Food Waste

Reste retten

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist aus ethischer, ökologischer und ökonomischer Sicht zu vermeiden. Trotzdem werden in Deutschland jedes Jahr zwischen 13 und 18 Millionen Tonnen noch ­genießbare Lebensmittel weggeworfen. Was der Lebensmittelhandel dagegen unternimmt.

Von Jens Gräber und Ralf Kalscheur 02.10.2019

© Getty Images/Claudia Totir

Bis Ende 2030 soll die Menge an Lebensmittelabfällen in Deutschland halbiert werden.

Das Thema Food Waste gewinnt vor dem Hintergrund der zunehmend intensiv geführten Klimadebatte stark an Bedeutung. Mit der Sensibilität für Umweltbelange, insbesondere unter jüngeren Verbrauchern, geht eine geschärfte öffentliche Aufmerksamkeit für Ressourcenoptimierung in der Produktion von Fleisch, Molkereiprodukten, Obst und Gemüse einher. Regional und nicht massenhaft produzierte Lebensmittel sowie Bio-Sortimente erobern in Supermärkten und längst auch in Discountern immer mehr Regalmeter. Kein Unternehmen, insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel, kann es sich leisten, nicht auf den Megatrend Nachhaltigkeit zu setzen.

Die Branche scheut keine Mühe, Food Waste zu vermeiden, und zeigt sich dabei erfindungsreich. Nicht zuletzt kosten unverkaufte Lebensmittel Geld. Nirgendwo ist der Wettbewerb schärfer und sind die Margen geringer als im Lebensmitteleinzelhandel. Dennoch bleibt eine Menge übrig, denn die Verbraucher in westlichen Wohlstandsgesellschaften erwarten eine Menge vom Handel – unter anderem jederzeit viel Auswahl in auch optisch makelloser Qualität. Entsprechend bleibt viel Unverkäufliches übrig.

Schon heute beliefern Lebensmitteleinzelhändler mit ihren Überschüssen die Tafeln und versorgen auf diesem Wege regelmäßig bis zu 1,5 Millionen bedürftige Personen mit Essen. Um noch mehr Lebensmittel vor der Vernichtung zu bewahren, haben die Händler jüngst das Projekt „Tafel macht Zukunft – gemeinsam digital“ ins Leben gerufen. Mittels einer browserbasierten Eco-Plattform soll die Verteilung künftig planbarer und damit einfacher und effizienter werden.

Wissenschaftlicher Partner bei dem Projekt ist das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Der zuständige Professor Thilo Klein erklärt, warum das nötig ist: „Lebensmittelproduzenten und Großhändler leisten durch ihre Spenden einen wertvollen Beitrag zur Lebensmittelrettung. Solche Großspenden machen allerdings nur einen Teil der Spenden aus und werden verteilt, ohne die lokalen Spenden von Bäckern und Supermärkten zu kennen. Dadurch können die wahren Bedürfnisse der Ausgabestellen nur unzureichend berücksichtigt werden.“

Am meisten verschwenden die Konsumenten
Dies soll die Plattform leisten, indem sie die direkte Einbindung der spendenden Händler sowie eine verbesserte Routenplanung beim Einsammeln und Verteilen der Lebensmittel ermöglicht. Ein digitaler Lieferschein soll die Arbeit für die Tafeln zusätzlich effizienter machen. Als Partner mit an Bord sind unter anderen Rewe, Lidl und Penny. Die positiven Erwartungen auf Händlerseite fasst Rewe-Sprecherin Kristina Schütz zusammen: „Die Digitalisierung der Prozesse bietet durchaus Perspektiven, die gute Zusammenarbeit weiter zu optimieren.“

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstützt das Vorhaben mit 1,5 Millionen Euro. Ministerin Julia Klöckner ist überzeugt: „Es ist ein entscheidender Schritt, um zukünftig noch mehr Lebensmittel zu retten, sie vor allem aber auch bedarfsgerecht und zielgenau an die Einrichtungen zu verteilen.“ Das Projekt ist Teil der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung. Deren Ziel ist es, bis Ende 2030 die Menge an Lebensmittelabfällen in Deutschland zu halbieren.

