Interview

„Wir müssen vom Denken ins Handeln kommen“

Der Klimawandel stellt die Welt vor ungekannte Herausforderungen. Welche Verantwortung daraus für die Wirtschaft erwächst, darüber diskutiert der CEO von GS1 Germany, Thomas Fell, mit Klaus Wiegandt.

Von Mirko Hackmann 13.04.2020

© Alexandra Lechner

Thomas Fell mit Klaus Wiegandt

Herr Wiegandt, dass Eigentum verpflichtet, schreibt das Grundgesetz vor. Doch in den vergangenen Jahrzehnten ging es in der Wirtschaft vorrangig um Wachstum und Wertschöpfungssteigerung. Was bedeutet im Jahr 2020 unternehmerische Verantwortung für Sie?

Wiegandt: Kein Unternehmer oder Manager darf heute mehr ignorieren, dass unsere wirtschaftlichen Aktivitäten die Balance des physikalischen Systems Erde massiv gefährden. Darum müssen wir zügig verbindliche Leitplanken einziehen, an denen wir unser Handeln orientieren. Wenn wir den richtigen Zeitpunkt verpassen, hat das ernste Konsequenzen für die Zukunft der Menschen auf diesem Planeten. Insofern gibt es keine wichtigere Aufgabe für Führungskräfte, als sich dieser Verantwortung zu stellen.

Über die Grenzen des Wachstums diskutiert die Welt bereits seit den 1970er-Jahren. Ist das Thema aktuell lediglich en vogue oder hat sich unter Unternehmenslenkern tatsächlich ein Bewusstseinswandel vollzogen?

Wiegandt: Als ich vor 20 Jahren aus dem Wirtschaftsleben ausgeschieden bin, scherten sich Führungskräfte überhaupt nicht darum, dass wir unsere Meere als Mülldeponien benutzen und die Atmosphäre durch Emissionen zerstören. Mittlerweile ist die Haltung eine andere. Es mag manche geben, die auf Nachhaltigkeit setzen, weil sie fürchten, ansonsten von ihren Kunden abgestraft zu werden. Doch die Zahl jener, die aus tiefer Überzeugung handeln, nimmt meiner Beobachtung nach zu. Umweltethik avanciert zu einer treibenden Unternehmensgröße. Die „Fridays for Future“ haben einen wichtigen Anteil an diesem Bewusstseinswandel; Greta ist ein großer Segen für uns.

Herr Fell, mit GS1 Germany arbeiten Sie an der Schnittstelle zwischen Kunden, Handel und Industrie. Wie haben sich die Erwartungen der Verbraucher an Unternehmen in den vergangenen Jahren verändert?

Fell: Die Einstellung zu den Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility hat sich mit Sicherheit gewandelt – auch wenn das tatsächliche Konsumverhalten oft noch hinterherhinkt. Nun geht es darum, vom Denken ins Handeln zu kommen. Dass mittlerweile auch Discounter bezahlbare Bio-Alternativen anbieten, birgt jedoch Grund zur Hoffnung. Dumpingpreise, wie von den Grünen vorgeschlagen, gesetzlich zu unterbinden, halte ich jedoch nicht für zielführend. Reine Verbotspolitik bringt nichts. Das wirkmächtigste Regulativ ist immer noch der Verbraucher mit seinen Kaufentscheidungen.

Allein den Konsumenten die moralische Last aufzubürden, greift aber womöglich auch zu kurz. Was können Unternehmen tun, um ihrer Verantwortung in der Praxis gerecht zu werden?

Fell: Die globalisierte Wirtschaftswelt bringt es mit sich, dass die Rahmenbedingungen für die Unternehmensführung deutlich volatiler, ungewisser, komplexer und mehrdeutiger als früher sind. Parallel gilt es, die ökologische und die technologische Transformation zu meistern. Wir müssen die Frage beantworten, wie wir vor dem Hintergrund schwindender Ressourcen auf den exponentiell beschleunigten Technologiewandel adäquat reagieren.

Haben es Manager heute wirklich so viel schwerer als zu Ihren Zeiten, Herr Wiegandt?

Wiegandt: Seit den 1980er-Jahren hat es tatsächlich erhebliche Veränderungen gegeben, die zu einer gravierenden Zunahme der Komplexität geführt haben. Es begann mit der Globalisierung, die plötzlich alle Wertschöpfungsketten auf den Kopf stellte. Mit dem Fall der Mauer endete dann abrupt der Wettbewerb zwischen den Systemen. So konnte sich ein völlig entfesselter Kapitalismus Bahn brechen. Real- und Finanzwirtschaft entkoppelten sich – und letztlich endete alles in einem riesigen Crash, für den die Steuerzahler aufkommen mussten. Fragen der Nachhaltigkeit spielten bei diesen Entwicklungen kaum eine Rolle.

