Nachhaltigkeit

Im Innovationsdreieck

Durch Kooperationen auf die ersehnte Überholspur zu wechseln, ist gar nicht so einfach. Aldi zeigt durch die Zusammenarbeit von Corporate, Start-up und externem Accelerator, wie das Manöver gelingt, den Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit zu meistern.

Von Nadine Filko 01.09.2020

© Aldi Süd

Kreislaufwirtschaft: Mit dem Accelerator TechFounders als Kataly­sator bringt Aldi nachhaltige Lösungen von Start-ups zur Marktreife.

Transformation findet nicht allein auf der abstrakten Ebene elektrischer Impulse und Bits statt. Im Fall von Aldi Nord und Aldi Süd steht sie für einen Fokus auf Nachhaltigkeit. Durch die „Aldi Verpackungsmission“ soll der Materialeinsatz bei Verpackungen bis 2025 um 30 Prozent reduziert werden. Um das zu erreichen, gehen die Discountriesen neue Wege, die sie über die Konzerngrenzen hinausführen.

Denn mit seiner Transformation in Richtung Nachhaltigkeit bedient Aldi nicht allein die Bedürfnisse einer neuen Generation von Konsumenten. Das Unternehmen spricht damit auch eine Generation junger Entrepreneure an, die mit ihren nachhaltigkeitsorientierten Start-ups mehr als bloße Gewinnmaximierung anstreben. Doch wie zusammenkommen?

„Als Unternehmen, für das die Kooperation mit Start-ups relativ neu ist, war es uns wichtig, auf die Expertise eines externen Partners zurückzugreifen“, erinnert sich Kristina Bell, Group Buying Director bei Aldi Süd und verantwortlich für Qualitätswesen und Corporate Responsibility, an den Anfang ihrer Zusammenarbeit mit Start-ups. Diese Expertise hat der Konzern beim Accelerator-Programm TechFounders der Early-Stage Venture Capital-Gesellschaft UnternehmerTUM gefunden.

Seit Januar 2019 unterstützt TechFounders Aldi bei der Identifizierung passender Start-ups und bereitet diese in einem 20-wöchigen Programm auf die Skalierungsphase und die nächste Finanzierungsrunde vor. Mit vier verschiedenen Start-ups hat Aldi seit dem vergangenen Jahr Pilotprojekte umgesetzt. Im Juli hat das Unternehmen zudem die bereits vierte Innovationsrunde gedreht. Dabei scheint die Arbeit im Innovationsdreieck ein Erfolgsgarant zu sein. Denn erste Ideen – wie ein essbarer Trinkhalm von Wisefood – sind bereits heute in den Aldi-Filialen zu finden.

Brücken bauen zwischen den Partnern

Die Zusammenarbeit mit Start-ups im Rahmen eines Accelerators ist ressourcenintensiv. Der notwendige Aufbau eines umfangreichen Netzwerks und grundlegender Strukturen hat Aldi daher an TechFounders outgesourct. Dessen Experten bringen weitreichende Erfahrungen in Start-up-Scouting und -Entwicklung mit.

Die Initiative UnternehmerTUM des Zentrums für Innovation und Gründung an der Technischen Universität München blickt mittlerweile auf sechs Jahre Erfahrung in der Anbahnung von Kooperationen zwischen vielversprechenden globalen Start-ups und etablierten Unternehmen zurück. TechFounders bietet einen entscheidenden Vorteil, der für Kooperationen dieser Art überlebenswichtig ist: Er steht als neutraler Mediator zwischen den häufig sehr unterschiedlichen Partnern und baut Brücken, wo sich kulturelle Hindernisse auftun. Eine Expertise, die schnelle Erfolge verspricht.

„Als Auftraggeber sollte man ein großes Innovationsinteresse mitbringen und den Bedarf, Pilotprojekte mit Start-ups zu initiieren, um Innovationen zu testen“, sagt Miki Yokoyama, Managing Partner bei TechFounders. Zudem muss der Kooperationspartner des Accelerators mindestens 500 Millionen bis eine Milliarde Euro Umsatz erwirtschaften, um Pilotprojekte tatsächlich stemmen zu können.

Für innovationshungrige Unternehmen stellt TechFounders eine ganze Reihe von Ressourcen zur Verfügung, um die vielversprechendsten Geschäftsmodelle der Start-ups weiterzuentwickeln. Neben Coaching, 25.000 Euro Projektbudget und Büroräumen erhalten Gründer Kontakt zu Mentoren sowie Zugang zu einer Hightech-Werkstatt. Wer aber in den Genuss des Accelerator-Pakets kommen möchte, muss sich zunächst einer Expertenjury von Aldi und TechFounders stellen.

