Planvolle Wiedergeburt

Attraktive Innenstädte werden für den stationären Handel immer wichtiger – eine Herausforderung, für die der HDE die Branche stärker sensibilisieren will. Eine Informations­reise nach Innsbruck offenbarte den Teilnehmern Strategien und Möglichkeiten.

Von Martin Jahrfeld 22.11.2016

© Trejo/Fotolia

Eine schönere Einkaufskulisse als die Tiroler Alpen kann sich kein Händler wünschen. In der City von Innsbruck sind die Berge zum Greifen nah, der Aufstieg in das Gebirgsmassiv scheint am Ende der Fußgängerzone zu beginnen. Doch die Tiroler Landeshauptstadt ist nicht nur wegen ihrer exponierten Lage, sondern auch aufgrund ihrer Attraktivität als Handelsstandort einen Besuch wert.

Fachleute aus den Bereichen Handel, Architektur und Stadtplanung waren im September auf Einladung des HDE, des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung sowie der Bundesstiftung Baukultur nach Innsbruck gekommen, um sich über neue Strategien und Konzepte zur Revitalisierung der Innenstädte zu informieren. In seiner Begrüßungsrede unterstrich HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth gegenüber Gastgebern und Teilnehmern die Dringlichkeit dieser Aufgabe: „Die Gestaltung der Handelsstandorte wird auch durch die alternativen Einkaufsmöglichkeiten des Onlinehandels immer wichtiger. Hierzu tragen die Kommunen, aber auch die Projektentwickler und nicht zuletzt der Handel selbst eine hohe Verantwortung. Das Thema Baukultur muss wieder ein Leitthema des Handels werden. Schließlich wird die Gestaltung der Innenstädte nach wie vor von Handelsimmobilien bestimmt.“

Mit Angeboten wie der Veranstaltung „Handelsdialog – Die Reise“ will der HDE die Branche für das Thema weiter sensibilisieren. Genth: „Mit der Bundesstiftung Baukultur und dem Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung haben wir zwei synergetische Partner gefunden, die mit ihren Netzwerken einen guten fachlichen Austausch garantieren.“

Investitionen in die City forciert

Auch in den Reihen der österreichischen Gastgeber konnte der HDE auf kompetente Gesprächspartner zählen. Die Innsbrucker Innenstadt hat in den zurückliegenden Jahrzehnten eine ebenso umfassende wie erfolgreiche Revitalisierung erlebt. „In den Achtzigern war die Situation kritisch; es bedurfte einer deutlichen Umgestaltung und Neuorientierung“, so Stadtplanerin Irene Zelger. Seitdem ist viel geschehen: Die Suburbanisierung wurde gestoppt, Investitionen in die City wurden forciert. Wohnraum wurde verdichtet, Straßenbahn und Pkws wurden aus den großen Einkaufsstraßen verbannt, die verbliebenen Autos durch zusätzliche Tiefgaragenplätze unter die Erde verlegt. Neu gestaltete Plätze und Wegeachsen sorgten für mehr Aufenthaltsqualität und längere Verweildauer.

Dies wiederum bot die Basis für die Neuansiedlung zeitgemäßer, zum Teil hochwertiger Shoppingkonzepte. Augenfälligster Ausdruck der Transformation ist das von David Chipperfield entworfene, 2010 wieder eröffnete Traditionskaufhaus Tyrol, das täglich fast 20 000 Besucher anzieht. Besonderer Clou: Während sich die moderne, für Innsbruck eher untypische Außenfassade aus großen Fenstern harmonisch in die historische Straßenfront einfügt, bleibt der dahinter liegende Einkaufskomplex mit 50 Shops vollständig verborgen.

„Noch vor zehn Jahren befand sich Innsbruck im Dornröschenschlaf, heute ist es ein sehr attraktiver Treff für Jung und Alt“, registriert Immobilienunternehmer René Benko, zu dessen Portfolio seit 2004 auch das Kaufhaus Tyrol zählt. Für Ex-Kaufhof-Chef Lovro Mandac, der in Innsbruck mit Benko über die Zukunft des städtischen Handels diskutierte, wird es höchste Zeit, dass auch Deutschlands Händler derartige Erfolgsgeschichten genauer unter die Lupe nehmen. „Zur Stärkung der Innenstädte hat der Handel in Deutschland lange Zeit gar nichts unternommen und sich allein auf den guten Umsätzen ausgeruht. Auch dem Trend zur grünen Wiese wurde nichts entgegengesetzt. In Städten wie Oberhausen oder Duisburg sieht man die verheerenden Resultate“, zürnte Mandac und entwarf ein eher düsteres Zukunftsszenario: Mangelnde Sicherheit und Sauberkeit in vielen Städten, schlechte Verkehrsanbindung sowie wachsende Onlinekonkurrenz könnten den Problemdruck künftig noch deutlich verschärfen.

Unvermeidlich sind solche Entwicklungen jedoch nicht. Das Erfolgsbeispiel Innsbruck könnte auch jenen deutschen Städten Inspiration bieten, die hinsichtlich der geografischen Lage, der regionalen Bedeutung oder des touristischen Potenzials weniger privilegiert sind als die Tiroler Landeshauptstadt. Eine wichtige Voraussetzung für die Revitalisierung der Innenstadt – das zeigt Innsbruck deutlich – ist die Einbeziehung externer Kompetenz und Kreativität.

Architekturwttbewerbe sichern Qualität

So wurde das neue Verkehrskonzept von Innsbruck nicht etwa behördenintern, sondern von drei deutschen Universitätsprofessoren entwickelt. Wichtiger noch: Nahezu sämtliche Entwicklungs- und Planungsarbeiten im Rahmen der City-Revitalisierung vergab die Stadt nicht mittels konventioneller Ausschreibungen, sondern auf Basis von Architekturwettbewerben. „Die Wettbewerbe sind ein wesentlicher Beitrag zur Qualitätssicherung“, so Innsbrucks Baustadtrat Gerhard Fritz. Die Verwaltung müsse bei der Stadtplanung als Moderator agieren und unterschiedlichste Expertenmeinungen und Gruppeninteressen berücksichtigen.

Wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist die Einrichtung temporärer Gestaltungsbeiräte, die mittels beratender Funktionen dazu beitragen, Bauprojekte auf eine breite Basis zu stellen, und auf diese Weise für Transparenz und gesellschaftliche Akzeptanz sorgen. HDE-Standortexperte Michael Reink: „Architektenwettbewerbe und Gestaltungsbeiräte werden für die Stadtplanung immer wichtiger. Sie erschließen kreatives Potenzial und helfen, Fehlentwicklungen zu vermeiden.“

Schlagworte: Agenda, Stadtplanung

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