Die Kür zur Pflicht

Maßnahmen, die Umwelt und Ressourcen schonen sowie Arbeits- und ­Produktionsbedingungen verbessern, sind häufig mit weniger Aufwand verbunden, als viele Einzelhändler vermuten. Denn oft lassen sich schon durch überschaubare Umstellungen hohe Effizienzgewinne erzielen.

Von Eva Neuthinger 12.02.2019

© Adam121 / Stock Adobe

Richtig für Mensch und Erde – das ist die Vision von Nachhaltigkeit bei Alnatura. Für den Lebensmittelhändler bedeutet dies, den Menschen als Individuum zu fördern und gleichzeitig die Natur zu respektieren. Die Erde versteht das Unternehmen als einen lebendigen Organismus, der sich ständig entwickelt. Mit den Kunden will Alnatura auf Augenhöhe kommunizieren, sie transparent und verlässlich informieren. Der Biohändler hat das Ziel, Mitarbeitern eine Arbeit zu ermöglichen, mit der sie, so festgehalten im Nachhaltigkeitsbericht des vergangenen Jahres, „Sinnvolles bewirken“.

Die Auszubildenden, bei Alnatura übrigens Lehrlinge genannt, nehmen gleich zu Beginn an einem Seminar teil, um Vorschläge für nachhaltiges Wirtschaften im Handel zu entwickeln. „Beispielsweise haben sie schon eigeninitiativ eine Kleidertauschaktion veranstaltet oder ein ökologisches Konzept erarbeitet, das die anderen Mitarbeiter auffordert, mit Ressourcen wie Wasser, Strom und Lebensmitteln sorgfältig umzugehen“, sagt Janina Hofmann, Ausbilderin der Zentralbereiche.

Die Umwelt schonen: Dies stand auch bei der Planung des neuen Unternehmenssitzes in Darmstadt im Vordergrund. Dessen Außenfassaden wurden mit Lehm aus der Baustelle von Stuttgart 21 gebaut. Der klimaneutrale Campus verfügt über eine Geothermie- und Fotovoltaikanlage sowie über einen Erdkanal zur Vortemperierung der natürlichen Belüftung.

Das Konzept passt in die Zeit. Die Studie Konsumbarometer 2018 von Consors Finanz zeigt, dass heute fast drei Viertel der Millennials lieber weniger und dafür hochwertigere Produkte kaufen. Sie denken viel über die Nachhaltigkeit ihrer Kaufentscheidung nach. Nach einer Umfrage des Portals Statista in Kooperation mit dem Marktforschungsinstitut YouGov begrüßen es inzwischen 71 Prozent der Konsumenten, wenn sie verpackungsfrei mit eigenen Behältnissen einkaufen können. 53 Prozent verzichten, wenn möglich, auf Plastik. 51 Prozent wollen durch verantwortungsvolles Verhalten Strom und Energie sparen.

Mannigfaltige Ansatzpunkte

Nachhaltiges Handeln hat also für die Verbraucher?zahlreiche Facetten. Im Einzelhandel umschließt der Begriff die gesamte Wertschöpfungskette von der umweltbewussten und ressourceneffizienten Produktion unter menschenwürdigen Bedingungen über die Energieeffizienz in der Logistik und im Verkauf bis zur Vermeidung von Müll in der Verpackung. Für verantwortungsbewusste Einzelhändler ergeben sich daraus zahlreiche Ansatzpunkte, nachhaltig zu agieren.

„Beim Klimaschutz beispielsweise lassen sich häufig schon mit relativ einfachen Maßnahmen enorme Erfolge verzeichnen, die die Energiebilanz eines Unternehmens deutlich verbessern“, weiß Christina Höger, Projektleiterin der HDE-Klimaschutzoffensive. So investierte das Modehaus Bruns in Neuruppin 2017 in effiziente LED- Technik und spart damit fast 40 Prozent des Stromverbrauchs ein. Nahezu die Hälfte des benötigten Bedarfs des Geschäftes mit einer Verkaufsfläche von 500 Quadratmetern generiert die eigene Fotovoltaikanlage. Markisen verhindern im Sommer, dass sich die Räume zu sehr aufheizen.