„Junge ­Mitarbeiter achten mittlerweile sehr ­darauf, ob die Werte, die ihnen selbst wichtig sind, auch in ihrem Unternehmen von Bedeutung sind.“

Thomas Fell

Brauchen wir also ein neues Wirtschaftssystem, um die Welt zu retten?

Wiegandt: Auch wenn manch Linker die Abschaffung des Kapitalismus fordert, denke ich nicht, dass wir eine neue Wirtschaftsordnung benötigen. Wir müssen die richtigen Rahmenbedingungen setzen und unser erfolgreiches System der Sozialen Marktwirtschaft um eine ökologische Komponente erweitern. Im Augenblick gibt es meiner Überzeugung nach kein besseres Wirtschaftsmodell als eine Ökosoziale Marktwirtschaft.

Welche Unternehmenswerte brauchte es, um eine solche Ökosoziale Marktwirtschaft durchzusetzen?

Fell: Die zunehmende Volatilität, Komplexität und Mehrdeutigkeit, verbunden mit rasantem technologischem Fortschritt, führen dazu, dass klassisch hierarchische Unternehmensstrukturen zum Scheitern verurteilt sind. Unter den genannten Anforderungen müssen Entscheidungen schnell und daher häufig von den Mitarbeitern eigenständig getroffen werden. Dazu braucht man eine Unternehmenskultur, die auf Vertrauen und Verantwortung ausgerichtet ist, und muss zudem für das notwendige Wissen und eine überzeugende Vision sorgen. Viele junge Mitarbeiter achten mittlerweile sehr darauf, ob die Werte, die ihnen selbst wichtig sind, auch in ihrem Unternehmen von Bedeutung sind.

Gleichwohl laufen Unternehmen, die bei den Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz freiwillig vorangehen, Gefahr, an Rentabilität einzubüßen und nicht mehr konkurrenzfähig zu sein …

Wiegandt: Bei einer Umfrage der UNO unter den CEOs der tausend führenden Unternehmen der Welt forderten 90 Prozent der Befragten härtere Vorgaben von der Politik, um mehr Nachhaltigkeit durchsetzen zu können, ohne an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen. Der entscheidende Schritt wäre, mit der Internalisierung der Kosten Ernst zu machen, also sämtliche ökosozialen Folgekosten in das Wirtschaftlichkeitskalkül des Verursachers einzubeziehen. Nur so gelangen wir zu ökologisch wahren Preisen mit entsprechender Lenkungswirkung. Da wir uns bei der Preisbildung von der Wirklichkeit extrem weit entfernt haben, muss dies schrittweise geschehen. Denn es nutzt uns nichts, wenn wir die Umwelt retten und dabei die Wirtschaft und den sozialen Frieden zerstören. Zur Wahrheit gehört auch, dass wir in der Vergangenheit viel zu viele Menschen nicht angemessen an den Erträgen unseres Wirtschaftssystems beteiligt haben.

Das Thema Klimaschutz scheint die Gesellschaft massiv zu spalten: Während die einen lautstark Untätigkeit monieren, sprechen andere von Hysterie und feinden Klimaschützer an.

Fell: Der Riss geht ja nicht allein durch die Gesellschaft, sondern reicht vielfach bis in die Familien hinein. Wenn meine 14-jährige Tochter mir vorhält, dass ich so viel fliege, frage ich sie, warum sie den ganzen Tag auf Youtube unterwegs ist. Wer streamt, beschäftigt eine Menge Rechenzentren, die mit hohem Energieaufwand ihre Server kühlen müssen. Das ist ein Thema, das in der Diskussion kaum stattfindet. Angesichts der exponentiellen technologischen Entwicklung ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Energieverbrauch von Rechenzentren höher ist als der des weltweiten Flugverkehrs. Zugleich müssen wir uns fragen, welchen Beitrag Technologie beim Wandel zu mehr Nachhaltigkeit leisten kann. Was viele Menschen offenbar nervt, ist, am Pranger zu stehen, weil sie fliegen oder ein großes Auto fahren. Ein großer Teil der Bevölkerung tut sich schwer mit dem Verzicht: zum Teil aufgrund beruflicher Verpflichtungen, aber noch häufiger, weil viele nicht bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern.

„Viele Menschen glauben den ­ Desinformationskampagnen und empfinden die Klimadebatte deshalb als­ hysterisch.“

Klaus Wiegandt

Es ist sicher wünschenswert, seinen persönlichen Carbon Foodprint klein zu halten. Aber bräuchte es nicht statt individueller Verhaltensänderungen vielmehr eine vollständige Neuausrichtung der ökonomischen Strukturen hin auf Nachhaltigkeitsziele?

