Grüner Werkzeugkasten

Staatliche Regulierungen und ein verändertes Konsumverhalten verlangen von Handelsunternehmen neue Lösungen, die soziale und ökologische Aspekte integrieren. Ein Ansatz zur ­Lösung dieser Herausforderung ist die INE-Toolbox, die aktuell erprobt wird.

12.02.2019

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Die INE-Toolbox ist Bestandteil des Modellversuchs „Innovationsprojekte und Innovationskompetenz für eine Nachhaltige Entwicklung“ (InnoNE), den das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) fördert. Verantwortlich für die Entwicklung und Erprobung sind die Universität Oldenburg sowie die Helmut­-Schmidt-Universität Hamburg. Die Hochschulen betreuen die Unternehmen bis zur erfolgreichen Realisierung der Innovationsprojekte. Dabei durchlaufen die teilnehmenden Unternehmen den Innovationsprozess und geben Rückmeldungen, die zu einer stetigen Verbesserung der Toolbox beitragen.

Die INE-Toolbox umfasst sämtliche Materialien, die zur Durchführung der Innovationsprozesse erforderlich sind, wie beispielsweise Checklisten, Arbeitsblätter, Best-­Practice-Beispiele sowie Vorlagen für Arbeits- und Zeitpläne. Darüber hinaus beinhaltet sie Anleitungen zur Bildung von Innovationsteams und Durchführung der Teamsitzungen. Kurze Erklärvideos unterstützen in kritischen Phasen des Innovationsprozesses.

Der Prozess in der Praxis

Da sich Innovationen deutlich von Routinetätigkeiten unterscheiden, benötigen insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen Unterstützung, um sie erfolgreich umzusetzen. Als Innovationen gelten alle Problemlösungen, mit denen ein Unternehmen seine Ziele auf neuartige Weise erreichen möchte. Als nachhaltig sind solche Innovationen definiert, die wirtschaftlichen Erfolg durch soziale und ökologische Aktivitäten erzielen. Die INE-Toolbox dient dazu, speziell im Einzelhandel entsprechende Aktivitäten zu bestimmen und erfolgreich durchzuführen.

Im Zuge des Innovationsprozesses werden Teams mit drei bis sieben Mitgliedern zusammengestellt, denen mindestens jeweils ein Vertreter mit Fachwissen im Bereich Finanzen, mit direktem Kundenkontakt, ein Ausbilder sowie ein Mitglied der Geschäftsführung angehören. Je nach Unternehmen und Ziel des Innovationsprozesses können Mitarbeiter aus weiteren Unternehmensbereichen einbezogen werden.

Der Innovationsprozess umfasst vier Phasen:
1.) In der ersten Phase ermitteln die Mitglieder des Inno­vationsteams zunächst, welchen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Beitrag ihr Unternehmen aktuell leistet und wo es Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Zum Ende der ersten Phase wählt das Team einen bestimmten Bereich aus, der verbessert werden soll.
2.) In der zweiten Phase entwickeln die Teilnehmer ­Ideen, durch welche konkreten Maßnahmen der gewählte Bereich verbessert werden kann.
3.) In der dritten Phase erfolgen die Bewertung der Maßnahmen und die Auswahl der Idee, die realisiert werden soll.
4.) Die Umsetzung der gewählten Idee erfolgt in der vierten Phase anhand eines konkreten Arbeits- und Zeitplans.

Zu Beginn jeder Phase erhalten die Mitglieder des Innovationsteams Materialien, die ihnen helfen, die jeweiligen Leitfragen zu beantworten. So führen beispielsweise in der ersten Phase drei kurze Erklärvideos in das Thema „Nachhaltigkeit im Einzelhandel“ ein. Darauf aufbauend füllt jeder Teilnehmer eine Checkliste zur Ermittlung des Ist-Zustands aus und formuliert erste Gedanken, welche Bereiche im Unternehmen verbessert werden können. Mithilfe ausgewählter Methoden werden die Einzelergebnisse zu einem Gesamtergebnis zusammengeführt und weiterentwickelt. So ist gewährleistet, dass die weiteren Schritte stets vom gesamten Innovationsteam mitgetragen werden.