Das kann allerdings nur gelingen, wenn auch die Verbraucher mithelfen. Denn die privaten Haushalte waren etwa im Jahr 2015 mit 55 Prozent der gesamten Menge an Lebensmittelabfällen die mit Abstand größten Verschwender. Mit der App „Zu gut für die Tonne“ will Klöckner Verbrauchern helfen, bedarfsgerechter einzukaufen, und Rezepte für übrig gebliebene Nahrungsmittel zur Verfügung stellen.

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Wider das Wegwerfen

Die Kooperation mit den Tafeln hat im Lebensmittelhandel Tradition. Doch die Branche engagiert sich auf vielfältige Weise gegen Food Waste. Fünf Beispiele.

 

Überraschung in Tüten

Real setzt auf die mobile App der dänischen Foodsharing-Initiative „Too Good To Go“: Nicht mehr auf normalem Weg verkäufliche Lebensmittel werden darüber an Kunden vermittelt, die sie dann in Form von sogenannten Überraschungstüten gegen kleines Geld abholen können.

 

Offensiv mit Risiko

Die Betreiber des Bremer Supermarkts Lestra haben sich entschlossen, das Containern auf ihrem Gelände nicht zu verfolgen. An den Abfallcontainern finden sich Hinweisschilder, die einige Verhaltensregeln erklären. Lestra erhofft sich dadurch, auch die Menschen zu erreichen, die die Angebote von kostenlosen Lebensmittel­abgabestellen nicht wahrnehmen wollen oder können. „Ganz unbedenklich ist dieses Vorgehen nicht“, räumt das Unternehmen ein. Denn im Container landen unter anderem auch Lebensmittel, die nicht mehr verzehrbar sind und krank machen können.

 

Algorithmus gegen Verschwendung

Die niederländische Supermarktkette Albert Heijn testet einen Algorithmus, der in Abhängigkeit von Faktoren wie Lagerbestand, Wetter und Haltbarkeitsdatum den aktuellen Preis der Ware ermittelt. Das elektronische Preisschild am Regal weist einen Preisnachlass aus, wenn etwa das Ablaufdatum näher rückt. Albert Heijn greift auf die Lösung des israelischen Start-ups Wasteless zurück, das den Preis-Algorithmus bereits in spanischen Supermärkten getestet hat.

 

Haltbarkeit in Echtzeit

Frische Lebensmittel können häufig noch Tage und Wochen nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums bedenkenlos verzehrt werden. Doch wie lange genau? Der Metro-Konzern testet mit dem System „FreshIndex“ des Start-ups Tsenso ein dynamisches Haltbarkeitsdatum (DHD). Der Index basiert auf den Hygienedaten der Hersteller und den tatsächlichen Lagerbedingungen. Kunden lesen ihn per Smartphone aus und geben an, wie lange der Transport zum Kühlschrank dauert. Die App berechnet dann das DHD, das auch auf digitalen Preisschildern angezeigt werden kann.

Zu gut für die Tonne

Für die Aktion „Kostbares retten“ ist Discounter Penny in diesem Jahr mit dem Bundespreis „Zu gut für die Tonne!“ ausgezeichnet worden. Auf Molkereiprodukten erinnert Penny mit Hinweisen dauerhaft daran, dass Lebens­mittel häufig nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch einwandfrei genießbar sind. Sticker auf Produkten, die bald ablaufen, zeichnen zudem Preisnachlässe aus.

„Wir müssen Verzicht üben“

In seinen Bistros bringt Erich Stockhausen das Thema Food Waste ganz praktisch auf den Tisch. Die Branche könnte sich von dem Konzept des Rewe-Kaufmanns und Aufsichtsratsvorsitzenden der Rewe Group eine Scheibe abschneiden.

