Handel in der Innenstadt: Wissen ist überall

Die „Dialogplattform Einzelhandel“ hat die Arbeit aufgenommen. Bis 2017 soll sie Empfehlungen für Politik, Kommunen und Wirtschaft entwickeln. Es geht um die Frage, wie zukunftsfähige Handelsstrukturen in Zeiten der Digitalisierung und des demografischen Wandels gestaltet werden können.

Von Christoph Berdi 19.06.2015

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Gegen die Verödung: Die „Dialogplattform Einzelhandel“ erarbeitet Handlungsempfehlungen für die Entwicklung der Innenstädte und Regionen.

Mit einer dürren Passage verkündeten CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag von 2013 ihre Pläne für den Einzelhandel. Gemeinsam mit Unternehmen, Verbänden und Kommunen sollte eine Plattform ins Leben gerufen werden, sowohl um „die Verödung unserer Innenstädte zu verhindern, als auch, um die Versorgung im ländlichen Raum zu gewährleisten“.

Es ist das Verdienst des HDE, dass diese dürftigen Sätze keine leeren Versprechungen der Politik bleiben, sondern als „Dialogplattform Einzelhandel“ einen breit angelegten Diskurs über die Zukunftsaussichten des Handels hervorgebracht haben. „Wir wollten ein möglichst dichtes Programm. Das hätten wir ohne den HDE gar nicht auf die Beine stellen können“, erklärte Sigmar Gabriel, Bundeswirtschaftsminister und Vorsitzender der SPD, bei der Auftaktveranstaltung mit über 200 Gästen in Berlin, und mochte das Projekt gar nicht hoch genug aufhängen: „Es geht auch darum, wie wir morgen miteinander leben wollen.“


„Erich Greipl hat einmal definiert, was eine gute Innenstadt ausmacht: erreichbar, sauber, sicher, hell, attraktiv und herzlich.“ Jens Imorde, Stadtplanungsexperte


Demografie und Digitalisierung

In der Tat soll die Dialogplattform Einzelhandel (siehe auch „Spät, aber nicht zu spät“, handelsjournal 4_5/2015, S. 10) Antworten geben auf entscheidende, durch die Megatrends „Digitalisierung“ und „demografischer Wandel“ aufgeworfene Fragen: Was wird mit den Innenstädten? Wie lässt sich die Nahversorgung im ländlichen Raum künftig organisieren? Welche Auswirkungen haben die technische und die digitale Entwicklung? Wie verändern sich Beruf und Arbeit? Was bedeutet der Strukturwandel für die Wettbewerbspolitik?

Antworten drängen. Zum einen, weil der Strukturwandel in vollem Gange ist. Zum anderen, weil die rundlaufende Konjunktur eine trügerische Sicherheit und ein Zeitpolster vorgaukelt, das vielleicht gar nicht vorhanden ist. Die Lage sieht vordergründig gut aus: Die Beschäftigung ist hoch wie nie, die Reallöhne sind gestiegen, die Bevölkerung ist optimistisch. Der Ölpreis ist niedrig und der Wechselkurs des Euro unterstützt die exportgetriebene deutsche Wirtschaft. Doch könnte dies alles zu schön sein, um auf Dauer wahr zu bleiben. Gabriel mahnt: „Da muss man vorsichtig sein, das kann man nicht einfach in die Zukunft fortschreiben.“


„Verödung klingt nach einem dramatischen Szenario, ist aber heute bereits Realität.“ Josef Sanktjohanser, Präsident des HDE


Unter den Fittichen des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH), das aus einer Ausschreibung als Gewinner hervorging, erarbeiten Experten aus unterschiedlichen Bereichen in 16 Workshops Strategien, Handlungsempfehlungen und Best Practices. Ein mit 24 Fachleuten besetzter Beirat gibt einen Vorgeschmack auf die Kompetenzen, die auf der Dialogplattform zusammenkommen, aber auch auf die unterschiedlichen Interessen, die zusammengeführt werden müssen. Geleitet wird der Beirat von Dr. Sabine Hepperle, Abteilungsleiterin Mittelstandspolitik im Bundeswirtschaftsministerium.