Fell: Ich glaube, wir brauchen beides. Wenn ich mein persönliches Verhalten ändere, ist das für das Klima wahrscheinlich ohne nennenswerte Relevanz. Aber es ist trotzdem wichtig, denn es verändert das Bewusstsein. Und wenn viele ihr Handeln ändern, hat das durchaus Einfluss auf politische und ökonomische Entscheidungen. Auf der anderen Seite bin ich überzeugt, dass wir auch gesetzgeberische Eingriffe brauchen, um Wettbewerbsverwerfungen auszuschließen. Wenn wir externalisierte Kosten stückweise regulatorisch integrieren, so wie es jetzt gerade stattfindet, dann geht das in die richtige Richtung. Gleiches gilt für die Recyclinganteile in Verpackungen. Um diese effektiv in den Wertstoffkreislauf zurückführen zu können, braucht es mehr Transparenz bei der Zusammensetzung von Verpackungen. Insellösungen helfen nicht weiter. Ziel muss es sein, durch Kooperation und Standardisierung die notwendigen Informationen über die gesamte Supply Chain abzubilden.

Wiegandt: Die Frage nach dem Verhältnis von persönlicher Verantwortung und der notwendigen strukturellen Neuausrichtung der Wirtschaft ist eine der entscheidendsten. Leider sind mächtige Interessengruppen am Werk, die viel zur Polarisierung der Diskussion beitragen. Weil sie noch immer sehr hohe Renditen mit nicht regenerativen Energieträgern erlösen, investieren diese Unternehmen viel Geld, um die seriöse Klimaforschung zu diskreditieren. Viele Menschen glauben dieser Desinformation und empfinden die Klimadebatte deshalb als hysterisch. Würden sie jedoch realisieren, welche Bedrohung einem ungebremsten Klimawandel tatsächlich innewohnt, würden die meisten völlig anders handeln – auch die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik. In den vergangenen Jahren drehten sich die Diskussionen immer um Dinge, die weit weg und nicht lebensbedrohend erschienen: der aussterbende Eisbär, die steigenden Meeresspiegel, die schmelzenden Gletscher. Das Thema begleitet uns also schon lange, ohne dass bislang dringender Handlungsbedarf geboten schien.

Der dem Stand der Wissenschaft nach mittlerweile unstrittig sein sollte …

Wiegandt: Ja, denn mit jedem Grad Erd-​erwärmung steigen täglich einhundert Billionen Liter Wasser mehr über den Ozeanen auf. Dieser zusätzliche Wasserdampf in der Atmosphäre führt in Verbindung mit der gestiegenen Temperatur zu einer massiven Radikalisierung des Wettergeschehens. Die Folgen für die globale Landwirtschaft werden katastrophal sein. Wenn wir nicht jetzt gegensteuern, werden spätestens ab 2070 – wenn geschätzt acht Milliarden Menschen die Erde bevölkern – Nahrungsmittel und Trinkwasser knapp. Gigantische Migrationsströme setzen sich in Bewegung; Hunderte von Millionen Menschen verhungern oder verdursten. Betroffen sein werden unsere eigenen Kinder und Enkelkinder. Aktuelle Berechnungen gehen davon aus, dass wir bei einer Erderwärmung von mehr als zwei Grad mit hoher Wahrscheinlichkeit an Kipppunkte gelangen, sodass Teile des Klimasystems kollabieren werden. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte dies zu einer Erwärmung von im Extremfall acht Grad führen. Es wäre die Hölle auf Erden ...

Wie aber lässt sich der Klimawandel eindämmen, ohne die Wirtschaft abzuwürgen und den sozialen Frieden zu gefährden?

Wiegandt: Als Erstes müssen wir die Schwellen- und Entwicklungsländer zu einem Stopp der Abholzung und des Abbrennens der Regenwälder bewegen. Allein dadurch hätten wir in den vergangenen fünf Jahren jährlich CO₂-Emissionen in Höhe von 4,7 Milliarden Tonnen verhindern können. Doch der Export von Soja, Palmöl, Rindfleisch oder Edelhölzern ist für die Wirtschaft dieser Regionen ein wichtiger Faktor. Um den Wald zu erhalten, müssten die Industrienationen bereit sein, diesen Ländern für den Verzicht auf die wirtschaftliche Nutzung ihres Regenwaldes den jährlichen Ertragsausfall zu ersetzen. US-Wissenschaftler beziffern diese Summe auf jährlich rund 50 Milliarden US-Dollar. Unser Anliegen ist es, die Zivilgesellschaft zu mobilisieren und den Menschen klarzumachen, dass es immer noch einen sozial verträglichen Weg gibt, uns rechtzeitig in die Null-Emissionszeit zu führen. Dazu muss zum einen der Klimavertrag von Paris voll erfüllt werden. Zusätzlich aber brauchen wir klimarelevante Waldprogramme, die in der Summe die globale CO2-Bilanz um jährlich sieben bis zehn Milliarden Tonnen verbessern. Diese Programme liegen mit dem Aufforstungsprogramm „Bonn Challenge“ und der Abholzungsstoppinitiative „New York Declaration on Forests“ unter dem Dach der UNO vor. Im Rahmen der Bonn Challenge sollen 350 Milliarden Bäume in den Tropen und Subtropen gepflanzt werden. Die Gesamtkosten für Abholzungsstopp und Aufforstung betragen auf 20 Jahre berechnet rund 140 Milliarden US-Dollar per anno.

