Spielwarenhandel

Kunterbunte Kinderträume

Nach dem Weihnachtsgeschäft blickt Steffen Kahnt, Geschäftsführer des Handelsverbands Spielwaren, zurück auf das Jahr 2019. Im Interview redet er über den Segen hoher Geburtenraten, gefährliche Konkurrenz für Fachhändler aus dem In- und Ausland – sowie gesprächige Kuscheltiere.

Von Jens Gräber 20.01.2020

© Playmobil

Raum für Fantasie: Figuren­welten wie die farben­frohe Unterwasser­landschaft von Playmobil liegen beim Spielzeug im Trend.

Herr Kahnt, auf der Pressekonferenz Ihres Verbandes gaben Sie sich gegen Ende des Jahres zuversichtlich, dass die Deutschen 2019 in der Gesamtbilanz wieder mehr Geld für Spielzeug ausgeben werden als in den Vorjahren. Hat sich Ihr Optimismus bestätigt?

Die Spielwarenhändler waren zum Start des für uns sehr wichtigen Weihnachtsgeschäfts mit einem Umsatzplus von vier Prozent unterwegs; wir erwarten, dass wir über das ganze Jahr bei einem Plus von drei Prozent landen werden. Damit kämen wir auf einen Umsatz von 3,4 Milliarden Euro, gerechnet in Endverbraucherpreisen. Das ist ein gutes Ergebnis. Der anhaltende Babyboom in Deutschland – die Geburtenrate soll sich laut Statistischem Bundesamt auf hohem Niveau stabilisieren – wirkt sich positiv für uns aus. Im Jahr 2018 wurden rund 790 000 Kinder in Deutschland geboren, sie wachsen heran – und wünschen sich Spielzeug. Das wird den Umsatz auch in den kommenden Jahren antreiben. Denn beim Kind wird zuletzt gespart.

Welche Spielzeuge sind derzeit besonders gefragt?

Alles rund um Puppen liegt bei Mädchen im Trend, hier tragen die L.O.L.-Surprise-Figuren viel zum Wachstum bei – sie verbinden den Spaß am Sammeln mit einer Überraschung. Auch Sammelfiguren von Schleich sind weiter angesagt. Und natürlich Spielzeug mit digitalen Features: Kuscheltiere, die mit Kindern sprechen können, und Lego-Bausets, die durch Smartphone-Apps noch realistischer wirken. Ende Januar beginnt wieder die Spielwarenmesse in Nürnberg, wo die Hersteller ihre Neuheiten vorstellen und die Fachhändler entscheiden, was sie davon ins Sortiment nehmen. Letztlich schließt man aber immer ein Stück weit eine Wette darauf ab, was die Kinder am Ende wirklich gut finden.

Das Vorhersagen von Trends ist nicht die einzige Herausforderung für die Branche: Die Zahl der Spielwarengeschäfte ist rückläufig, Verbraucher kaufen immer öfter online und auch bei den Herstellern direkt ein. Mit welchen Strategien halten stationäre Unternehmen dagegen?

Tatsächlich werden inzwischen 40 Prozent des Umsatzes mit Spielwaren im Netz gemacht. Weil die Marke eine große Rolle spielt und vor allem ältere Kinder klare Wunschvorstellungen haben, bestellen viele Eltern auch online. Die Multichannel-Vermarktung von Spielzeug wird wichtiger und ist ein eindeutiger Trend in den vergangenen beiden Jahren gewesen. Einige Filialisten sind schon gut dabei, mittelständische Fachhändler nutzen inzwischen immer öfter den Service ihrer Verbundgruppe. Das heißt, sie müssen Onlineshops nicht mehr selbst entwickeln, sondern nutzen vorgefertigte Multichannel-Plattformen. Wenn 40 Prozent des Spielwarenumsatzes online laufen, heißt das aber auch, dass es offensichtlich immer noch genug Argumente gibt, Spielzeug im stationären Handel zu kaufen.

„Der Babyboom in Deutschland wirkt sich positiv für uns aus.“

Steffen Kahnt, Geschäftsführer Handelsverband Spielwaren (BVS)

Im Weihnachtsgeschäft erwuchs dem Fachhandel zuletzt zusätzliche Konkurrenz durch Discounter und Drogeriemärkte, die in dieser Zeit ebenfalls Spielwaren in ihr Sortiment nehmen.

Um der Konkurrenz durch eigentlich branchenfremde Händler zu begegnen, pushen Fachhändler andere Sortimente oder Herstellermarken, als sie in den Regalen der Discounter und Drogerien auftauchen. Sie erweitern das Sortiment etwa um Babyprodukte, Geschenkartikel und Schulsachen.

Konkurrenz erwächst auch im außereuropäischen Ausland: So können asiatische Onlinehändler in Europa und Deutschland verkaufen, halten sich aber nicht an hiesige Standards, zum Beispiel für Produktsicherheit …

Es ist tatsächlich ein Problem, dass etwa chinesische Händler, die ihre Waren auch hierzulande online anbieten, heute noch keinen Sitz innerhalb der EU unterhalten müssen. Das ändert sich zwar mit der europäischen Marktüberwachungsverordnung, aber leider gilt die erst ab 2021. Bis dahin gilt: Diese Ware kann unsicher sein, aber selbst wenn es zu einem Todesfall kommen sollte, ist der Händler im Grunde nicht verfolgbar. Es geht also im Moment noch ein bisschen wie im Wilden Westen zu und wir können nur hoffen, dass nichts passiert. Ganz abgesehen davon ist es einfach kein fairer Wettbewerb, wenn sich ausländische Händler nicht an die hiesigen Regeln halten müssen.

Die Spielwarenhändler mytoys.de, Vedes & Co. rücken enger zusammen: In dem vor einigen Jahren gegründeten Network Toys Germany (NTG) arbeiten Ihre Mitglieder daran, den elektronischen Austausch bestimmter Daten untereinander und mit Lieferanten effizienter zu gestalten. Wie geht das Projekt voran?

Das ist auf einem guten Weg. Momentan entwickelt NTG ein Dropshipping-Modul für mytoys.de, das dann auch andere Händler nutzen können. Dropshipping heißt: Die Ware lagert nicht mehr beim Händler, sondern der Lieferant schickt die Ware nach dem Verkauf direkt an den Endkunden. Dadurch reduziert sich der Lager- und Versandaufwand, aber natürlich erfordert das relativ komplexe Abstimmungsprozesse. Die Software dafür entwickelt NTG momentan; das Modul soll im Laufe des zweiten Quartals 2020 zur Verfügung stehen. ●

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