Interview: Ralf Kalscheur

Herr Stockhausen, Sie führen zwei Supermärkte, denen jeweils ein Bistro angeschlossen ist. Wie ist es Ihnen gelungen, in dieser Kombination Food Waste zu vermeiden?
Dazu gerne ein Beispiel: Wenn bei uns im Markt die Verpackung der Ware beschädigt ist, Joghurt bald abläuft oder eine Gurke zu Bruch geht, müssen wir die Lebensmittel abschreiben und entsorgen. Ich werfe ungern Lebensmittel weg, denn das ist Verschwendung und kostet Geld. Wir sind daher auf die Idee gekommen, einen Teil dieser Waren zu retten und in unseren im Markt integrierten Bistros zu verarbeiten. Dort wollten wir weg vom Gedanken der Systemgastronomie und Köche beschäftigen, die ihre Kompetenz in den Betrieb mit einbringen. Die Köche entscheiden morgens beim Blick in das Kühlhaus, welche der aktuell abgeschriebenen Lebensmittel wie Salat, Obst, Gemüse, Käse oder Molkereiprodukte sie für die Zubereitung von Frühstück und warmen Tagesgerichten verwenden und kombinieren können. Ein guter Koch ist froh, wenn er kreativ sein kann. Etwa die Hälfte dieser Lebensmittel können wir auf diese Weise weiterverarbeiten, ein weiterer Teil geht an die Tafeln, nur der Rest wird vernichtet.

Sind Sie Vorreiter für dieses Konzept in der Branche? Eignet es sich gar, um ein junges, Nachhaltigkeitsaspekten gegenüber besonders aufgeschlossenes Publikum gezielt anzusprechen?
Mir sind zumindest keine Nachahmer bekannt. Seit wir uns vor acht Jahren von der Systemgastronomie verabschiedet haben und abgeschriebene, aber noch einwandfreie Lebensmittel flexibel in der Küche verarbeiten können, gab es noch keine Reklamationen. Doch die Gäste kommen nicht ausschließlich, um Food Waste zu vermeiden. Sie möchten, dass es ihnen schmeckt. Es ist schwierig, das Konzept gezielt zu bewerben, weil den abgeschriebenen Lebensmitteln schnell der Ruf des Minderwertigen anhängt, auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht erreicht ist, aber bald abläuft.

Welche Rolle spielt die Anspruchshaltung der Verbraucher im Spannungsfeld von Preissensibilität, Auswahl und Food Waste?
Wir müssen unseren Kunden besser vermitteln, dass es nicht richtig ist, beim Thema Ressourcenverschwendung mit dem Finger ausschließlich auf den Handel und die Produzenten zu zeigen. Moderne Prognosesysteme erlauben es uns mittlerweile, immer präziser nur so viel zu bestellen, wie wir auch abverkaufen können. Bei Molkereiprodukten etwa beträgt die Abschriftenquote in unseren Märkten durchschnittlich nur rund 1,5 Prozent.

Was muss sich ändern, um dem Problem der ­Lebensmittelverschwendung beizukommen?
Die große Frage ist, ob der Massenkonsum dauerhaft so weitergehen kann. Wir in der Überflussgesellschaft leben leider zum großen Teil zulasten anderer, ärmerer Länder, deren Einwohner nach vergleichbarem Wohlstand streben. Darum müssen wir Verzicht üben, denn die Ressourcen sind nicht unendlich. Aber der Kunde straft es oft ab, wenn Ware nicht immer vorrätig ist, und kauft dann beim Wettbewerber. Wir beziehen beispielsweise hochwertiges Fleisch von regionalen Produzenten. Da unsere Partner keine Massentierhalter sind, können die Produkte nicht immer in konstanten Mengen vorhanden sein.

In Bremen erlaubt ein Supermarkt­betreiber Bedürftigen das Containern. Ist das eine Lösung?
Ich halte es für bedenklich, sich von Hygiene­standards zu verabschieden. In den Abfallcontainern landen ja zum Beispiel auch kühlungspflichtige Lebensmittel wie Sushi oder Molkereiprodukte. Wir können dort natürlich keine Kühlung vorhalten. Ich denke, das Thema Containern ist eher eine Randerscheinung, die kurzzeitig in der Medienöffentlichkeit steht und auf das Problem Food Waste aufmerksam machen soll. Man muss den Systemen aber die Zeit zum Wandel geben. Dieser findet ja bereits statt, auch meine Kinder nehmen mich dabei in die Pflicht.

Schlagworte: Lebensmittelhandel, Food Waste

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