„Nur durch Offenheit können Trends frühzeitig identifiziert und Potenziale schnell ausgeschöpft werden.“

Nora Verfürth, Director Corporate Responsibility Quality Assurance International bei Aldi Nord

Vor allem die gute Idee zählt

Ob etablierter Jungunternehmer oder vollkommener Neuling, ist für den Discounter nicht entscheidend. Was zählt, ist die Idee. Wer eine gute mitbringt, dem eröffnet der Handelskonzern jene Chance, die für Gründer oft über Erfolg oder Misserfolg entscheidet: Marktzugang. „Mit unserem Vertriebsnetz bieten wir Start-ups eine einzigartige Möglichkeit, ihre Produkte einer breiten Käuferschaft anzubieten“, erklärt Nora Verfürth, Director Corporate Responsibility Quality Assurance International bei Aldi Nord.

Dabei geht die Zusammenarbeit mit den Start-ups oft über das Accelerator-Programm hinaus. „In der Regel schließen wir individuelle Kooperationsverträge“, ergänzt Verfürth. Ein Start-up, mit dem Aldi die Zusammenarbeit weitergeführt hat, ist beispielsweise Cyclic Design. Der Prototyp ihrer wiederverwendbaren Kosmetikflasche wurde bis zur Marktreife gebracht und soll bald in den Aldi-Filialen zu haben sein.

Vertrauensbasis aufbauen

Eine weitere Idee, die die Aldi-Jury überzeugt hat und gemeinsam mit dem Lebensmitteldiscounter zur Marktreife gebracht wurde, hat das Start-up Ogata entwickelt. Für das junge Unternehmen bot die Kooperation mit Aldi und TechFounders den idealen Nährboden, um gemeinsam einen sogenannten Proof of Concept zu schaffen – einen Beweis für die Tragfähigkeit ihrer Tasche JohnJohn.

„Es ging uns in der Zusammenarbeit vor allem darum, gemeinsam mit Aldi beziehungsweise dessen Lieferanten das Produkt hinsichtlich Marktreife, Material, Supply Chain und Sicherheit final zu entwickeln“, erklärt Cornelius Voss, Managing Partner bei Ogata. Die Beziehung zwischen Unternehmen und Start-up hat dabei laut dem Gründer nicht zuletzt deshalb so gut funktioniert, weil TechFounders es vermochte, Vertrauen zwischen den Partnern aufzubauen.

Eine Basis, die auch für Aldi bei der Wahl der Kooperationsform wichtig war. Denn Vertrauen schafft Offenheit. „Und nur durch Offenheit“, erklärt Verfürth, „können Trends frühzeitig identifiziert und Potenziale, die sich für das eigene Geschäftsmodell ergeben, schnell ausgeschöpft werden“. ●

Eine Tasche als Botschafterin

JohnJohn ist eine wiederverwendbare Tragetasche für den Einzelhandel, die sich auf dem Rücken tragen lässt und die Hände der Kunden damit von den Lasten des Alltags befreit. Sie ist in diversen natürlichen oder recycelten Materialien sowie in verschiedenen Farben erhältlich und kann mit dem Logo oder der Botschaft eines Unternehmens bedruckt werden. Als nachhaltiges Verpackungsmittel animiert JohnJohn zudem zu einer höheren Wiederverwendung als andere Tragetaschen. So soll sie den Werbe- und Markenwert der einsetzenden Unternehmen nachhaltig steigern.

Start-up:  Ogata

Gründer: Dennis Rasch, Cornelius Voss

Produkt: JohnJohn

Geschäftsmodell:  Ausgabe von Design-Lizenzen

Transformation durch: Nachhaltigkeit

Interessant für Branchen mit hohen Kundenfrequenzen und hohem Umsatz an Produkten

john-john.de

Wie Start-ups von Aldis Förder­programm und vom Zugang zum Vertriebsnetz des Discounters profitieren und welche innovativen Impulse das Unternehmen durch die Zusammenarbeit erhält, erklären Kristina Bell, Group Buying Director bei Aldi Süd, und Nora Verfürth, Director Corporate Responsibility Quality Assurance International bei Aldi Nord, im Interview hier auf handelsjournal.de.

Schlagworte: Nachhaltigkeit, Aldi, Start-up

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