Pluralisierung der Plattformen

Beim Deutschen Handelskongress diskutiert die Branche entlang des Mottos Kunde. Macht. Handel. über die Chancen des Technologie­wandels. Doch die digitale Transformation erfordert heute schon Bündnisse von Politik, Mittelstand und Groß­unternehmen im Kampf gegen Amazon und Co.

Von Ralf Kalscheur 10.12.2018

Mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und doppelt so lange, wie im Programm vorgesehen, spricht Peter Altmaier zum Auftakt des Deutschen Handelskongresses in Berlin. Der Bundeswirtschaftsminister weiß um die große gesellschaftliche Bedeutung der Branche: „Der Einzelhandel erwirtschaftet im neunten Jahr in Folge Umsatzwachstum“, lobt Altmaier. Es sei jetzt an der Zeit, dass der Staat etwas zurückgebe und zur Stärkung des privaten Konsums „den Soli komplett abschafft“. Die digitale Transformation stelle den Handel vor große Herausforderungen. „Künstliche Intelligenz wird unsere Welt mehr verändern als alles seit der Erfindung der Dampfmaschine“, betont Altmaier. Gerade der Mittelstand brauche Unterstützung, um die Digitalisierung meistern zu können.

Beratung soll dabei das „Kompetenzzentrum Einzelhandel“ leisten, um dessen Führung sich der HDE bewirbt. „Der mittelständische Händler hier steht im direkten Wettbewerb mit den Onlineriesen, die mit ungeheurer Marktmacht, teils unter Umgehung hiesiger Verbraucherschutzstandards und Steuergesetze, rund um die Uhr den Markt aufmischen“, sagt HDE-Präsident Josef Sanktjohanser. „Wir müssen die Besteuerung des Plattformhandels endlich fair gestalten und Schlupflöcher stopfen“, stimmt Altmaier zu und appelliert an den Handelsverband, weiterhin gemeinsam mit ihm die EU-Pläne zur Plattformregulierung zu unterstützen.

Chancen von Big Data nutzen
Weil der Erfolg der Marktplätze in bequemer Kundenfreundlichkeit begründet liege, lasse sich deren Entwicklung nicht aufhalten. „Notwendig sind daher auch deutsche und europäische Plattformen“, regt der Wirtschaftsminister gemeinsame Strategien von Politik und Handel für die Stärkung einer „Pluralität der Plattformen“ an  –  zu der künftig auch ein neues Amazon für elektrifizierte Mobilität gehören könnte. Sanktjohanser wendet sich gegen aktuell drohende Fahrverbote in den Städten, die „Gift für den Handel“ sind: „Geschäfte in den Citys erleben Frequenzverluste. Da helfen nur attraktive Innenstädte, die für Kunden und Lieferanten gut zu erreichen sind.“

„Kunde. Macht. Handel.“ lautet das Motto des Handelskongresses, das die Kundenfokussierung ins Zentrum stellt. „Künstliche Intelligenz revolutioniert den Handel und ermöglicht, immer individueller auf Kundenwünsche einzugehen“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Das führt zu steigenden Erwartungen der Verbraucher.“ „Das Modell ‚One fits all‘ hat ausgedient“, greift Lionel Souque, Vorstandsvorsitzender der Rewe Group, den veranstaltungstitelgebenden Dreiklang auf. „Wir müssen unsere Märkte diversifizieren, lokal optimieren und den Kundenbedürfnissen anpassen.“

„Wir sind ein Unternehmen im Umbruch“, gibt Douglas-Chefin Tina Müller Einblick in die zahlreichen Baustellen, die die Transformation bei der Nummer eins im Beautyhandel aufreißt. „Jeder Kanal muss einzeln optimiert werden.“ Den Onlinehandel entwickelt ein separat operierendes E-Commerce-Team weiter, das Stationärgeschäft setzt verstärkt auf Einkaufs­erlebnisse und persönliche Beratung – die ganze Brand stellt Müller von der Sortimentsgestaltung über das Customer Relationship Management bis zur Neugestaltung des Logos auf den Kopf. Künstliche Intelligenz (KI) spielt in fast allen Transformationsbereichen eine Rolle.

Mehr Flexibilität für Arbeitgeber
„Angesichts der Möglichkeiten, die KI dem Handel eröffnen wird, ist die Qualität der Personalisierung und Kuration heute noch vorsintflutlich“, sagt Heiko Schäfer relativierend. Der CEO von Tom Tailor empfiehlt, den Inhalt der Kleiderschränke von Verbrauchern mit den in Newslettern ausgespielten Inspirationen zu vergleichen. „Von KI sind wir noch weit entfernt. Worüber wir heute reden, ist maschinelles Lernen“, so Jens Red­mer, Principal New Products von Google.

Fest steht, dass Handelsunternehmen Big Data verantwortungsvoll und verstärkt nutzen müssen. Dafür braucht die Branche Mitarbeiter mit digitalem Know-how. FDP-Generalsekretärin Nicola Beer gratuliert dem HDE für seine Hartnäckigkeit bei der Einführung des neuen Ausbildungsberufs E-Commerce-Kaufleute, und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil bedankt sich dafür, „dass der HDE sich dabei gegen große Widerstände durchgesetzt hat“. Er sei froh, dass der Bund jetzt gemeinsam mit den Ländern in digitale Bildung investieren könne. „Wir repräsentieren auch unterschiedliche Interessen, doch ich betrachte uns als Partner“, beschreibt Heil seine Sicht auf das Verhältnis zwischen HDE und SPD. Die Sorge vieler Menschen, die Digitalisierung könne Jobs kosten, teilt Heil nicht. Er fordert angesichts der doppelten Herausforderung von Technologiewandel und Fachkräftemangel, mehr Wert auf die Berufsorientierung an Schulen zu legen.

Josef Sanktjohanser appelliert an den Bundesarbeitsminister, der unternehmerischen Freiheit und der Gestaltungskraft der Sozialpartner mehr zu vertrauen. „Gerade in der digitalen Arbeitswelt brauchen wir mehr Flexibilität für die Arbeitgeber. Statt weiterer arbeitsrechtlicher Regulierungen warten unsere Unternehmen auf eine Flexibilisierung des Arbeitszeitrechts.“ Der HDE-Präsident warnt vor weiteren Eingriffen in die Tarifautonomie wie im Falle der Mindestausbildungsvergütung.

Um ihre Zukunftsfähigkeit im weltweiten Wettbewerb dauerhaft zu sichern, entwickeln Handelsunternehmen zunehmend mithilfe von Start-up-Laboren Innovationen. „Wir arbeiten unabhängig von der Metro, um außerhalb der Corporate-Strukturen schneller zu operieren“, erklärt Sylvia Dudek, Program Director des Metro-Accelerators, das Gründer durch Mentorenprogramme fördert. „Wir betrachten uns als Katalysator in einem Konzern“, sagt Thomas Flick, Head of Operations im Unternehmensbereich Digital Solutions der Otto Group, der  selbst Start-ups entlang der Wertschöpfungskette von Otto gründet. Angesichts immer kürzerer Innovationszyklen ist der Handel auf frische Ideen angewiesen; es besteht Nachholbedarf. „Bisher hat noch kein deutsches Handelsunternehmen in ein Einhorn investiert“, betont PwC-Handelsexperte Christian Wulff.

Schlagworte: Digitalisierung, Plattformen, Arbeitszeitrecht, Deutscher Handelskongress 2018, KI, Tarifautonomie

Kommentare

Ihr Kommentar