Aus eigener Kraft

Einzelhändler finanzieren die Digitalisierung häufig aus ihrem laufenden Geschäft. Nicht immer ist das die günstigste Wahl. Welche Finanzierungsformen sich anbieten.

Von Eva Neuthinger 26.08.2019

© GettyImages/Dougal Waters Photography

Digitalisierung clever finanzieren.

Mobiles Bezahlen, digitale Kundendatei, professionelle Warenwirtschaft, aktiv in den sozialen Medien: Einzelhändler Achim Reps investiert bereits seit mehreren Jahren stetig in zeitgemäße Technik. Gemeinsam mit seiner Ehefrau führt er in direkter Citylage von Moers die Villa Wölkchen, ein Geschäft für Wohnaccessoires, Deko- und Geschenkartikel. „Wir werden in Magazinen und Fachzeitschriften häufig als Bezugsquelle genannt und haben deshalb nicht nur Kunden aus der Region, sondern aus ganz Deutschland. Letztere bestellen bei uns noch ganz klassisch per E-Mail, Telefon oder auch postalisch“, erklärt Reps.

In wenigen Wochen will er nun mit einem Onlineshop live gehen. „Die technischen Voraussetzungen haben wir bereits vor drei Jahren geschaffen, den Shop allerdings bewusst noch nicht freigeschaltet“, erklärt der Einzelhändler. Hintergrund: Der neue Vertriebsweg will beworben und gepflegt sein, Arbeitsprozesse müssen entsprechend angepasst werden. „Das kostet Geld und vor allem Zeit“, weiß Reps. Im Sommer dieses Jahres aber geht eine neue regionale Plattform unter Federführung der Marketinggesellschaft der Stadt Moers an den Start.

„Dort können wir mit einem Onlineshop vertreten sein und profitieren gleichzeitig von diversen Serviceleistungen vonseiten der Betreiber. Die Chance wollen wir nutzen“, erklärt Reps. Einen großen Vorteil sieht er in einer deutlichen Kostenersparnis. „Wir zahlen nur eine geringe Servicegebühr für die Teilnahme an der Plattform. Außerdem wird diese von den Anbietern vermarktet, wovon wir automatisch profitieren“, so Reps.

Förderprogramme nutzen

Bei vielen Einzelhändlern halten sich bisher, wie bei der Villa Wölkchen, die Investitionen für die Digitalisierung in Grenzen. Nach einer aktuellen Studie der Commerzbank können im Bundesdurchschnitt fast 40 Prozent der Geschäftsführer auf eine Kreditfinanzierung verzichten, wobei regional große Unterschiede bestehen. Beispielsweise sind es in Berlin mehr als die Hälfte der Einzelhändler, die Investitionen aus dem laufenden Geschäftsbetrieb finanzieren. „Nach unserer Erfahrung sind das selten Großinvestitionen ausschließlich in die digitale Infrastruktur“, sagt Kai Werner, Marktregionsleiter Ost Unternehmenskunden der Commerzbank AG.

Auch Michael Lück, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Lichtlos – Erfolgsfaktor Dunkelheit in Köln, bestätigt diese Praxis. Der Strategieberater hat sich darauf spezialisiert, mittelständische Einzelhändler bei der Prozessoptimierung und Digitalisierung zu unterstützen. „Viele meiner Kunden schichten ihre Marketingetats um oder greifen beispielsweise für ihre Omnichannel-Strategie auf Reserven und die Einnahmen des laufenden Geschäftsbetriebs zurück – zumal sie zahlreiche Förderprogramme nutzen können“, sagt Lück.

Zum Beispiel läuft noch mit Antragstellung bis Oktober dieses Jahres das bundesweite Programm unternehmensWert: Mensch plus, das der Europäische Sozialfonds und das Bundesarbeitsministerium finanzieren. Allen kleineren und mittleren Unternehmen mit bis zu maximal 250 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Bilanzsumme werden 80 Prozent der Kosten für eine Digitalisierungsberatung erstattet. Bei einem Beraterhonorar von maximal 12.000 Euro entspricht das 9.600 Euro. Darüber hinaus bieten diverse Bundesländer Innovationsgutscheine, Digitalisierungsprämien oder -boni (siehe Kasten „Zuschuss kassieren“). Sie sind beispielsweise dazu gedacht, Prozesse zu digitalisieren, Standardsoftware anzupassen oder die IT-Sicherheit zu erhöhen. „Die Programme lassen sich teilweise kombinieren“, sagt Lück. Das macht die Auswahl andererseits auch schwierig.