Erste Ergebnisse und Rückmeldungen
Drei Handelsunternehmen haben den Innovationsprozess bereits vollständig durchlaufen und setzen derzeit ihre mittels der INE-Toolbox entwickelten, nachhaltigen Innovationsprojekte um. Ein Unternehmen hat beispielsweise ein neues Beheizungskonzept entworfen. Durch die Verwendung nachwachsender Ressourcen konnte es seinen Ölverbrauch senken und überdies ein besseres Raumklima für Kunden und Mitarbeiter schaffen. Da sich die Kosten sukzessive amortisieren, ergeben sich zudem für das Unternehmen langfristig wirtschaftliche Vorteile. Darüber hinaus haben die teilnehmenden Unternehmen ein Mülltrennungs- und -vermeidungskonzept entwickelt oder arbeiten an der Einführung eines eigenen Nachhaltigkeitssiegels. Jüngst haben vier weitere Unternehmen die Phase der Ideenbewertung abgeschlossen; vier weitere starten gerade den Innovationsprozess.

Parallel zur Durchführung gaben die Unternehmen eine Rückmeldung an die INE-Toolbox. Dazu haben die Entwickler zwischen den einzelnen Phasen die Mitglieder aller Teams befragt, ob und inwieweit sie sich und ihre eigenen Ideen in den Prozess einbringen konnten. In allen Unternehmen war eine hohe Zustimmung festzustellen, die von Phase zu Phase weiter zunahm. Innovationsteams können somit als ein wirksames Mittel gelten, um Veränderungen im Unternehmen anzustoßen, die von allen Mitgliedern getragen werden. Ebenfalls hat sich das Fachwissen der Teammitglieder zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung verbessert.

Zudem bewerteten die Beteiligten ebenso wie die Unternehmensführung die Methoden und die Ergebnisse der einzelnen Phasen ebenso positiv wie die Teilnahme am Modellversuch generell.
Interessierte kleine und mittlere Einzelhandelsunternehmen, die in der Weser-Ems-Region, dem Elbe-Weser-Dreieck oder Ostfriesland tätig sind und ausbilden, haben die Möglichkeit, die Toolbox noch vor der für Mitte 2019 geplanten Veröffentlichung einzusetzen und von der Betreuung durch Mitarbeiter der beiden Universitäten zu profitieren. Danach wird die erprobte finale Version der Toolbox kostenlos und frei verfügbar im Internet abrufbar sein.
Anfragen zur Teilnahme beantwortet:
heubischl@hsu-hh.de

Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Nachhaltige Entwicklung als Impulsgeber für Innovationen im Handel

Nachhaltige Entwicklung bedeutet, dass heutige und zukünftige Generationen ihre Bedürfnisse befriedigen können. Es geht darum, wirtschaftliche Tätigkeiten so zu organisieren, dass einerseits größtmöglicher Wohlstand erreicht wird, ohne dabei aber andererseits die Lebensgrundlage des Menschen dauerhaft zu beeinträchtigen. Aus diesem Grund berücksichtigt nachhaltige Entwicklung nicht nur wirtschaftliche Faktoren, sondern bezieht auch soziale und ökologische Aspekte bei unternehmerischen Entscheidungen mit ein. So sollen negative soziale und ökologische Konsequenzen vermieden oder, im Idealfall, positive Beiträge geleistet werden. Folgende Trends machen das Thema „Nachhaltige Entwicklung“ für Handelsunternehmen zunehmend bedeutsam:

Verändertes Konsumverhalten
Der Anteil an bewusst handelnden Konsumenten ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 25 Prozent gewachsen. Dies zeigt sich auch an gesteigerten Umsätzen. Beispielsweise ist der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln im Jahr 2015 um fast eine Milliarde Euro im Vergleich zu 2014 auf 8,62 Milliarden Euro gestiegen. Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten belief sich im Jahr 2015 auf circa 980 Millionen Euro und liegt damit über 165 Millionen Euro über dem Umsatz im Jahr 2014.

Wachsendes Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen
Unternehmen greifen zunehmend aus eigenem Antrieb das Thema Nachhaltigkeit auf und setzen so Impulse für eine nachhaltige Entwicklung. Dies zwingt auch andere Unternehmen dazu, sich verstärkt mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Forderungen der Politik
Als Reaktion auf die Agenda 2030 hat die Bundesregierung eine Neuauflage der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie beschlossen. Diese umfasst 17 Nachhaltigkeitsziele. Das zwölfte Nachhaltigkeitsziel besagt beispielsweise, dass heutiges Konsum- und Produktionsverhalten zu „nachhaltigen Konsum- und Produktionsmustern“ weiterentwickelt werden soll. Wohlstand mit reduziertem materiellem Konsum soll unter anderem realisiert werden durch die Bereitstellung von Informationen zu „nachhaltigen“ Entscheidungen, den Zwang zur Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie durch die Fokussierung auf langlebige Produkte.

Schlagworte: Ökologie, ökosozial, Konsumverhalten

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