HDE sieht Mittelstand unter Druck

„Das Internet wird die Normalität im Handel werden.“ Mit diesem Satz prognostiziert HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth eine der wichtigsten Entwicklungen im deutschen Einzelhandel: Die Online-Erlöse steigen nach HDE-Einschätzung 2019 im Vergleich zum Vorjahr um rund neun Prozent auf 57,8 Milliarden Euro.

Von Almut Steinecke 24.04.2019

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Die Geschäftserwartungen der Handelsunternehmen verschlechtern sich, warnt der HDE.

Das Wachstum im E-Commerce ist einer der zentralen Aspekte, die Stefan Genth bei der diesjährigen Frühjahrs-Pressekonferenz des Handelsverbands Deutschland (HDE)  in Düsseldorf mit Blick auf die aktuelle Situation des deutschen Einzelhandels beleuchtet. Hierbei skizziert er ein deutliches Online-Offline-Gefälle: Während virtuelles Shopping für fast die Hälfte des absoluten Jahreswachstums stehe, wachse der stationäre Einzelhandel nominal um gerade einmal 1,3 Prozent.

Insbesondere kleine Unternehmen seien mit der Geschäftslage unzufrieden, wie die aktuelle HDE-Umfrage unter 1.000 Unternehmen aller Größen, Branchen und Standorte ergeben hat. Nur noch 30 Prozent der befragten Firmen erwarten für das erste Halbjahr 2019 steigende Erlöse, 2018 hatten noch 37 Prozent optimistische Geschäftserwartungen gehegt.

Mangelhafte Infrastruktur in großen Städten

Gründe für die getrübte Stimmung sieht Genth etwa in der mangelhaften Infrastruktur vor allem in großen Städten, die  – zusätzlich gebeutelt durch immer stärkeres Verkehrsaufkommen  – die Erreichbarkeit stationärer Händler erschwere. „Für kleine Unternehmen sind deshalb nicht nur vitale und saubere Innenstädte wichtig, sondern auch neue Verkehrskonzepte – der Mittelstand braucht Hilfe von der Politik“, bekräftigt Genth.

Reformbedarf sieht der HDE-Hauptgeschäftsführer zudem bei der Besteuerung kleinerer und mittelständischer Unternehmen. Die Hinzurechnungsregelungen bei der Gewerbesteuer wirkten sich in vielen Fällen krisenverschärfend aus. Überdies seien die Kosten für die Energiewende weiterhin ungerecht verteilt. Anstelle des komplizierten Umlagesystems solle die Energiewende über einen CO2-Preis finanziert werden, empfiehlt Genth: „Das hätte zudem eine positive Steuerungswirkung auf den Klimaschutz.“ Auch der demografische Wandel und nicht zuletzt die Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Brexit drückten auf die Stimmung vor allem im Mittelstand.

In diesem Umfeld erweise sich die Konsumfreudigkeit der Verbraucher als wichtiger denn je. „Die Konsumausgaben dürften im laufenden Jahr um 1,5 Prozent wachsen“, prognostiziert Genth. Gesetzesnovellierungen wie etwa die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung stärkten die Kaufkraft der Menschen immens. Der Einzelhandel werde deshalb – aller interner Skepsis zum Trotz – seine Erlöse ohne Kraftfahrzeuge, Tankstellen, Brennstoffe und Apotheken im laufenden Jahr moderat erhöhen können. „Der Umsatz ohne Mehrwertsteuer“, sagt Genth, „wird nach Prognose des HDE um zwei Prozent auf 537,4 Milliarden Euro steigen, preisbereinigt wird das Umsatzplus rund 0,5 Prozent betragen.“

Azubikampagne in sozialen Kanälen

Wesentlich hierfür sei auch eine unverändert gute Lage am Arbeitsmarkt. „Die Zahl der Erwerbstätigen wird 2019, getragen von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen, nochmals um knapp 400.000 Personen steigen“, schätzt Genth. Noch sei der Fachkräftemangel im Einzelhandel glücklicherweise nicht durchschlagend angekommen. Damit das so bleibt, kündigt Genth an, in Kürze eine Social-Media-Kampagne zu starten, mit der man jungen Menschen die Ausbildung im Handel schmackhaft machen wolle.

Denn, so Genth, gerade in einer Welt, die immer digitaler wird „brauchen wir in unserer Branche weiterhin qualifiziertes Personal – 80 Prozent der Top-Führungskräfte Deutschlands kommen aus dem deutschen Handel“. Eine Quote, die den Ehrgeiz beim Nachwuchs von Morgen anstacheln sollte.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) ist die Spitzenorganisation des deutschen Einzelhandels. Insgesamt erwirtschaften nach seinen Angaben in Deutschland rund 300.000 Einzelhandelsunternehmen mit drei Millionen Beschäftigten an knapp 450.000 Standorten einen Umsatz von 525 Milliarden Euro jährlich. 

Schlagworte: Jahrespressekonferenz HDE, Mittelstand

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