Räume mit Zukunft

Die Perspektiven kleiner Städte und Gemeinden standen im Zentrum der diesjährigen Urbanicom-Studientagung in Hannover. Über verkannte Potenziale und die Bienenstöcke der Kreativen.

Von Cornelia Dörries 03.07.2018

© picture alliance/Armin Weigel

Was verbindet einen T-Shirt-Designer  mit einer leer stehenden Dorfbäckerei und einer DHL-Packstation? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch wer sich mit der gegenwärtigen Entwicklung in Stadt und Land auseinandersetzt, kann Zusammenhänge auch dort entdecken, wo sie bislang nur wenige vermuten. Welche Chancen sich dabei nicht zuletzt für den Handel ergeben, stand  im Mittelpunkt der 41. Urbanicom-Studientagung in Hannover: „Alles neu macht die Digitalisierung?!“.

Mit diesem Motto zwischen Frage und Gewissheit kokettierte der deutsche Verein für Stadtentwicklung und Handel indes nur auf seiner Einladung. Dass sich im Zuge der Digitalisierung alles neu sortiert, bezweifelt niemand. Doch weil diese Entwicklung nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern in einer analogen Umwelt, lautet die interessantere Frage, wie sich die Trägheit von Häusern, Straßen und Orten mit dieser rasanten Dynamik in einen fruchtbaren Zusammenhang bringen lässt. „Dort, wo tief greifende Veränderungen zu ­erwar­ten sind, können an anderer Stelle neue Strukturen entstehen“, glaubt der Urbanicom-Vorsitzende Lovro ­Man­dac.

Wie aber können auch Kleinstädte vom digitalen Wandel profitieren? Welche Chancen bieten sich für den Handel mit der Flexibilisierung von Arbeit und Mobilität? Und wo erfordert die Wucht der Digitalisierung möglicherweise regulierende Eingriffe? Die Ausgangslage ist bekannt: Vom Bevölkerungszuwachs um gut 2,2 Millionen Menschen seit 2010 hat Deutschland regional auf höchst unterschiedliche Weise profitiert. Während die Großstädte und ihr Umland stark gewachsen sind, hielt der Bevölkerungsrückgang in abgelegenen ländlichen Regionen unvermittelt an. Dass sich gleichwertige Lebensverhältnisse ausschließlich über marktwirtschaftliche Prozesse herstellen lassen, hält mittlerweile sogar die Bundesregierung für fragwürdig. Doch ob staatliche Eingriffe allein etwas bewirken können?

Dorfbäckerei als Co-Working-Space
Christian Mainka von der City & Bits GmbH in Berlin will sich darauf jedenfalls nicht verlassen. Er beschäftigt sich mit der Inwertsetzung ländlicher Räume mithilfe neuer Arbeitsmodelle und will damit vor allem jene erreichen, die von ihrem Wohnort an der Peripherie zum Büro pendeln müssen. Das sind in Deutschland mittlerweile 60 Prozent aller Beschäftigten. Mainkas Konzept nutzt die Vorzüge der Digitalisierung zugunsten jener Gemeinden, die über das verfügen, was in der Stadt knapp und teuer ist: Platz. Moderne Telearbeit lässt sich dank der Digitalisierung schließlich auch in den zuhauf leer stehenden Gewerbeimmobilien kleiner Kommunen ansiedeln: die alte Dorfbäckerei als Co-Working-Space. Mit der Belebung dieser Räume kehre, so Mainka, der Landbewohner nicht nur als Beschäftigter zurück, sondern auch als Kunde für Handel und Gastronomie vor Ort. Die Vorzüge dieser Idee liegen auf der Hand: abschwellende Pendlerströme sowie eine gestärkte lokale Wertschöpfung.

Wie so etwas gelingen kann, weiß Claudia Muntschik. Die Architektin aus Dresden betreut im sächsischen Zentrum für die Kultur- und Kreativwirtschaft die Region Ostsachsen, wo sie versucht, über die Ansiedlung kleiner, innovativer Betriebe und Projekte wieder Leben in verwaiste Quartiere zu bringen. Sie vermittelt zwischen Kommunen sowie privaten Akteuren und einer Branche, die von ihrer wirtschaftlichen Stärke so wenig weiß wie leider auch viele Entscheider in Politik und Verwaltung. Die deutsche Kultur- und Kreativwirtschaft ist mit einer Bruttowertschöpfung von knapp 99 Milliarden Euro (2016) eine Schlüsselbranche und hat mit ihrer Wirtschaftsleistung inzwischen sogar die chemische Industrie, die Energieversorger und die Finanzdienstleister überholt. In gewissem Sinne sind die Beschäftigten dieser Branche die Bienen der Volkswirtschaft: Wo sie fehlen, gedeiht nur wenig, wo sie sich niederlassen, wird es meist bunt und lebendig.

Kreativwirtschaft zeigt Potenziale auf
Dass diese Regel nicht nur in Großstädten gilt, beweisen Orte wie Chemnitz, Plauen oder Görlitz, in denen kleine Start-ups – vom Designer veganer T-Shirts über eine Holzhandtaschen-Erfinderin bis hin zu einem DDR-Vintage-Fahrradladen – den Impuls für die Wiederbelebung ganzer Quartiere gaben. Dass sich nicht wenige dieser Akteure zugleich auch als Händler verstehen, die ihre Ware ganz selbstverständlich sowohl im Netz als auch vor Ort verkaufen, folgt einem übergeordneten Trend, den auch Michael Reink, HDE-Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik, erkennt: „Die Kreativen treten sowohl als Produzenten wie auch als Händler auf und zeigen damit, wo die Potenziale für unsere Branche und für unsere Städte und Gemeinden schlummern.“

Doch die Entwicklungen, insbesondere die wachsenden Umsätze im Onlinehandel, stellen die Kommunen auch vor handfeste Probleme. Wie ist insbesondere angesichts der Wachstumsraten bei FMCG eine Belieferung möglich, die Innenstädte nicht kollabieren lässt und Kundenzufriedenheit garantiert? „Es gibt noch keine Lösung, nur die Einsicht, dass es um Punkte statt Fläche gehen muss“, sagt Sven Altenburg von der Prognos AG, die dazu forscht. Also überall Pick-up-Points nach dem Modell der DHL-Packstation? Einig sind sich die Urbanicom-Teilnehmer mit Hilmar von Lojewski vom Deutschen Städtetag, der betont: „Die Qualität von öffentlichen Räumen darf nicht der Gratisbelieferungsmentalität zum Opfer fallen.“ Denn um genau diese Qualität geht es letztendlich.

Schlagworte: Digitalisierung, Urbanicom, Stadtentwicklung

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