Gratis war gestern

Zuletzt sortierte Real aus, davor Penny, aber auch bei Rewe oder Lidl bekommt der Kunde keine Plastiktüten mehr. Das beweist, dass der Handel die Ziele der EU zur ­Reduktion des Plastiktütenverbrauchs aus eigener Kraft und ohne gesetzliche Vorschrift erreichen kann.

Von Mirko Hackmann 07.03.2017

© picture alliance/ EB-Stock

Ob im Elektronikfachmarkt oder im Warenhaus – immer häufiger antworten Kunden auf die Frage, ob sie denn für 20 oder 30 Cent eine Tüte erwerben wollen: „Danke, geht schon“, um dann ihren Einkauf in einen Stoffbeutel zu packen oder einfach so davonzutragen. „Die freiwillige Initiative des Handels, eine Bezahlpflicht einzuführen, funktioniert“, sagt Kai Falk, Kommunikationschef beim HDE.

Deutliche Einspareffekte
Rund 350 Unternehmen beteiligen sich inzwischen an dieser Selbstverpflichtung des Handels (SVV). Nach einer Studie der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) stehen sie für 41Prozent der Handelstonnage an Plastiktüten. Jene, die eine Bezahlpflicht eingeführt haben, berichten von einem Nachfragerückgang in Höhe von 50 bis 80 Prozent. Dazu kommt: Eine nicht unerhebliche Zahl von zum Teil sehr großen Einzelhändlern listet die Tüten ganz aus.

„Die Handelsinitiative und die öffentliche Diskussion um das Thema haben in den letzten Monaten viel bewegt. Schon 2016 dürften daher deutliche Einspareffekte entstanden sein“, denkt Falk. Kleiner Wermuts-­tropfen: So mancher Händler führt eine Bezahlpflicht ein, ohne der Vereinbarung beizutreten. Das erschwert den Nachweis der Verbrauchsreduzierung erheblich. „Der Erfolg der SVV kann somit nicht allein am Beteiligungsgrad der Vereinbarung gemessen werden.“

Nach der jüngsten Erhebung der GVM lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststofftaschen bereits 2015 bei 68 Stück und damit deutlich unter dem Wert (74), den das Bundesumweltamt bisher für Deutschland angenommen hatte. Ziel der am 1. Juli vergangenen Jahres in Kraft getretenen SVV ist es, binnen zehn Jahren den jährlichen Verbrauch von Plastiktüten in Deutschland auf 40 pro Kopf zu senken. Damit folgt das Bundesumweltministerium einer EU-Richtlinie. Um das besagte Ziel zu erreichen, sollen bis Mitte 2019 80 Prozent der Kunststofftüten im Einzelhandel kostenpflichtig sein. „Wir werden genau hinschauen, wie gut die Vereinbarung umgesetzt wird“, mahnte Umweltministerin Barbara Hendricks seinerzeit bei der Vertragsunterzeichnung und behielt sich vor, bei Verfehlung des Reduktionsziels „ordnungsrechtliche Maßnahmen einzuleiten“.

Bagatellgrenzen für KMU
Daher appelliert der HDE an alle Unternehmen des deutschen Einzelhandels, sich alsbald der Vereinbarung anzuschließen, um der GVM eine saubere Messung der Volumina zu ermöglichen, die das Ministerium benötigt, um valide Daten nach Brüssel reportieren zu können. „Vor allem viele kleinere Unternehmen fürchten Aufwand und Kosten“, weiß Falk.

Davor schützen sie jedoch die in der Vereinbarung mit dem Ministerium festgesetzten Bagatellgrenzen. Kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern und weniger als 50 Millionen Euro Umsatz, die weniger als zehn Millionen Plastiktüten jährlich an Endkunden ausgeben, sind von jeglichen Gebühren befreit.

Falk: „Der Handel muss nun zusammenstehen, um die angestoßene Entwicklung fortzusetzen und die deutsche Vorreiterrolle weiter auszubauen.“ Wichtig ist auch eine Beteiligung anderer Branchen, wie des Bäckerhandwerk sowie von Imbissen und Kiosken, die für rund ein Drittel des Tütenumsatzes in Deutschland stehen. „Hier werden wir gemeinsam mit der Politik die Werbetrommel rühren“, sagt Kai Falk.

Schlagworte: Agenda, Plastiktüten, Umweltpolitik, Umweltbewusstsein

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