Die Stadtgrenzen des Wachstums

Der Handelsverband Deutschland (HDE) prognostiziert für dieses Jahr ein moderates Umsatzplus von zwei Prozent für die Branche, das vor allem vom E-Commerce getrieben wird. Kleine Unternehmen in Innenstadtlagen blicken indes zunehmend pessimistisch in die Zukunft.

Von Ralf Kalscheur 01.02.2019

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Innenstädte als Wirtschaftsstandort sind auf die Unterstützung der Politik angewiesen, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Das Wachstum im Einzelhandel schwächt sich leicht ab, doch wird die Branche nach der Prognose des Handelsverbandes Deutschland ihren Nettoumsatz in diesem Jahr im Vergleich zu 2018 moderat um zwei Prozent auf dann 535,5 Milliarden Euro steigern. Im Vorjahr stiegen die Nettoerlöse noch um 2,3 Prozent auf 525 Milliarden Euro. Preisbereinigt wird das Umsatzplus 2019 rund 0,5 Prozent betragen. Dabei wächst der stationäre Einzelhandel 2019 um nominal 1,2 Prozent, während der Onlinehandel seine Erlöse um 9,1 Prozent auf 58,5 Milliarden Euro erhöht. Damit steht der E-Commerce für fast die Hälfte des absoluten Jahreswachstums. 

Allerdings sind On- und Offlinehandel längst keine getrennten Lager mehr. Zahlreiche Stationärhändler machen Geschäfte im Netz und Pure Player drängen auf die Fläche. „Händler, die ihre Kunden im Geschäft und online bedienen, profitieren von der Entwicklung“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Für den rein stationären Handel in den Innenstädten verschärft sich die Situation durch rückläufige Kundenfrequenzen hingegen immer weiter.“

Eine aktuelle Umfrage des HDE unter 850 Unternehmen aller Standorte, Größenklassen und Branchen zeigt, dass Händler die Geschäftslage 2019 im Vergleich zum Vorjahr als schlechter einschätzen. Eine deutliche Mehrheit der Befragten berichtet im Zweijahresvergleich von gesunkenen Besucherzahlen. In den Innenstädten erleben drei Viertel der Unternehmen abnehmende Frequenzen. Die Innenstadthändler schätzen ihre Geschäftslage in diesem Jahr schlechter ein als in den vergangenen zehn Jahren. Nur jedes zehnte kleinere Unternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten bewertet seine Situation als gut. 

Warnung vor Diesel-Fahrverboten

„Der Wirtschaftsstandort Innenstadt ist auf Unterstützung aus der Politik angewiesen“, betont Stefan Genth. Die Kunden, die die Citys gezielt zum Shoppen aufsuchen, kauften zwar nach wie vor gut und gern in den Geschäften ein, doch nehme die Zahl der Impulskäufe durch Laufkundschaft ab. „Diese Entwicklung betrifft alle Volkswirtschaften in Europa und darüber hinaus“, so Genth. Geboten seien daher Investitionen in gut erreichbare, attraktive Innenstädte. Fahrverbote für Dieselfahrzeuge indes, durch die Einzelhändlern beträchtliche Umsatzverluste drohen, seien kontraproduktiv.
Zur Europawahl 2019 hat der HDE auf der Webseite ep2019hde.eu die grundlegenden Forderungen des Handels in den Handlungsfeldern Digitales, Nachhaltigkeit, Freihandel und Wettbewerbsfreiheit zusammengestellt. Dazu gehört die Forderung nach praxisnahen Datenschutzregelungen, die eine digitale Vernetzung des Erlebnisraums Innenstadt ermöglichen. Auch beim Abbau von Handelshindernissen im Binnenmarkt und bei der Schaffung fairer Wettbewerbsregeln für alle Vertriebskanäle ist die EU gefragt. „Der private Konsum bleibt ein wesentlicher Treiber des gesamtwirtschaftlichen Wachstums“, sagt Genth. Der weiterhin guten Lage am Arbeitsmarkt und robusten Konjunkturdaten stehen handelspolitische Konflikte und Unsicherheiten rund um den Brexit gegenüber, die die Anschaffungsneigung der Verbraucher tendenziell dämpfen. 

Im Vorjahr konnten vor allem die Fahrradbranche im wachsenden Freizeitsegment sowie der Einzelhandel mit Lebensmitteln angesichts eines zunehmend qualitätsbewussten Verbraucherverhaltens Umsatzsteigerungen verbuchen. Unter dem langen, heißen Sommer litten insbesondere der Textil- und Schuhhandel und die Branchen Spielwaren sowie elektrische Haushaltsgeräte.

Das Weihnachtsgeschäft 2018 blieb hinter den Erwartungen zurück. Die Branche hatte mit einem nominalen Umsatzplus von zwei Prozent in den Monaten November und Dezember gerechnet, doch unter dem Strich stand nur ein Anstieg von 0,4 Prozent. Während im November die Rabattaktionstage amerikanischer Prägung – Black Friday und Cyber Monday – für eine Belebung des Geschäfts sorgten, kühlte sich die Kauflaune im Dezember merklich ab. Insbesondere an den Werktagen blieb es in vielen Geschäften ruhig. 

Zahl der Beschäftigten gestiegen

Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate betrug zwischen 2010 und 2018 beachtliche 2,6 Prozent (preisbereinigt 1,6 Prozent). Eine vergleichbar lange Phase wachsender Einzelhandelsumsätze gab es zuletzt in den 1980er-Jahren, so der HDE. Insgesamt bleiben die Rahmenbedingungen für den Einzelhandel auch 2019 günstig. Die Befürchtung, die Digitalisierung könne Jobs kosten, hat sich bislang nicht bewahrheitet – im Gegenteil. 2018 baute die Branche im Vergleich zu 2017 erneut die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aus und verzeichnete einen Zuwachs von 32 000 Stellen. Der Faktor Mensch ist im Handel also weiterhin eine entscheidende Größe für die Erfolgsbilanz. 

Schlagworte: HDE, Jahrespressekonferenz HDE, Branchenumsatz, Innenstadt-Lage, Stadtentwicklung

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