Transformation 2020

Handel for Future

Der Handel ist gut beraten, Umweltthemen aufzugreifen und sich als Treiber des ökologischen Wandels zu positionieren. An unterstützenden Impulsen aus Politik, Forschung und der Start-up-Szene mangelt es nicht. Wie Kooperationen gelingen können.

Von Josefine Köhn 10.03.2020

© ACUD

Für eine Alltagskultur der Nachhaltigkeit: Das Start-up „Bis es mir vom Leibe fällt“ will aufzeigen, wie Dinge durch Reparatur und Veränderung weiter genutzt und wiederverwertet werden können.

Das Konzept der Nachhaltigkeit setzt auf Wiederverwertung. Auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Treiber für höhere Umsatzzahlen. Aber muss die Transformation hin zu einer sozial verträglichen und umweltbewussten Gesellschaftsordnung tatsächlich im unauflösbaren Konflikt zu unserem Wirtschaftssystem stehen? Tatsache ist, dass 79 Prozent der Verbraucher nachhaltig leben wollen. Dies zeigt eine gemeinsame Befragung von YouGov und Statista. Demnach stehen Repair-Cafés, Unverpackt-Läden und Upcycling hoch im Kurs.

„Um sich langfristig am Markt zu behaupten, ist es unausweichlich, nachhaltig zu wirtschaften. Verbraucher werden zunehmend kritischer und fordern konkrete Handlungen von Unternehmen“, sagt Maje König, Senior Project Manager Sustainable Products bei der Otto Group. Deshalb sei verantwortliches Handeln Teil der DNA bei Otto – und das seit mehr als 30 Jahren. Zu den Initiativen des Konzerns zählt etwa die B2C-Kampagne „Platz schaffen mit Herz“, über die Endkonsumenten ordentlich erhaltene Altkleider für einen guten Zweck spenden können.

Auch andere große Handelsketten reagieren: C&A fördert mit dem Accelerator „Fashion for Good“ bereits seit 2017 Start-ups, die nachhaltige Konzepte für die Modebranche entwickeln. Mediamarkt testet an zehn Standorten Recyclingboxen für gebrauchte Smartphones, und bei H&M bekommen Kunden 15 Prozent Rabatt auf ein neues Kleidungsstück, wenn sie eine Tüte Altkleider abgeben.

Immerhin schärften solche Aktionen innerhalb einer höchst konsumorientierten Zielgruppe das Bewusstsein dafür, dass man nicht alles wegwerfen müsse, sondern auch zurückgeben könne, meint Friederike von Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institutes (BDI). Eine Lösung des Gesamtproblems sieht sie jedoch darin nicht. Denn trotz, zumindest in Deutschland, flächendeckend aufgestellten Altkleiderboxen und dem Faible der Fridays-for-Future-Generation für Second-Hand-Läden überschwemmt der übermäßige Fashionkonsum auch diesen Bereich. Von Wedel-Parlow: „Wir haben so viele Altkleider, dass nichts mehr dafür gezahlt wird.“ Das fertige Produkt sei heute oftmals weniger wert als die zugrunde liegenden Rohstoffe.

Ein Problem, das der Club of Rome in seiner Publikation „Grenzen des Wachstums“ bereits 1972 aufgegriffen hat. Die Diskussion darüber, inwieweit die wachsende Weltbevölkerung, der zunehmende Wohlstand und das damit einhergehende Konsumverhalten mit den begrenzten Ressourcen der Erde vereinbar sind, wird also bereits seit fast fünf Jahrzehnten geführt. Doch mit wachsendem Druck scheint jetzt tatsächlich Schwung in die Sache zu kommen: So haben unter der Federführung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, mehrere große Unternehmen – darunter Henkel, Covestro, Deutsche Post DHL, SAP, Daimler, BMW, Hochland, Kaufland und Lidl – 2019 die „Circular Economy Initiative Deutschland“ gegründet. Ziel ist es, das Wirtschaftswachstum mithilfe zirkulärer Prozesse vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln.

„Um sich langfristig am Markt zu behaupten, ist es unausweichlich, nachhaltig zu wirtschaften.“

Maje König, Senior Project Manager Sustainable Products, Otto Group

Bei Otto werden dazu neue „Circular Business Models“ ausgebaut, die es Kunden erleichtern, nicht mehr benötigte Produkte in den Kreislauf zurückzuführen, sei es über Recommerce-Angebote oder Repair-Services. „Mit Otto Now besteht zudem die Option, Produkte von vornherein lediglich zu mieten, anstatt zu kaufen“, sagt König. Darüber hinaus müsse „das Thema Kreislaufwirtschaft vor allem zukünftig beim Designprozess von Produkten berücksichtigt werden“. Heißt: In Ergänzung zum Einsatz recycelter Materialien muss auch die Recyclingfähigkeit gesichert sein.