Fell: Ich finde die Idee bestechend. Wenn wir durch Aufforstungen, verbunden mit einem Abholzungsstopp, Zeit erkaufen können, um den Umbauprozess der Weltwirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit voranzutreiben, ist das hervorragend investiertes Geld. Entscheidend ist, die Zivilgesellschaft für das Thema zu gewinnen, sodass bei der kommenden Bundestagswahl keine Partei mehr daran vorbeikommt. Der Zeitpunkt ist günstig, die Menschen sind inzwischen für das Thema ausgesprochen sensibilisiert. Bereits vor mehreren Jahren merkte der ­Meteorologe Mojib Latif zu Recht an, dass wir das ­­Klima, wenn es eine Bank wäre, schon längst gerettet hätten. Stellt man sich die notwendigen Summen tatsächlich einmal im Vergleich vor, kommt einem unweigerlich die Frage in den Sinn, warum nicht längst mehr geschehen ist, um das Klimaproblem zu lösen.

Über Ihre Stiftung „Forum für Verantwortung“ wollen Sie Mitstreiter gewinnen, die sich mit Ihnen gemeinsam für einen raschen Start der UN-Waldprogramme einsetzen. Was ist der Stand der Dinge?

Wiegandt: Unser Ziel ist es, dafür zu werben, dass die Politik endlich die für die beiden Programme benötigten Mittel bereitstellt. Ihre Umsetzung würde uns mehr Zeit verschaffen für den sozial verträglichen Umbau der Wirtschaft im Sinne der Klimaschutzpolitik. Dies der Öffentlichkeit bekannt zu machen, ist die Absicht einer jüngst gegründeten Plattform. Träger sind die Stiftung „Forum für Verantwortung“, die Asko Europa-Stiftung, der WWF Deutschland, Plant-for-the-Planet sowie der Senat der Wirtschaft. Mit unserer auf drei Jahre angelegten Kommunikationskampagne „Wälder für die Welt“ wollen wir die Bevölkerung über die Bedeutung der tropischen Wälder für den Klimaschutz aufklären. Dafür benötigen wir ein Jahresbudget von fünf Millionen Euro. Derzeit sind wir dabei, diese Finanzmittel von Unternehmen einzuwerben. Aktuell bin ich mit zahlreichen Industrie­unternehmen und einem großen Sportverband im Gespräch und guter Hoffnung, dass wir die Summe bald beisammen haben werden und noch in diesem Jahr mit der Kampagne starten können. Wir freuen uns über jeden Mitstreiter. 

Klaus Wiegandt wurde 1939 in Stettin geboren. Nach seinem Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg war er in verschiedenen Unternehmen tätig. Mit der Fusion von Asko mit Metro/Kaufhof wurde er Vorstandssprecher des neuen Großkonzerns Metro AG. Im Alter von 60 Jahren legte Wiegandt den Vorstandsvorsitz nieder und engagiert sich seither in der Nachhaltigkeitsdebatte. Im Jahr 2000 gründete der Herausgeber zahlreicher Bücher zu diesem Thema die Stiftung „Forum für Verantwortung“. Weitere Informationen zur Stiftung sowie zur Initiative „Wälder für die Welt“ unter: forum-fuer-verantwortung.de

Thomas Fell, 1968 geboren, ist seit 2017 Geschäftsführer von GS1 Germany GmbH, bekannt für den EAN-Barcode und die Kooperation zwischen Industrie und Handel. Als anerkannter Retailexperte treibt Fell die Standardisierung im E-Commerce und in weiteren Industrien voran – unter Berücksichtigung innovativer Technologien wie Blockchain oder Internet of Things. Zuvor war Fell unter anderem Bereichsvorstand Retail bei Diebold respektive Wincor Nixdorf sowie Geschäftsführer bei IBM. Weitere Informationen unter: gs1.de

Schlagworte: Interview

Kommentare

Ihr Kommentar