„Das ermöglicht uns, auf eine teure, energieintensive Klimaanlage zu verzichten“, sagt Geschäftsführer Carlo Focke. Zudem verbannte der Textilhändler Plastiktragetaschen aus seinem Geschäft und stellte auf Papier um. Doch bevor sie eine solche herausgeben, fragen die Kassierer die Kunden, ob sie tatsächlich eine Tüte benötigen. Stammkunden erhalten einen Stoffbeutel mit Firmenschriftzug als Geschenk.
„Über die LED-Beleuchtung und die Tragetaschen kommen wir mit den Kunden schnell ins Gespräch. Alle begrüßen unsere schrittweise Umstellung. Wir zeigen den Verbrauchern, dass wir ein modernes Unternehmen sind“, unterstreicht Focke. In den sozialen Medien sowie in der Tageszeitung kommuniziert er seine Maßnahmen. „Das ist eine gute Strategie“, bestätigt Projektleiterin Höger: „Jeder kleine Schritt zählt.“

Auf dem Weg der permanenten Verbesserung ist auch die Firma Lanius in Köln, die seit 20 Jahren nachhaltige Damenoberbekleidung verkauft. Lanius gilt als Pionierlabel. „Wir haben eine gewisse Vorbildfunktion inne“, sagt Geschäftsführerin Claudia Lanius. Sie gehört zu den wenigen mittelständischen Unternehmen, die am Textilbündnis teilnehmen – ein Verbund von rund 130 Vertretern aus Handel, Industrie, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen. Die Partner setzen sich für ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Textillieferkette ein. Das ist für sie mit hohem Aufwand verbunden.

Konkrete Ziele formulieren

„Für viele der beteiligten Unternehmen ist die Formulierung konkreter Ziele ein hartes Stück Arbeit. Um eine entsprechende Roadmap aufzusetzen, müssen sie die Lage in den Herstellerländern genau sondieren, also eine Art Grundlagenforschung betreiben“, erläutert Lanius. Dank diverser, bereits erlangter Zertifizierungen sei die Ausgangslage für ihr Unternehmen jedoch deutlich einfacher als für jene Bündnispartner, die sich zum ersten Mal mit dem Thema befassten.

Für die Geschäftsführerin ist verantwortliches Handeln hingegen fest in ihrem Denken verankert. So startete sie Ende vergangenen Jahres unter dem Schlagwort #Noplastic eine Initiative gegen Plastikmüll. Mit 13 anderen Modeunternehmen und Organisationen entwickelt Lanius seitdem nachhaltige Verpackungsalternativen. Ziel ist es, die Vermüllung der Meere einzudämmen sowie die Entstehung von unnötigem Abfall aus fossilen Rohstoffen zu verhindern. Zur Nachahmung empfohlen…


Geballtes Know-how

Energieberater, Verbände, Einkaufs­gemeinschaften – wo Einzelhändler, die sich nachhaltig engagieren wollen, professionelle Unterstützung erhalten:

HDE-Klimaschutzoffensive
Auf der Onlineseite der Klimaschutz­offensive des HDE können Einzelhändler auf einer virtuellen Marktstraße Schwachstellen in Sachen Energieeffizienz in ihrem Unternehmen ermitteln. Check­listen, Flyer, Broschüren sowie Ansprechpartner unterstützen sie dabei, Energie und­ ­Kosten zu sparen. Zudem können Interessierte Energieberater in ihrer Region recherchieren, die sich mit der Technik im Einzelhandel sowie den organisatorischen Abläufen auskennen. Ausführliche Informationen finden Sie hier.

Regionalverbände
Auch der örtliche Einzelhandelsverband kann Ansprechpartner vermitteln. Dort sitzen ebenfalls Experten, die Unter­nehmer bei der Planung und der Umsetzung ihrer Projekte unterstützen. Weitere Informationen  finden Sie hier.

Nachhaltigkeitsbroschüre
Eine umfassende Broschüre des HDE zum Nachhaltigkeitsengagement des Handels mit vielen Beispielen aus der Praxis steht zum Download bereit unter: einzelhandel.de/nachhaltighandeln

Einkaufsgemeinschaften
Gerade für kleine und mittlere Einzel­händler ist es oft ein enormer Kraftakt, die Produktionsbedingungen der Hersteller zu ermitteln. Im Team lässt sich erfahrungsgemäß vieles leichter erreichen.

Industrie und Handelskammern
Nachhaltiges Handeln ist heute ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Wer sich hier nicht aktiv zeigt, geht als Einzelhändler ein hohes Risiko ein. Die Berater der IHK geben ebenfalls Hilfestellung – in Workshops, Seminaren oder Einzelgesprächen.

Schlagworte: Nachhaltigkeit, HDE-Klimaschutzoffensive, Umweltschutz, Ressourcenschutz, Effizienzgewinne

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