Tabuthema Gewerbesteuer

„Wir fordern eine ergebnisoffene Diskussion“, erklärte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser mit Blick auf den auf zwei Jahre angelegten Diskurs. Er meinte damit auch Themen, die vernehmbar „nicht auf der Agenda“ der Politik stünden, wie etwa die Gewerbesteuer, und sprach sich zudem gegen Denkverbote in den eigenen Reihen aus: „Wir beklagen hier nicht die Digitalisierung und beschweren uns nicht über eine verfehlte Ansiedlungspolitik. Außerdem ist der HDE nicht die Schutzgemeinschaft des stationären Handels.“

Schulterschluss

Die „Dialogplattform Einzelhandel“ führt Interessen verschiedener Stakeholder zusammen. Dabei gehe es auch darum, so IFH-Geschäftsführer Boris Hedde, wie weit die Kompromissbereitschaft der Teilnehmer reiche. Und um die Haltung, wie HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth an die Adresse der Gewerkschaft Verdi gerichtet anmerkte: „Wir wünschen uns schon mehr Begeisterung für den Einzelhandel, mehr Brennen und einen Schulterschluss.“

Vor allem viele Mittel- und Kleinzentren sowie ländliche Strukturen, die einen nicht enden wollenden Aderlass an Einwohnern und Kaufkraft zu verschmerzen haben, bereiten den Akteuren der Dialogplattform Sorgen. „Wissen ist überall“, erklärte Josef Sanktjohanser und verwies damit auf seine Heimatstadt und den Sitz des Rewe-Unternehmens seiner Familie im Westerwald. Die Verwaltung des 8 100-Seelen-Orts Wissen und ortsansässige Unternehmer haben ein Planungskonzept zur „Neuen Mitte Wissen“ erarbeitet. Ziele seien eine bessere Erreichbarkeit, neue Angebote und eine höhere Aufenthaltsqualität im Rathausbereich. „Ohne eine Partnerschaft der Wirtschaft, der Kommunen, deren Verwaltungen und der Landespolitik geht es nicht“, sagte Josef Sanktjohanser, der damit auch eine Losung für die Zusammenarbeit in den folgenden Workshops ausgab.


„Der boomende Onlinehandel saugt die Kaufkraft aus den Innenstädten, vor allem aus den kleinen.“ Sigmar Gabriel


Gesund schrumpfen

Es bedarf keines Orakels, um vorauszusagen, dass viele Orte weniger Grund zum Optimismus haben werden als Wissen und ihre Strategie überarbeiten müssen. Statt weiterhin Wachstumsphantasien nachzuhängen, etwa durch neue Einkaufscenter oder Factory- Outlets auf Kosten der Nachbargemeinden, wird es vielmehr für viele Kommunen darum gehen, kontrolliert zu schrumpfen und einigermaßen gesunde Strukturen mit immer weniger Verkaufsfläche zu schaffen. „Wir werden in 30 Jahren einige Millionen Menschen weniger sein. Deshalb stehen auch die Kommunen im Wettbewerb, und da wird es Verlierer geben“, erklärte der Stadtplanungsexperte Jens Imorde.

Das Ende des Diskussionsprozesses der Dialogplattform wird 2017 ausgerechnet in den nächsten Bundestagswahlkampf fallen und damit in eine per sé unwägbare Zeit, in der Themen rasch von der politischen Agenda kippen können. Kein Wunder also, dass sich der HDE belastbare, zielgerichtet in die Zukunft weisende Ergebnisse wünscht. „Wir brauchen konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft, zum Beispiel für mehr Unterstützung des Einzelhandels durch die Kommunen“, forderte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth und unterstrich: „Da muss die Politik liefern.“


Weitere Stimmen zum Thema:

„Google vereinnahmt die ganze Wertschöpfungskette für sich. Wie da Wettbewerb stattfinden soll, hat mir noch keiner erklären können.“ Sigmar Gabriel, Bundeswirtschaftsminister, SPD

„Nichts bewegt sich im Einzelhandel von allein – keine Ware, keine Kunden, kein Geld.“Stefanie Nutzenberger, Bundesvorstand Verdi

„Digitalisierung ist ein Segen für den Handel – aber nicht für alle Einzelhändler.“ Professor Timm Homann, Geschäftsführer Ernsting‘s Family

„Wir nutzen die Infrastruktur der Städte. Neu ist der Druck von außen, die Entwicklungsgeschwindigkeit der digitalen Welt. Lassen Sie uns das nutzen!“ Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE

Schlagworte: Einzelhandel, Digitalisierung, Innenstadt, Demografie, Dialogplattform

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