Leasing als Darlehensalternative

„Als Bank haben wir, insbesondere wenn es um Kreditfinanzierungen geht, den Überblick. Wir schlagen den Firmen eine passende Auswahl für das jeweilige Projekt vor“, sagt Kai Werner von der Commerzbank. Oft allerdings, so der Experte, seien die geförderten Konditionen nicht mehr unschlagbar günstig. „Bei guter Bonität passen häufig auch andere Formen der Finanzierung oder ein Mix aus verschiedenen Kreditarten besser zum Kundenbedürfnis“, weiß Werner. Voraussetzung ist und bleibt ein ausführlicher Businessplan, der das jeweilige Vorhaben beschreibt und aus dem sich die Kapitaldienstfähigkeit des Projektes ableiten lässt. „Wir brauchen die üblichen Übersichten zur Investitionsplanung sowie eine Liquiditäts- und Rentabilitätsvorschau“, erläutert Werner.

Am Projekt entscheidet sich die Art der Finanzierung. Alternativ zum Darlehen kommen bei Digitalisierungsinvestitionen häufig etwa Leasing oder Mietkauf infrage. Einzelhändler können technisch auf dem neuesten Stand bleiben und das Objekt nach Ende der Laufzeit durch ein neues ersetzen. Abgesehen davon, stehen die Anschaffungen nicht in der Bilanz des Einzelhändlers, wenn der Leasinggeber sie aktiviert. Das überzeugte auch die Inhaber der Villa Wölkchen. „Wir haben uns vor allem aufgrund der höheren Flexibilität bei unseren Anschaffungen für die Variante Leasen entschieden“, erklärt Reps. 

Zuschuss Kassieren

Digitalisierung wird massiv gefördert – von der Beratung durch einen Profi bis zur Investition. Ein Auszug aus dem Angebot von Bund und Ländern:

Go-digital

Das Programm deckt die drei Module digitalisierte Geschäftsprozesse, digitale Markterschließung und IT-Sicherheit ab. Unterstützt werden Maßnahmen sowohl zur Optimierung von Prozessen und Erschließung zusätzlicher Marktanteile durch Digitalisierung als auch zum Schutz sensibler Daten. Zielgruppe sind Unternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern und einem Vorjahres­umsatz von maximal 20 Millionen Euro. Die Förderquote beträgt 50 Prozent, bei einem Beratertagesatz von höchstens 1.100 Euro für maximal 30 Tage innerhalb von sechs Monaten.

innovation-beratung-foerderung.de

Digitalisierungsgutscheine

Beispielsweise das Land NRW bietet das Programm Mittelstand.innovativ, das kleinen und mittleren Unternehmen die Kooperation mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft ermöglichen will. Digitalisierungsgutschein A wird für eine Status-quo-Analyse des Digitalisierungsgrades im Unternehmen oder zur Erfassung des Grades der IT-Sicherheit gewährt, Digitalisierungsgutschein B für die Realisation innovativer Lösungen. Die Förderung beträgt bis zu 80 Prozent der Ausgaben, maximal 10.000 Euro beim Digitalisierungsgutschein A und 15.000 Euro in der B-Variante.

ptj.de

Digi-Zuschuss

Im Land Hessen hat Mitte Mai eine neue Förderperiode begonnen. Firmen erhalten bis zu 10.000 Euro für ihr Digitalisierungs­projekt, der Fördersatz liegt bei 50 Prozent. Das Geld fließt beispielsweise für die Anschaffung von Hard- und Software zur Digitalisierung von Betriebsprozessen, für die Implementierung einer Sicherheitslösung oder für Schulungen der Mitarbeiter durch externe Anbieter.

digitalstrategie-hessen.de

Schlagworte: Finanzierung, Digitalisierung

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