Und das ist nicht einfach: Zwei Jahre dauerte es, bis etwa Lidl eine recycelbare Druckpaste für seine Cradle-to-Cra-​dle-zertifizierten Pyjamas aus Eigenproduktion entwickelt hatte, die seit Oktober 2019 zum Sortiment zählen. „Bis zum kleinsten Pigment wurde jeder Inhaltsstoff untersucht und auf Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit geprüft“, erinnert sich von Wedel-Parlow, die mit dem BDI den Prozess begleitete. Lidl habe viel investiert, mit dem Ziel, einen Pull-Effekt für andere große Unternehmen auszulösen. „Wir wollten zeigen, dass es möglich ist, auch im unteren Preissegment – durch Skalierung – nachhaltig zu produzieren.“

Genau hier sieht die Gründerin des Beneficial Fashion Institutes die große Chance für den Einzelhandel. Ein Bewusstsein für die richtigen Werte sei die beste Grundlage für einen festen Platz auf dem Markt. Kreislaufwirtschaft werde das Thema der Zukunft sein. „Noch gibt es hier viel Raum und Luft, sich positiv zu platzieren.“

Start-ups werden dabei eine wichtige Rolle spielen, da sie als Pioniere mit Herzblut an ganzheitlichen Lösungen arbeiten, Möglichkeiten sichtbar machen – und damit einen Kulturwandel anstoßen. Recolution, eines der ersten nachhaltigen Fashion-Start-ups aus Deutschland, plant ab 2020 regionale Green City Hubs. „Das sind neuartige Concept Stores, die als Kommunikations- und Experimentierräume dienen und in denen Formen nachhaltiger Lebens- und Konsumansätze in der Stadt entwickelt werden“, erklärt Gründer Robert Diekmann.

Pioniere für den Wertewandel

Raphael Fellmer, Gründer des Ökomarkts SirPlus, ist überzeugt, dass dank seiner Idee, überschüssige Lebensmittel zu reduzierten Preisen zu verkaufen, das Thema Lebensmittelverschwendung bei den Konsumenten und im Handel mittlerweile viel präsenter ist. „2020 werden wir weitere Produkte entwickeln, etwa für Obst und Gemüse, das normalerweise aussortiert wird, weil es nicht der Norm entspricht.“ Auch Benjamin Otto, Unternehmer und Mitglied des Aufsichtsrates der Otto Group, hat investiert.

„Neue Geschäftsmodelle aufzubauen, ist stets mit Investitionen verbunden“, weiß Nachhaltigkeitsmanagerin Maje König. Es gelte, die richtigen Partnerschaften zu schließen, um zurückgegebene Produkte als Werte und Rohstoffe für neue Produkte zu verstehen. „Nur wenn das gelingt, können wir tatsächlich von einer Kreislaufwirtschaft sprechen.“ ●

Fünf Start-Ups, die auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen

Polyce

Ein Recyclingpartner für die Zukunft? Dieses von der EU geförderte Projekt arbeitet an einem Kreislaufmodell für Plastik. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Sammeln und Recyceln von Plastik in Elektroabfällen. Laut EU ist Elektroschrott das am stärksten wachsende Müllproblem. polyce-project.eu

Refurbed

Der Online-Marktplatz für gebrauchte Elektrogeräte verkauft generalüberholte Produkte mit Garantie. Über ein Klubmodell wirbt das Start-up Unterstützer – und pflanzt Bäume als Dankeschön. refurbed.de

Bis es mir vom Leibe fällt e.V.

Der eingetragene Verein setzt sich für eine nachhaltige Alltags­kultur ein und zeigt, wie Dinge durch Reparatur und Veränderung weiter genutzt und wiederverwertet werden können. bisesmirvomleibefaellt.com

Right. Based on Science

Mit der Software dieses Climate-Change-Start-ups können Unternehmen ihren Beitrag zum Klimawandel berechnen. Das Ergebnis zeigt in Grad Celsius an, um wie viel sich die Erde aufgrund der eigenen Emissionen erwärmt. right-basedonscience.de

Circular.Fashion

Von den Rohmaterialien bis hin zum fertigen Kleidungsstück wird hier der gesamte Kreislauf transparent gemacht – und dient Designern und Stofflieferanten als Grundlage für Kollaboration. Über das eingenähte Label erhalten Konsumenten Zugang zum digitalen Interface und gleichzeitig Tipps, wie sie selbst das gute Stück am besten pflegen und später im Kreislauf weiterverkaufen oder recyceln können. circular.fashion

Fünf Start-Ups, die zeigen, wie nachhaltiger Handel gelingen kann

Avocadostore

Das 2010 gegründete E-Commerce-Start-up ist ein Onlinemarktplatz für die Anbieter von grünen, nachhaltigen und sozial verträglichen Produkten. Mindestens eines von insgesamt zehn Nachhaltigkeitskriterien muss erfüllt werden. avocadostore.de

Grünkunft

Ohne Plastik geht es auch: Das beweist diese junge Biomarktkette, deren Alleinstellungsmerkmal nachhaltige Verpackungen sind. Neben dem Onlineshop gibt es bereits knapp 30 Ladengeschäfte in Bayern und in Rheinland-Pfalz. gruenkunft.de

Ökoesel

Mit einem monatlichen Beitrag von 15 Euro tragen die Kunden zur Finanzierung der laufenden Kosten des Ladens bei. Dafür erhalten sie die Bioprodukte fast zum Einkaufspreis. Fleisch und Brot gibt es auf Vorbestellung, damit nichts weggeworfen werden muss. oekoesel.de

Suslet

Mit ihrem Outletkonzept wollen die Gründer zeigen, dass nachhaltige Mode nicht teuer sein muss – und so neue Zielgruppen für fair produzierte Bioklamotten begeistern. suslet.com

Etepetete

Rund 5 000 Boxen pro Woche verkaufen die Gründer dieses Start-ups gegen Lebensmittelverschwendung mittlerweile. Dabei kommt bei Etepetete nur krummes Gemüse in die Kiste, also solches, das anderswo in der Tonne landen würde. etepetete-bio.de

Schlagworte: Nachhaltigkeit, Transformation, Digitalisierung, Einzelhandel

Kommentare

  • Wolfgang Hergeth

    ????
    Antworten
    18.03.2020, 20:40 Uhr
    • Wolfgang Hergeth

      Der vorige Kommentar war ein Thumb Up Emoji.
      Antworten
      18.03.2020, 20:40 Uhr
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