

Alle Finanzierungspartner behandelt das Führungsduo gleich. „Wir sehen die Banken als Partner, kommunizieren offen und transparent“, betont Riemer. Die Gespräche sieht er geprägt von Verständnis für die aktuellen Herausforderungen des stationären Handels, denn Digitalisierung, die Einflüsse des Onlinegeschäftes sowie das veränderte Verbraucherverhalten betreffen Handel und Finanzbranche ähnlich stark.

Carl-Dietrich Sander, Unternehmerberater in Kaarst und Leiter der Fachgruppe Rating und Finanzierung des Bundesverbandes „Die KMU-Berater“, beschreibt die aktuelle Situation so: „Die Banken stehen wegen der anhaltenden Tiefzinsphase sowie der Basel-III-Regulierungen, gemäß denen sie mehr Eigenkapital vorhalten müssen, unter hohem Ertragsdruck. Viele Kreditgeber handeln daher vorsichtig und selektiv bei der Darlehensvergabe.“ Da sich parallel dazu die wirtschaftliche Entwicklung leicht abschwäche und die Zahl der Krisenherde um uns herum hoch bleibe, sind laut Sander Stabilität und Bonität der Unternehmen zunehmend wichtige Indikatoren für eine positive Entscheidung.

„Wir sehen die Banken als Partner und kommunizieren offen und transparent.“

Jörg Riemer, Schuhhaus Werdich

Ein wichtiger Grund, warum Firmenchefs momentan proaktiv handeln und von sich aus die Planung für das nächste Jahr kommunizieren sollten. Die Expertise umfasst nicht nur eine Prognose des Gesamtumsatzes sowie einzelner Kostenpositionen für die nächsten zwölf Monate, sondern auch ein Konzept zur strategischen Ausrichtung des Handelshauses. Die Firmenspitze belegt damit, sich selbst kritisch mit der Unternehmensführung und der eigenen Branche auseinanderzusetzen. Sander empfiehlt, einmal im Jahr einen Gesprächstermin mit dem Firmenkundenberater anzustreben – möglichst ohne auf eine Aufforderung zu warten. Besonders zu beachten sind dabei folgende Punkte:

Bilanz und Jahresabschluss erläutern

Erste Regel bei diesen Terminen: „Den Jahresabschluss dürfen Unternehmer niemals unkommentiert an die Bank geben“, rät Sander. Der Unternehmer sollte ein Begleitschreiben verfassen, das Besonderheiten und Auffälligkeiten ausführlich erläutert. Die meisten Einzelhändler erstellen lediglich eine Bilanz. Um Steuern zu sparen, weisen viele wenig Gewinn aus. „Wenn Spielräume bei der Bewertung dahingehend genutzt werden, ist das für uns eine wichtige Information“, sagt Andreas Middelberg, stellvertretendes Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Ravensburg. Sonst, so warnt auch Sander, gibt der Firmenchef die Deutungshoheit aus der Hand. An dieser Stelle offenbart sich häufig ein Problem, denn Banker definieren Fachbegriffe anders als die Unternehmer. „Wer sich nicht sicher ist, sollte keine Scheu haben, nachzufragen“, so Sander.

• Auszeit einplanen

Am besten nehmen sich Einzelhändler vor dem Besprechungstermin eine Auszeit vom Tagesgeschäft, allein um alle notwendigen Unterlagen parat zu haben. Je detaillierter der Unternehmer die Strategie für das nächste Jahr darlegen kann, desto besser. Er sollte sich seiner Risiken und Schwachstellen bewusst sein und einen Plan B in der Schublade haben, falls sich während des Jahres Abweichungen vom Soll ergeben. Ziel ist es, den Firmenkundenbetreuer ungeschminkt zu informieren, um am Ende bessere Chancen auf eine günstige Finanzierung zu erlangen.

• Bankenanalysen nutzen

Schließlich analysieren die Banken und Sparkassen selbst die aktuelle Bilanz und nehmen die betriebswirtschaftlichen Auswertungen unter die Lupe. „Wir unterstützen die Unternehmen im Jahresgespräch, wenn sie gezielt daran arbeiten wollen, ihr Rating zu verbessern“, erklärt Andreas Middelberg. Der Firmenchef kann direkt nach diesen Auswertungen fragen. Die Banken verfügen über ausführliche Auswertungen mit Schaubildern und Grafiken zu relevanten Kennzahlen im Branchenvergleich. „Die Unternehmer erfahren von uns, wo sie stehen und wie wir sie sehen“, sagt Middelberg. Um die Situation richtig einschätzen zu können, sollten die aktuellen Auswertungen beim Termin vorliegen.

• Digitalisierung anstreben

Besonders fortschrittliche Firmenchefs gewähren den Banken direkten Onlinezugang zu ihren gesicherten Datenräumen, sodass diese die notwendigen Informationen direkt abrufen können. Die Digitalisierung macht das möglich; der Steuerberater kann unterstützen. Das ist noch die Kür und wird von den Geldinstituten bisher nicht standardisiert erwartet. „In wenigen Jahren allerdings könnte dies anders aussehen, darauf sollten sich Einzelhändler vorbereiten“, mahnt Middelberg.

Der digitale Finanzbericht gilt ebenfalls als ein wichtiger Baustein. Bei diesem Verfahren stellt der Steuerberater den Jahresabschluss den Banken direkt digital zur Verfügung. Die Daten können von diesen in der Folge halb automatisch weiterverarbeitet werden. Wichtig zu wissen: Der Digitalisierungsgrad des Unternehmens ist relevant fürs Rating. Die Geldinstitute wollen erkennen, dass sich ihre Kreditnehmer mit dem Thema beschäftigen und entsprechend aktiv werden.

Werdich-Geschäftsführer Jörg Riemer ist bereits gut aufgestellt: Seine aktuellen Unternehmenszahlen liegen digital vor und sind jederzeit verfügbar.

Gut gerüstet

Planung
Eine detaillierte Jahresplanung aufzu­stellen, ist nicht notwendig. Seine Zielvorstellungen sollte der Unternehmer aber prägnant auf einer Seite ausformuliert haben.

Bilanz
Die wichtigsten Determinanten und Auffälligkeiten der Bilanz sollte der Firmenchef erklären können. Wer nicht fit ist, geht sie vorab mit einem Unter­nehmens- oder Steuerberater durch.

Unternehmensführung
Lassen sich Schwachstellen erkennen, kann der Unternehmer erklären, welche Maßnahmen er zur Verbesserung ergreifen will. Wichtig sind insbesondere Vorhaben, die sich auf das Eigenkapital und die Liquidität auswirken.

Agenda
Avisierte Investitionen, Innovationen, Anpassungen im Leistungsspektrum oder eine Nachfolge – dafür interessieren sich die Geldhäuser. Clevere Unternehmer haben diese beim Gespräch im Hinterkopf oder besser noch schriftlich fixiert.

Schlagworte: Finanzierung

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